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Zürich braucht mehr Dialog denn Heilige

Informationsbeauftragter Synodalrat und stellvertretender Bereichsleiter
Aschi Rutz

Schwerpunkte: Verhältnis Kirche Staat, Kirchgemeinden, Jahresbericht und Informationsblatt

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Bekommt Zürich einen neuen Heiligen? Unsere Probleme liegen anderswo. Im fehlenden Dialog.
03. Juli 2020 3 Kommentare

Zwei Stunden lang wurden gestern in Zürich, argwöhnisch beobachtet von den drei Stadtheiligen Felix, Regula und Exuperantius, zehn grosse Kisten mit insgesamt 13'000 Seiten gefüllt, verschnürt und versiegelt sowie gegen 250 Unterschriften geleistet. Die 130 Kilogramm schweren Akten mit einer lückenlosen Biografie, Aussagen von Zeugen, Briefen, Fotos, Veröffentlichungen sowie Berichten zu Wundern des 1989 verstorbenen ETH-Ingenieurs und Opus Dei-Mitglieds Toni Zweifel treten nun die Reise in den Vatikan an, wo die römische Kongregation für die Selig- und Heiligsprechung die formelle Korrektheit des Verfahrens prüft.

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Mit dabei am ungewöhnlich anmutenden Ritual war auch der Apostolische Administrator, Bischof Peter Bürcher. Ich habe nichts gegen Selige und Heilige, weiss Gott. Irritiert bin ich trotzdem. Vor zwei Wochen hatten sich gut 80 Personen auf dem Churer Hof getroffen und wollten Bischof Bürcher Petition und Unterschriften übergeben. Er liess diese Menschen abblitzen und delegierte die Übergabe der Petition an seine Kanzlerin. Das drückt unmissverständlich aus, wo’s im Bistum klemmt: am Dialog. Es scheint für Chur einfacher zu sein, mit vielen Dokumenten einen toten Menschen auf dem Weg zu seiner Selig- oder gar Heiligsprechung in Zürich zu begleiten, als 80 engagierte Katholikinnen und Katholiken – darunter einige wackere Wandersleut aus Zürich – in Chur im Hof zu empfangen und Akten entgegen zu nehmen oder wenigstens eine kleine Grusszeile ausrichten zu lassen...

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Dass es um den Dialog im Bistum Chur schlecht bestellt ist, ist nichts Neues. Warum dem so ist, macht forum-Chefredaktor Thomas Binotto in seiner Analyse zur verfahrenen Situation im Bistum Chur am hierarchischen Kirchenverständnis und bei der Wahrheit fest. Diese wird von der Hierarchie verkündet und ist unverhandelbar. Das lässt echten Dialog, der in die verschiedenen Positionen Bewegung bringt, nicht wirklich zu. Wie so eine Erneuerung der Kirche aussehen könnte, zeigt der im Ruhestand lebende Winterthurer Pfarrer Albert Mantel in seinem Blog auf. Diese sieht er einerseits im Leben und Glauben des einzelnen Menschen. Auf der anderen Seite postuliert er eine grundlegende Veränderung der kirchlichen Strukturen – weg von Macht, Hierarchie und Zentralismus, hin zu Kollegialität, Synodalität und Regionalisierung.

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Albert Mantel ist aufgrund von biblischen Grundlagen überzeugt, dass Jesus von Nazareth keine Kirche mit bestimmten Strukturen ins Leben gerufen hat, sondern mit seinen Worten und seinem Handeln eine Bewegung ausgelöst hat. Mit Taten und Worten unermüdlich unterwegs sind seit 16 Wochen an der Langstrasse Schwester Ariane und Pfarrer Karl Wolf – zusammen mit vielen Freiwilligen. Auch wenn die Abgabe von Lebensmittelpaketen morgen Samstag eingestellt wird, geht die Unterstützung und Begleitung von bedürftigen Menschen weiter. Schwester Ariane: «Hier an der Langstrasse wird die Botschaft des Evangeliums gelebt. Mit materiellen Gütern, in der persönlichen Begegnung und im Gespräch geben wir diesen Menschen ein Stück ihrer Würde zurück.»

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Apropos Gespräch: Schwer tut sich mit und im Gespräch der Apostolische Nuntius Thomas Gullickson. «Diplomatie ist nicht seine Stärke. Er poltert lieber», schreibt Raphael Rauch auf kath.ch in einer zweiteiligen Situationsanalyse. So beschimpfte Gullickson die NZZ schon mal als Skandalblatt und sprach von «hasserfüllten Provokateuren», die er am Hirschengraben 666 in Zürich vermutete. Bei der Zahl kann sich der Nuntius ja vertippt haben. Oder auch nicht. «666» gilt auf jeden Fall als Zahl des Antichristen.

 

Auf einer Podiumsdiskussion der Luzerner Zeitung verstieg sich der Nuntius in lockerem Tonfall zudem zur Aussage, dass es noch Länder gebe, wo sich Priester problemlos am Sonntag mit den Menschen unterhalten dürften. Nicht so in der Schweiz, dort seien die Arbeitsstunden im Büro genau festgehalten. Reinste Polemik gegen das duale System und damit gegen die Mitverantwortung tragenden Laien.

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Polemisch unterwegs war diese Woche mit Klaus Stöhlker auch eines der Urgesteine der Zürcher Katholiken. Im Taktschlag eines stampfenden Stakkatos reihte Stöhlker auf «Inside Paradeplatz» Behauptung an Behauptung. Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding reagierte in einem offenen Brief und zerzauste Punkt für Punkt des PR-Altmeisters. In einer Sache pflichtete sie Stöhlker aber voll und ganz zu: Die intransparenten Vorgänge rund um die Neubesetzung des Churer Bischofsstuhls sind eine schwere Belastung – nicht nur für die Kirche in Zürich und das ganze Bistum Chur, sondern für die ganze katholische Kirche in der Schweiz.

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So kritisch und «unerhört» sich Klaus Stöhlker über die Zürcher Kirche auslässt und so klar und unmissverständlich Franziska Driessen-Reding seine wirren Behauptungen zurechtrückt: Die beiden bleiben im Dialog und werden sich nächstens persönlich treffen. Das ist gut so. Mit den Heiligen will dies so rasch wohl nicht funktionieren!

 

Bleiben Sie gesund und im Dialog!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und grüsse herzlich

 

Aschi Rutz

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.