Über uns

Umkrempeln und die Verhältnisse zum Tanzen bringen

Bereichsleiter Kommunikation, Sekretär Interreligiöser Runder Tisch im Kanton Zürich
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Katholischer Theologe und Journalist.

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Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir uns vor rund zwei Jahren in kleiner Runde in der morgendlichen Kaffeepause darüber unterhielten, wie wohl Papst Franziskus seine Reformideen angesichts all der Widersacher, Bremser und Intriganten an seiner Kurie umsetzen könne.
05. März 2021 6 Kommentare

Mitten unter uns auch Joseph Bonnemain, von mir spasseshalber schon damals gern als «episcopus in spe» begrüsst. Jetzt wird Joseph Bonnemain tatsächlich unser neuer Bischof. Umso mehr Gewicht erhält das, was er uns in dieser Kaffeerunde sagte: «Es ist ganz einfach. Der Papst muss den ganzen Laden von Grund auf umkrempeln!" Ein starkes Wort des sonst eher stillen und besonnenen Kirchenmanns. Und ein Wort, an dem er künftig selbst gemessen werden wird.

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Mit Vorschusslorbeeren wurde Bonnemain ja förmlich überhäuft. Die Erwartungen von (fast) allen Seiten sind gewaltig. Ein Übermass an Lorbeer kann aber auch den Geschmack verderben und der Lorbeerkranz sich als getarnte Dornenkrone entpuppen. Bleiben wir also auf dem Boden.

Ein Triumphzug wird der Gang nach Chur kaum werden, eher ein Himmelfahrtskommando. Im wahrsten Sinn des Wortes: Gelingt es Joseph Bonnemain, die in ihn gesetzten Hoffnungen auch nur halbwegs zu erfüllen, hat er sich den Himmel auf sicher verdient. Doch eben, vorher muss «umgekrempelt» werden.

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Der neue Bischof bringt eine reiche Erfahrung als Seelsorger und hohe Sensibilität für menschliche Nöte, Sorgen und Hoffnungen mit. Das ist sicher die wichtigste und wertvollste Voraussetzung für sein Amt, hierauf gründen auch die in ihn gesetzten Hoffnungen. Aber ein Bischof ist mehr als ein Seelsorger. Auf einen Schlag wird Bonnemain, der nie eine Pfarrei oder sonstige Institution leitete, oberster Personalchef von rund 750 Mitarbeitenden in der Seelsorge. Bisher hatte er in seinem Offizialat ein kleines Sekretariat und einen fachlichen Mitarbeiter zu führen, mehr nicht. Eine steile Herausforderung.

 

Gleichzeit trägt er Verantwortung für eine Hochschule, ein Priesterseminar, für zahllose kleinere und grössere kirchliche Stiftungen, eine beachtliche bischöfliche «Mensa» (Vermögen des Bischofssitzes) und und und. Ein Bischof ist halt auch ein CEO – für Bonnemain eine neue Welt. Das alles in einem Intrigantenstadl mit etwelchen Fallstricken und falschen Fährten. Oft hat er, der ja selbst über Jahrzehnte der Bistumsleitung angehörte, über diese Zustände im kleinen Kreis geklagt. Es gelang ihm trotz aller Mühe nicht, den stetigen Niedergang der Bistumsleitung aufzuhalten, die dann im Desaster um die Nicht-Wahl des Domkapitels endgültig Totalschaden erlitt.

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Um all das managen zu können, sind kluge Diplomatie und weitsichtige Politik vonnöten. Für einen Menschen allein schlicht zu viel der Anforderungen. Hoffen und beten wir, dass Bischof Bonnemain eine gute Hand zeigt bei der Auswahl seiner Mitarbeitenden. Er muss sich nicht nur auf ihre Loyalität verlassen können, sondern ebenso auf ihre Kompetenz.

Aber letztlich hängt es von uns allen ab, ob der Neuanfang im Bistum gelingen kann. Von jeder und jedem einzelnen von uns. Formulieren wir nicht nur, was der neue Bischof für uns tun soll, sondern lasst uns auch überlegen, was wir für den Neustart des Bistums einbringen können. Wir arbeiten in diesen Tagen an einer «Social Wall», auf der alle ihre Anregungen, Hoffnungen und Ideen posten können. Mehr dazu in der nächsten Woche.

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«Umkrempeln» setzt voraus, die Verhältnisse zum Tanzen, in Bewegung zu bringen. Eine der Vortänzerinnen im Video der Pfarrei Greifensee ist Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding, Abt Urban vom Kloster Einsiedeln tanzt mit seinen Schülerinnen und Schülern. Beschwingt, lebensfroh, nah bei den Menschen: so klingt lebendige Hoffnung aufs himmlische Jerusalem, das eben mitten unter uns Wirklichkeit wird, wenn wir uns in Bewegung setzen.

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Auf überzeugende Art verkörpert der Priester und durch die scheidende Bistumsleitung verstossene Generalvikar Martin Kopp die Hoffnung auf eine gerechtere Welt - ganz konkret im Alltag. Hier sehen Sie die eindrückliche Reportage über sein Leben in der Flüchtlings-WG.

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Fast hätte ich es vergessen, wir bekommen ja nicht nur einen neuen Bischof, sondern mit Martin Krebs auch einen neuen Nuntius. Auch er wird bereits mit Vorschusslorbeeren eingedeckt, obwohl ihn kaum jemand kennt. Aus dem deutschen Essen stammend wirkte er nahezu sein ganzes Klerikerleben rund um den Globus im Dienste vatikanischer Diplomatie. «Titularerzbischof von Taborenta», so sein wohlklingender Titel, der vor allem Schall und Rauch ist bzw. Sand und Stein. Dieses Bistum in der Algerischen Wüste gibt’s seit dem 7. Jahrhundert nicht mehr, aber der Titel hört sich trotzdem toll an. Sind wir gespannt, was er bringt. Nach seinem Vorgänger kanns ja nur besser werden. Mir würde es schon reichen, wenn ich nachvollziehen könnte, wozu es die Einrichtung der Nuntiaturen im 21. Jahrhundert überhaupt noch braucht – ausser zur Bewahrung wohlklingender Titel und Drangsalierung der Ortskirchen.

Heute ist Weltgebetstag der Frauen, die Liturgie wurde von Frauen der Südseeinsel Vanuatu gestaltet, wo Krebs auch schon tätig war. Wäre natürlich toll, wenn der neue Nuntius eine Prise lebensfrohe Südsee-Kultur in unsere Schweizer Kirche bringen und bei uns das Verantwortungsbewusstsein für dieses bedrohte Paradies fördern könnte. Warten wir ab, heissen wir ihn erstmal willkommen.

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Im Hinblick auf Ostern noch ein letzter Veranstaltungstipp: Die Paulus Akademie lädt zum Web-Talk über Milo Raus neuen Jesus-Film ein: 29. März, 20 Uhr. Im Rahmen der Solothurner Filmtag war «Das neue Evangelium» bereits zu sehen, mich hat dieser provokative wie berührende Film fasziniert. Kinostart (auch online) ist dann am 1. April, pünktlich zur Karwoche.

 

Es ist Zeit, den Newsletter abzuschliessen. Gleich startet die Gedenkminute für alle Corona-Toten und das nationale Glockengeläut. RIP – und Dank an alle, die zur Linderung des Leids beigetragen haben und noch immer beitragen. Vergessen wir auch nicht die vielfältigen lebenden Opfer der Pandemie. Am Nachmittag des 18. April, am Sechseläuten-Sonntag, findet übrigens in Zürich ein interreligiöser Corona-Anlass statt. Mehr dazu später, aber jetzt schon vormerken.

 

Ihr Simon Spengler

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.