Aufstand für das Leben
Von einem Erlebnis der besonderen Art möchte ich nun erzählen. Letztes Wochenende besuchte ich für ein Familienfest meine alte Heimat in Deutschland. Wir übernachteten im Gästehaus der altehrwürdigen Abtei meines Dorfes, das Fenster unseres Zimmers gewährte direkten Blick aufs Eingangsportal der Kirche. Der Zufall wollte es, dass genau an diesem Samstagmorgen ein Priester zu Grabe getragen wurde, der in der gleichen Strasse gelebt hatte, in der ich aufgewachsen bin.
Nur, er lebte nicht allein. Sondern all die Jahre in aller Selbstverständlichkeit mit seiner Lebensgefährtin. Priester blieb er trotzdem. Zwar bekam er keine Pfarrei mehr, aber als Religionslehrer am Gymnasium war er bekannt und beliebt. Seine Urne, neben dem Altar aufgestellt, war geziert mit einem Kranz und einer Schleife mit der Aufschrift: «In liebender Erinnerung, G*».
Viele Priester erwiesen ihrem Kollegen die letzte Ehre, kondolierten vor der Kirche der trauernden Witwe. Selbst ein Weihbischof aus dem fernen Trier reiste an, standesgemäss mit schwarzer Audi A6-Limousine, mit Chauffeur und Zeremoniar im Tross. Die Kirche war so rappelvoll wie an Weihnachten zu meiner Kindheit.
«Typisch rheinischer Katholizismus», kam mir in den Sinn. Gegen aussen linientreu, nach innen menschlich. Aber eben auch ein Musterbeispiel für katholische Doppelmoral. Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil sie beispielhaft aufzeigt, wie sich katholische Kirche selbst im Wege steht. Warum kann die Menschlichkeit nicht zur Regel werden? Warum das Festhalten an der Doppelbödigkeit, nur um die Fassade zu retten? Warum das krampfhafte Festhalten an der Vorherrschaft des Gesetzes über dem Wohl der Menschen? Es würde doch auch anders gehen. Übrigens: Ähnliche Beispiele wie der verstorbene Priester meines Heimatdorfes gab es auch schon im Bistum Chur.

Dass es im Gebälk der katholischen Kirche bedrohlich ächzt und knirscht, ist auch im Vatikan nicht länger zu überhören. Das macht das neueste vatikanische Studienpapier zur Frauenfrage, «Teilhabe von Frauen an Leben und an der Leitung der Kirche», deutlich, das diese Woche im Nachgang zur Weltsynode veröffentlicht wurde (eine deutsche Übersetzung steht noch aus). Darin stellt das Autorenteam ungeschönt fest: «Eine wachsende Zahl von Frauen jeder Altersgruppe und in unterschiedlichen Teilen der Welt fühlt sich im Haus des Herrn nicht mehr zu Hause – bis hin zu dem Punkt, dass sie es vollständig verlassen.»
Die Studie mahnt an, diese Realität als «Zeichen der Zeit» zu verstehen, durch das der Heilige Geist spreche, und konkrete Reformen anzugehen. Wobei sie aber einmal mehr von den Frauen «Geduld und Mut» erwartet. Frauen sollen vermehrt Leitungsaufgaben in der Kirche wahrnehmen, wobei das heisse Thema «Zugang zu Weiheämtern» weitestgehend umschifft wird. Weil aber die wirkliche Leitung der Kirche schlussendlich allein bei den Bischöfen liegt, bleiben Frauen aller schöner Worte zum Trotz aussen vor, denn nur Männer können Priester und folglich Bischof werden.
Trotzdem gibt’s einen winzigen Riss im dogmatischen Betonwall um das männliche Weiheamt. So erinnert das neue Papier daran, dass die Frage zur Diakoninnenweihe «offen» sei. Ob damit bereits die «Zeichen der Zeit» erkannt sind? Für Helena Jeppesen-Spuhler, eine der Schweizer Delegierten an der Weltsynode, reicht das «bei Weitem nicht, die Zulassung zu allen (sic!) Weiheämtern bleibt ein wichtiges Thema». Wahrscheinlich noch lange.
Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass genau vor 50 Jahren bereits die vatikanische Bibelkommission festgestellt hatte, aus den Texten des Neuen Testaments könne der Ausschluss der Frauen vom Weiheamt nicht herausgelesen werden. Was hat sich geändert? Nichts. Bischöfe rechtfertigen diesen Ausschluss bis in unsere Tage unverdrossen und unbelehrbar mit Jesus und Bibel. Dies zum Stellenwert vatikanischer Studienpapiere.

Auch 2025 sind bei uns im Kanton Zürich wieder mehr Frauen als Männer aus der Kirche ausgetreten. Dieser seit einigen Jahren festzustellende Trend hält an. Aber es gibt auch eine sehr erfreuliche Nachricht: Die Gesamtzahl der Austritte hat markant abgenommen und liegt mit 5446 deutlich unter dem Schnitt der letzten zehn Jahre. Über die Gründe kann nur spekuliert werden, Untersuchungen dazu gibt es noch nicht. Mehr zum Thema auf unserer Homepage. Hoffen wir, dass auch dieser Trend anhält.

Noch ein anderer Trend beschäftigt die Kirche. In mehreren Ländern Europas nehmen die Erwachsenentaufen deutlich zu, vornehmlich in Frankreich. Oft sind die Kandidatinnen und Kandidaten ganz säkularisiert aufgewachsen. Sinnsuche, innere Leere, Halt in der so unsicher gewordenen Welt, Suche nach Orientierung und Identität werden häufig als Motive genannt. Der «Taufboom» wiegt statistisch gesehen den allgemeinen Mitgliederschwund bei Weitem nicht auf, aber er ist doch bemerkenswert.
Kardinal Jean-Marc Aveline, Präsident der französischen Bischofskonferenz, ist selbst erstaunt, sieht aber auch eine ganz neue Herausforderung, denn die Neugetauften bräuchten über Jahre eine seelsorgerliche Begleitung. Es gibt halt leider auch eine Schattenseite: Bei einem Teil (natürlich längst nicht allen) der Neo-Katholiken sind Verbindungen zur extremen Rechten unübersehbar. Die Gefahr des religiösen Fundamentalismus lauert im Hintergrund.

Um dieser Gefahr entgegenzutreten, ist ein lebensfrohes, lebensbejahendes und lebensförderndes kirchliches Leben die beste Medizin. Morgen werden am «Aktionstag für das Recht auf Nahrung» an vielen Orten der Schweiz Rosen und Wildblumen-Samen zugunsten der Fastenaktion verkauft. Auch viele Pfarreien im Kanton Zürich beteiligen sich an der Aktion. Hier die Liste (nach PLZ geordnet).

Lebensfrohe Frühlingsgefühle kommen auch am Messestand der Kirchen an der Giardina auf. Schauen Sie doch unbedingt vorbei, wenn Sie sich eh auf der Messe mit Blumenzwiebeln, Gartenstühlen oder Sonnensegel eindecken.
Feiern wir doch alle das Leben, auch im Gedenken an die Toten. Dies besonders an diesem Laetare-Sonntag zur Hälfte der Fastenzeit. Ostern als Fest der Auferstehung und des Aufstands für das Leben wartet auf uns.
Ihr
Simon Spengler

Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.
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