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Grüss Gott Zürich Brücken bauen – Brücken sprengen

Bereichsleiter Kommunikation des Synodalrates
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation. Katholischer Theologe und Journalist.

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Newsletter vom 20. März
20. März 2020 11 Kommentare

Geschätzte Leserinnen und Leser von „Grüss Gott Zürich“, ich muss Ihnen gestehen, dass ich sprachlos bin, dass mir das Verfassen dieses Newsletters schwer fällt. Dahin ist alle Leichtigkeit, meine vielen Gedanken zu ordnen, gelingt mir kaum, für das, was jetzt geschieht und was uns noch bevorsteht, fehlen mir die Worte. 

Meine Gedanken sind bei der alten, dementen Dame, die meine Frau regelmässig besuchte und die jetzt in Ihrem Zimmer einsam darauf wartet, dass doch endlich wieder jemand kommen und ihr die Hand halten möge, bei meinem Nachbarn, der seine gerade operierte Frau nicht sehen darf, beim Surprise-Verkäufer am Zürcher Hauptbahnhof, dem jetzt auch diese Chance auf „Arbeit und Brot“ genommen wurde, bei den weltweit unzähligen Angehörigen von Opfern dieser Pandemie, die nicht mal ihre Toten in Würde begraben können.

 

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Ich vermute, Vielen von Ihnen geht es ähnlich. Wir alle haben Fragen, auf die wir keine Antwort finden, auf die eine oder andere Art sind wir alle allein und viele werden in den nächsten Wochen noch einsamer werden. Ich empfinde es als einen vorgezogenen Karfreitag, der noch lange dauert. Ostern ist noch weit, weit weg, nur Leere, Sorge, Schmerz scheinen zu bleiben. Was ist in dieser Situation die Aufgabe der Kirche, unser Auftrag als christliche Gemeinschaft? 

Mir fällt dazu nur ein Wort ein: Brücken bauen. 

Ja, nur das, Brücken bauen zu den Menschen in ihrer Einsamkeit. Ein offenes Ohr bieten, helfen, wo es nötig und möglich ist, Danke sagen, miteinander und füreinander im Gebet verbunden sein. Und das geschieht. „Das kirchliche Leben blüht auf, es sprudelt geradezu vor Kreativität“, freut sich der frühere Abt des Klosters Einsiedeln Martin Werlen. 

 

Kerzen
Kerzen

 

Seelsorgende, die ihre bisherige Tätigkeit so nicht mehr ausüben können, richten telefonische Hotlines ein, bauen Whatsapp-Gruppen auf, versenden Newsletter; etliche Armee-Seelsorger begleiten die Soldaten zum Sondereinsatz; Frauengruppen laden via Facebook zum Gebet; katholische und reformierte Kirchen lancieren die Aktion, jeden Donnerstagabend eine Kerze ins Fenster zu stellen; wir alle applaudieren am Freitagmittag lautstark unseren Dank an Ärzte und Pflegende; Jugendliche kaufen für Senioren ein; Caritas und Stadtmission organisieren Übernachtungsmöglichkeiten für Gestrandete. 

 

Das kirchliche Leben ist an diesem langen Karfreitag tatsächlich so vital wie schon lange nicht mehr! Wir kommen gar nicht mehr nach, all die Aktionen, Initiativen, Ideen und Angebote vorzustellen und zu würdigen, von denen wir von überall her erfahren.

Das ist eine Feier des Karfreitags, die Gott gefällt! Schmerz teilen, Not lindern, Einsamkeit aushalten, neue Formen gemeinschaftlichen Lebens und Betens finden, auf Ostern hoffen. Nein, nicht unbedingt auf die üblichen Liturgien, die jetzt nicht stattfinden können. Die sollten nicht unsere erste Sorge sein, denn sind wir ehrlich: Wirklich vermissen tun wir die vor allem selbst, wir, das treue Stammpublikum, dem Gottesdienste in der Kirche wichtig sind. Die Mehrheit der Bevölkerung verbrachte Karfreitag gewöhnlich im Stau und Ostern dann auf einer Sonnenterrasse im Süden. 

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Jetzt ist Kreativität möglich. Wir müssen uns nicht mehr um liturgische Vorschriften kümmern, wenn es die üblichen Liturgien nicht gibt. Männer, Frauen, geweiht, nicht geweiht, jung, alt, wir können uns gleichberechtigt einbringen, unsere neue Rolle finden. Natürlich, auch ich bin dankbar, am Sonntag den Gottesdienst der Klostergemeinschaft von Einsiedeln verfolgen zu können. Aber wenn ich Videos von Priestern sehe, die vor einer Kamera einsam am Altar ihre Messe zelebrieren, beschleicht mich doch ein ungutes Gefühl: Was ist das für ein Priesterbild, das wir da in die Welt tragen, was für ein Verständnis von Eucharistiefeier, wo einer zelebriert, das Volk schaut aus der Ferne zu? Ich weiss nicht... Noch schlimmer dann, wie gestern Abend auf einem Lokalsender gesehen, wenn mehrere Kleriker gleichzeitig eng beieinander am Altar stehen, dann noch die Kommunion austeilen an Lektorin, Sigrist und wer sonst noch zur „digitalen Messe“ vor Ort war, dann wird’s sogar unverantwortlich.

 

Interessant übrigens, dass auch die kirchlichen Oberzensoren in Chur sofort gemerkt haben, dass diese neue Kreativität ihre hierarchische Welt von Vorschriften und Verboten gefährden könnte. Sie lancieren auf der Bistumshomepage eine „Ideenbörse – aber nur für Ideen, „welche die geltenden Rahmenbedingungen respektieren“. Ich hoffe fest auf genau das Gegenteil!

 

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Womit wir bei der herrschenden Clique im Bischofspalais zu Chur angekommen wären, vom Corona-Virus zum Infekt, den die Korona in Chur befallen hat. Wo wir alle auf ein tröstliches Zeichen, ein gutes Wort des Hirten warten, schlägt dieser eiskalt mit dem Vorschlaghammer zu und jagt seinen eigenen Stellvertreter in der Innerschweiz, Generalvikar Martin Kopp, in die Wüste. Just einen der beliebtesten und am meisten respektierten Seelsorger der Diözese.

Rund 600 Seelsorgende und engagierte Kirchenleute (Stand heute Mittag) bringen ihre Wut und Enttäuschung in einer Petition zum Ausdruck. Werner Inderbitzin, Vize-Präsdient der Biberbrugger Konferenz, nennt diesen Entscheid „verächtlich“, Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding spricht von „skandalösem klerikalen Machtgehabe“, der Churer Theologe Hanspeter Schmitt von einer „gravierenden inhumanen Verletzung“.  Ein regelrechter Aufstand gegen die Bistumsleitung ist entfacht, was natürlich auch diejenigen unter Druck setzt, die weiter schweigen. 

Bravo! Toll hingekriegt, Herr Bischöflicher Administrator! Wie bei Ihrem ersten Job damals als Weihbischof im Waadtland hinterlassen Sie auch in Chur nichts anderes als zerschlagenes Geschirr. Nur haben Sie es in Chur schneller geschafft als in Lausanne. Papst Franziskus sandte Sie als Brückenbauer nach Chur, Sie betätigen sich als Sprengmeister. Ihre Glaubwürdigkeit als Hirt der Diözese ist dahin, Sie haben sich zum willfährigen Werkzeug einer kleinen Clique gemacht, die um ihre Macht bangt. Weil diese nicht sicher sein kann, gegen Papst Franziskus auch künftig einen willfährigen Bischof durchzudrücken, der nach ihrer Pfeife tanzt.

 

Martin Kopp
Martin Kopp

 

Für Martin Kopp ist dieser Rauswurf keine Schande, sondern Ehre. Mein geistlicher Berater sagte mir heute: „Unsere Waffe ist, diese Leute gar nicht mehr ernst zu nehmen, sie zu ignorieren.“ Tatsächlich, kirchliches Leben braucht keinen wütenden Administrator, es sprudelt aus der Gnade Gottes. 

Verloren hat nicht Martin Kopp, verloren hat das Bischofsamt. Ich folge dem Rat und verliere zu diesem Skandal kein weiteres Wort. Das Schlusswort übergebe ich an den Zürcher Theologen und Namensvetter Bernd Kopp, indem ich seinen Kommentar auf der Petitionshomepage zitiere:

 

Im Ränkespiel der Macht als Balance zur konstruierten Eleganti-Abmahnung geopfert. Wer zieht die Fäden am Administrator und wohin ziehen diese Seilschaften? Gegensätzlicher könnten Betroffene kaum sein. Seit 30 Jahren kenne ich den couragierten Charakterbaum, keine schleimige Schlingpflanze; in geerdeter Spiritualität verwurzelt, mit kräftigen kommunikativen Farben, ohne verblichenes Andachtsgeschwafel; ein glaubwürdiger mantel-teilender Martin; hochtourig leitungsbereit. Zugleich ein seelsorglicher Baum zum Anlehnen. In seiner Kirche ist er daheim, in Chur ein knorriger Fremdkörper.

Im Sinne von Mönch Martin Werlen wünsche ich uns allen eine „Zeit der Gnade“, gerade in diesen schweren Tagen. Karfreitag bleibt nicht für immer, Ostern wird kommen, ereignet sich schon heute unter uns. Wir werden auch dieses Jahr Ostern feiern, halt später, als im liturgischen Kalender seit alters her geplant. Und vielleicht ein bisschen anders.

Tragen wir Sorge zueinander.

Ihr Simon Spengler


 

 

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.