Kirche aktuell

Alt-Abt Martin Werlen zur aktuellen Krise "Jetzt ist die Zeit zur Gnade"

Martin Werlen

Martin Werlen OSB ist ein Schweizer Benediktiner und war von 2001 bis 2013 der 58. Abt des Klosters Einsiedeln

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Dieses Wort aus dem Korintherbrief (2 Kor 6,2) hat Pater Martin Werlen zu den folgenden Gedanken inspiriert - vor allem in Anbetracht der Krisenzeit, in der wir uns gerade befinden.
14. März 2020

"Jetzt ist die Zeit zur Gnade"  (2 Kor 6,2) 

Dieses Wort in die Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest lässt jetzt besonders aufhorchen. Ist es angemessen, in einer grossen Krisenzeit von einer Zeit der Gnade zu sprechen? Auf einem Internetportal steht der Titel: «Ab Montag kommt das kirchliche Leben zum Erliegen.» Welches Kirchenverständnis! Nein, das ist nicht die Kirche Jesu Christi. Das kirchliche Leben ist mehr als die Gottesdienste in Kirchengebäuden.

Wir sind herausgefordert, nicht dem nachzutrauern, was immer war, sondern unseren Glauben jetzt zu leben. Wir sind nicht ängstlich besorgte Denkmalpfleger der Vergangenheit, sondern engagiert und vertrauensvoll Lebende im Heute. Da kann uns vieles aufgehen. Der heilige Hieronymus (347-420) schreibt: «Wir essen das Fleisch und trinken das Blut Christi im Geheimnis der Eucharistie, aber auch in der Lesung der Heiligen Schrift.»

Auch wenn wir nicht an der Eucharistiefeier teilnehmen können, dürfen wir Leib und Blut Christi empfangen. Und was passiert, wenn das Wort Brot geworden ist?

Wir fragen nicht mehr, wer unser Nächster ist, sondern wem wir Nächste werden können. Das ist das Programm, das Gott uns für diese Vorbereitungszeit auf Ostern mit auf den Weg gibt, wenn er erklärt, welches Fasten er liebt: Die Fesseln des Unrechts lösen, die Stricke des Jochs entfernen, Unterdrückte freilassen, jedes Joch zerbrechen, dem Hungrigen dein Brot brechen, obdachlose Arme ins Haus aufnehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht entziehen (vgl. Jes 58,6-7). Solidarität ist das Gebot der Stunde. Vergessen wir in der eigenen Not die Not der Menschen nicht, die ihre Heimat verloren haben und verzweifelt an unsere Türe klopfen!

Das kirchliche Leben blüht auf 

Social Media machen neue Kirchenerfahrungen möglich. Schon wenn ich einen Blick in die Twitterwelt werfe, merke ich es: Das kirchliche Leben kommt nicht zum Erliegen. Im Gegenteil: Es blüht auf. Es sprudelt geradezu von Kreativität. Da gibt es zum Beispiel unter #CoronaEremit spirituellen Rat zum Thema Alleinsein von Nonnen und Mönchen, die darin Spezialisten sind, für sich zu sein und an einem Ort zu bleiben. Über Livestream kommen Musikerinnen und Musiker in die Stube, aber auch Seelsorgerinnen und Seelsorger. Aus den Fenstern verschiedener Häuser füllt das gemeinsame Singen leere Strassen. Per Internet wird Hilfe organisiert. Auf bisher ungeahnte Weisen können wir im Gebet miteinander unterwegs sein. Lassen wir uns als Gemeinschaften und Pfarreien zu grosser Kreativität herausfordern und freuen wir uns, jetzt unseren Glauben zu leben!

Gott ist nicht dort, wo wir sein möchten, sondern da, wo wir sind. Darum ist jetzt die Zeit der Gnade.

P. Martin Werlen OSB

Diese Text dürfen wir mit Einverständnis des Autors und des Klosters Einsiedeln veröffentlichen.