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Beten ist im Trend

Bereichsleiter Kommunikation, Sekretär Interreligiöser Runder Tisch im Kanton Zürich
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Katholischer Theologe und Journalist.

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«Not lehrt beten», sagt ein altes Sprichwort. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass in letzter Zeit sehr oft über das Beten gesprochen und nachgedacht wird. Das könnte mit dem «Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein» in langen Monaten erzwungener Social-Distance und hautnah erlebter Not zu tun haben.
22. Januar 2021 1 Kommentar

Gerade in dieser Woche ist mir das besonders aufgefallen. Bereits seit September geht die

#jerusalemadancechallenge («Jerusalema-Tanz-Herausforderung») um die Welt. Tanzend die Hoffnung nach Befreiung aus der Gefangenschaft der Pandemie zum Ausdruck zu bringen, die Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem als Metapher für einen Ort des Friedens, der Freiheit und der Freude sich förmlich aus dem Leib zu schreien, das ist ein wahrhaft lebendiges Gebet.

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Ob Ordensschwestern und -brüder in Afrika, ob Ärztinnen und Pflegende in Italien oder Ordnungshüter in Zug: Alle teilen die gleiche Sehnsucht, die eben auch von der gleichen Hoffnung getragen ist. Vom Tanz anstecken lassen hat sich auch die Pfarrei Greifensee und ruft auf, eigene Videos einzusenden, die dann zu einem grossen, gemeinschaftlichen Tanz verbunden werden sollen. Tanz-Einlagen können bis zum 13. Februar eingesendet werden, wohl nicht ganz zufällig bis zum Vorabend des St. Valentins-Tags. Ich selbst hab’s mit dem Tanzen ja gar nicht so, aber als Zuschauer werde ich aktiv mitbeten. Und vielleicht, ich will’s nicht ausschliessen, zuckt sogar ein Zeh im Rhythmus von Jerusalema.

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Beten stand auch ganz im Mittelpunkt der Megashow zur Vereidigung des neuen US-Präsidenten. Zwar bin ich nicht so naiv, Washington und sein Pentagon als neues Jerusalem zu verklären. Trotzdem geschah neben viel Kitsch und Pathos doch Bemerkenswertes: Das Gebet zur Amtseinführung sprach Jesuitenpater Leo O’Donovan, der, wieder kaum zufällig, den Flüchtlingsdienst der Jesuiten in den USA leitet.

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Höhepunkt war aber unbestritten das Gedicht der jungen afroamerikanischen Lyrikerin Armanda Gorman. Nicht die Helden-Figur des neuen Herrschers wird besungen, sondern sie erinnert diesen an dunkle Seiten der Vergangenheit und mahnt unser aller Verantwortung für die Zukunft an, nimmt die neue Regierung förmlich «ins Gebet». Und das mit wunderschönen Worten und Gesten. Hier ein zentraler Vers:

 

«If we merge mercy with might,

and might with right,

then love becomes our legacy and change,

our children’s birthright.»

 

(Wenn wir Barmherzigkeit mit Macht verschmelzen

und Macht mit Recht,

dann wird Liebe unser Vermächtnis

und Veränderung das Geburtsrecht unserer Kinder.

(hier der ganze Text im Original wie Übersetzung)

 

Es geschehen noch Zeichen, wenn auch nicht gleich Wunder.

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Ein Zeichen setzen möchten auch die Kirchenfrauen, die zur Aktion Helvetia predigt aufrufen. Am 1. August sollen im 50. Jahr des Frauenstimmrechts auf allen Kanzeln der Eidgenossenschaft nur Frauen predigen. Stellen Sie sich vor: In den Kathedralen von St. Gallen, Solothurn und Chur, in den Klosterkirchen von Einsiedeln, Fahr und Disentis, in den Pfarreien von der Surselva bis in den Jura, vom Bodensee bis zum Lac Leman – überall predigen an diesem Tag die Frauen. Mann oh Mann, das wär ein Zeichen. Aber eben, wahrscheinlich scheitert das Projekt genau an ihnen, den Männern, welche ihre Hoheit über Predigt und Altar nicht teilen wollen. Da brauchts noch manches Stoss-Gebet, bis die Männer-Herrschaft von der Kanzel purzelt.

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Zumindest bei der ökumenischen Gebetswoche für die Einheit der Christen haben dieses Jahr Frauen die Feder geführt. Die Gebetstexte verfasste die Schwestern-Gemeinschaft von Grandchamp im Kanton Neuenburg. Ins Gebet einstimmen können wir alle auch zuhause – die Gebetswoche dauert noch bis Sonntag.

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Ein interreligiöses Zeichen setzte der Runde Tisch der Religionen in dieser Woche: Nach antisemitischen Störangriffen gegen die jüdisch-liberale Gemeinde Or Chadasch drückten alle Religionsgemeinschaften ihre Solidarität aus und forderten die konsequente Verfolgung der Straftäter: «Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben, auch nicht im Internet.»

 

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Per Videobotschaft ruft auch Bischof Peter Bürcher zum Gebet um Einheit und Versöhnung auf, besonders die Familien. Man mag die salbungsvolle Sprache im Video belächeln, aber das Anliegen dürfen wir durchaus teilen. Nur wäre seine Message glaubwürdiger, wäre sein Aufruf zur Versöhnung in der Diözese auch von Taten begleitet. Die bei der Nicht-Wahl des neuen Oberhirten durch seinen Churer Generalvikar gesäte Zwietracht blieb jedenfalls bis heute unwidersprochen.

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Impulse für die Seelsorge mit Familien und Paaren und die Bedeutung der Familien und Paare in der Seelsorge vermittelt eine neue Broschüre der Pastoralkommission der Schweizer Bischofskonferenz. Kollege Rudolf Vögele vom Generalvikariat Zürich stellt sie auf unserer Homepage vor. Ganz offen sprechen die Bischöfe davon, «Menschen in ihren vielfältigen Lebenssituationen» begleiten zu wollen. Die Familien- und Paar-Realitäten der heutigen Welt werden nicht katholisch-schöngeistig idealisiert, sondern in ihrer Buntheit ernst genommen. Leider zeichnen für die Deutschschweiz nur die Bischöfe von Basel und St. Gallen. Interessierte können die Broschüre hier bestellen.

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Passend zum Thema Paar und Familie und Gebet hat mich kürzlich meine Frau auf ein Zitat aus dem Exerzitienbuch der mittelalterlichen Mystikerin und Zisterzienser-Nonne Gertrud von Helfta aufmerksam gemacht, das mich speziell angesprochen hat:

«Am Abend, wenn du ganz dahin schmilzt und ermattet bist vor Erwartung, das honigfließende Angesicht Gottes und des Lammes in immerwährender Schau zu genießen, dann stürze dich wie die emsige Biene in die Umarmungen deines Bräutigams Jesu, deines liebenden Freundes.»

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende und einen gesegneten Sonntag

Simon Spengler

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.