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Grüss Gott Zürich C-O-R-O-N-A

Bereichsleiter Kommunikation des Synodalrates
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation. Katholischer Theologe und Journalist.

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Nach der Sommerpause meldet sich «Grüss Gott Zürich» zurück. Jeden Freitag erhalten Sie nun wieder unsere Gedanken zum kirchlichen Geschehen – wie in ‚normalen’ Zeiten.
20. August 2020 3 Kommentare

Wirklich ‚normal’ sind die Zeiten leider noch immer nicht und werden es so schnell auch nicht wieder werden. Das Virus hat unser Denken und Handeln weiter im Griff. Wie oft hab ich mir bei sommerlichen Besuchen vorgenommen, «heute endlich mal nicht» über die Pandemie zu sprechen. Doch ich hab es nie geschafft. Ging es Ihnen ähnlich? Wahrscheinlich schon. So habe ich kapituliert und für mich selbst durchbuchstabiert, was CORONA für mich bedeutet.

 

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Caritas – tätige Liebe

Zu Beginn des Lockdowns haben die Zürcher Kirchen gemeinsam die breit angelegte Informations-Kampagne zu kirchlichen Hilfsangeboten gestartet: «Wenn beten allein nicht reicht». Die Auswertung zeigt ein eindeutiges Ergebnis: Angeklickt und gesucht wurden vor allem zwei Kategorien: Sozial-caritative, konkrete Hilfsleistungen in Not sowie Unterstützung und Begleitung von Kranken und pflegebedürftigen Menschen. Dies mit deutlichem Abstand zu allen anderen Angeboten.

 

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, alles andere sei sekundär. Aber die Erfahrung zeigt: Die grösste Glaubwürdigkeit haben wir Kirchen eindeutig im caritativen Bereich. Wenn Not ausbricht, ist «caritas» gefragt, tätige Liebe am Nächsten. Corona zwingt uns also zur Rückbesinnung auf unseren ureigentlichen Auftrag: «Was ihr den Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.»

 

Zum öffentlichen Gesicht der tätigen Liebe der Kirchen wurde Schwester Ariane, die mit grosser Helferschar Randständige mit dem Nötigsten versorgte. Sie hat mit ihrem Engagement mehr zu einem positiven „Image“ der Kirchen beigetragen, als jede Predigt (oder auch Werbekampagne) es könnte. Weniger im Licht der Medien stand das Café Yucca, das als fast einzige Institution während des ganzen Lockdown für Arme und Hilfesuchende offen stand, 7 Tage die Woche. Hier wirkt von katholischer Seite auch die Ordensschwester Judith Hunn. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hat am 1. August die Helferinnen und Helfer des Café Yucca als «Corona-Helden» gewürdigt.

 

Schwester Ariane, Schwester Judith: Zwei Frauen geben der Kirche ein glaubwürdiges Gesicht. Das muss man(n) gar nicht weiter kommentieren, nur dankbar sein.

Seit dieser Woche läuft auch die neue Caritas-Kampagne «Armut ist...», in der Betroffenene zu Wort  kommen. 

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Orare - beten

Nachdenklich gemacht und berührt hat mich in den letzten Wochen ein Text des reformierten Theologen Stephan Jütte auf der digitalen Plattform RefLab. Er erinnert an die vor 20 Jahren gestartete Kampagne seiner Kirche «Selber denken. Die Reformierten». Vielleicht erinnern sich einige von Ihnen noch daran: Ganzseitige Inserate (gesponsort u.a. von Michael Ringier) und grossformatige Plakate in der ganzen Deutschschweiz. Jütte fragt nun, ob Denken und Begreifen wirklich den Kern reformierten Christentums ausmachen. Er kommt zu einem anderen Schluss: «Auf meinem Plakat stünde: ‚Wir beten. Die Reformierten’.»

 

Beten als Ausdruck unauslöschbarer Hoffnung, wider alle Erfahrung von Leid und Not. Beten als Ausdruck der Sehnsucht nach Heil-Sein. Betende Gemeinschaft Suchender – liegt nicht hier die Urquelle von dem, was wir Kirche nennen? So lange wir beten, geben wir die Hoffnung nicht auf. So lange wir beten, finden wir die Kraft für Caritas. Denn beten heisst, den Glauben nicht verlieren, dass eine andere Welt jenseits von Eigennutz, Profit und Ego möglich ist – gerade in Zeiten von Corona.

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Religare – zurück-, anbinden

Corona hat nicht nur vordergründig Ferienpläne durchkreuzt, sondern stellt unser Leben in Familie, Schule und am Arbeitsplatz viel grundlegender auf den Kopf. Aber die Krise zeigt eben auch, dass vieles anders möglich ist. Und dass Unerwartetes entstehen kann. Im Sommer besuche ich regelmässig meine Bienenstände in den Bergen. Noch nie bin ich dort oben so vielen jungen Menschen begegnet, die wandernd ihre Heimat ganz neu entdeckten. Eine wahre Freude! Die Krise zwingt uns dazu, neu zu erkunden, wo wir Halt finden, woran wir uns binden können, wenn alles ins Wanken gerät.

In den Medien lese ich viel von den Problemen der Jungen in Schule, Ausbildung und Studium: ausgefallener Unterricht, fehlende Prüfungen, angeblich minderwertige Zeugnisse etc. Ich will das nicht verharmlosen, aber trotzdem den Jungen zurufen: «Lasst euch nicht verrückt machen!» Vielleicht durftet ihr in den vergangenen Monaten mehr für euer Leben lernen, als alle ausgefallenen Lektionen zusammen euch hätten beibringen können.

Wie aus Krisen und Scheitern gelernt werden kann, dem geht auch die dritte Ausgabe von «fails@church» nach. Am 24. August u.a. mit Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding.

 

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Ortus – Anfang, Neubeginn

Krise als Chance – dieser schon fast abgedroschene Spruch könnte für unser Bistum plötzlich ganz aktuell werden. Nachdem der Nuntius mehrfach mit seinen recht(s) einseitigen Kandidatenlisten für den Bischofsstuhl gescheitert ist, scheint er sich nun besonnen zu haben und bringt überraschend neue Vorschläge ein. Das katholische Medienportal kath.ch machte die neuen, durchwegs moderaten Kandidaten publik.

 

Ob wirklich alle fünf genannten Namen korrekt sind oder nur drei oder vier, das ist nebensächlich. Und ob ein römischer Vorschlaghammer den Nuntius zum Umdenken zwang, oder sein ganz persönlicher Ehrgeiz, diese Personalie doch noch während seiner bald zu Ende gehenden Amtszeit abschliessen zu können, sei dahingestellt. Gehen wir doch einfach davon aus, es sei die Frucht «tätigen Gebets». Jedenfalls keimt Hoffnung, dass uns die grosse Katastrophe doch erspart bleibt. Sollte sich auch dieser Hoffnungsschimmer als Fata Morgana erweisen, dürfte sich die Boykott-Drohung der Schwyzer, welche den Bistumsbeitrag zurückbehalten wollen, ganz schnell zum kirchlichen Flächenbrand ausweiten.

 

Beten wir also weiter darum, dass die Krise Neuanfänge befördert. Nicht nur in Chur, auch in Zürich. Neue Gebete, neue Lieder, neue Initiativen, neue Freude am Kirche-Sein.

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Narrare - erzählen

Damit das Neue wachsen kann, braucht es die Erfahrungen aller. Wir müssen uns im Kleinen wie im Grossen gegenseitig erzählen, was uns bewegt, was uns trägt, was uns belastet, was wir hoffen. Ich selbst hoffe darauf, dass es uns als Kirche gelingt, Räume für diese Erzählungen zu schaffen. Das hört sich pathetisch an, ist aber ganz konkret gemeint: Was konnten wir lernen? Welche Fehler sind uns unterlaufen? Was müssen wir neu und anders machen? Welche neuen Aufgaben stellen sich uns? Woran können wir uns binden? Theologisch ausgedrückt wäre das ein «synodaler Prozess», den wir gerade in der Kirche so dringend nötig haben. Einen Schritt darauf hin macht am 28. August der Verein tagsatzung.ch mit der Tagung «Synodales Vorgehen». Kirchenrechtler Adrian Loretan benennt für uns Voraussetzungen dieser neuen Synodalität und die Notwendigkeit verbindlicher Regelungen, damit der Dialog auch zur neuen Glaubwürdigkeit führen kann.

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Anima - Seele

«Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber dabei seine Seele verliert?» fragt uns Jesus im Markusevangelium. Mit Corona haben wir (ein Stück) unserer Welt verloren, aber vielleicht dabei unsere Seele neu gewonnen. Das ist zumindest mein frommer, durchaus ernst gemeinter Wunsch für uns alle. Womit nicht billig über die Not von drohendem Jobverlust, Existenzängsten und fehlenden Perspektiven hinweggetröstet werden soll. Aber nur beseelt von Hoffnung und Solidarität können wir diese Not überwinden.

 

Allen, die aus ihren Ferien zurück sind, wünsche ich einen guten Start in Schule, Job und Alltag. Fern von Normalität, nah bei der Hoffnung, die uns trägt.

Ihr Simon Spengler

 

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.