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Eiertanz unter dem Regenbogen

Bereichsleiter Kommunikation, Sekretär Interreligiöser Runder Tisch im Kanton Zürich
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Katholischer Theologe und Journalist.

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Letzte Woche warnte Kollege Arnold Landtwing an dieser Stelle vor zu viel Essig in der Salatsauce, weil diese sonst unkorrigierbar verdorben ist. Seine Botschaft kam leider nicht überall an, wie der öffentliche Knatsch um den Verhaltenskodex gegen Missbrauch zeigt.
13. Mai 2022

Erst im März verpflichteten sich Landeskirchen und Bischof mit viel Medienwirbel auf diesen Kodex, einem Meilenstein in der Bekämpfung von Missbrauch in der Kirche. Das öffentliche Echo war durchwegs positiv, endlich Good News zu diesem Thema, Freude unter dem Regenbogen.

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Doch dann schüttete ein weitgehend anonymer Kreis von ein paar Domherren und Priestern modrig-muffigen Essig über den Salat und rief über ein rechts-traditionalistisches Hetzportal zum Widerstand auf. Der Kodex sei nicht konform mit der Lehre und könne von aufrechten Priestern nicht unterzeichnet werden. Im Fokus der selbsternannten Aufrechten: Der Kodex verlangt die Anerkennung sexueller Selbstbestimmung als Teil der Menschenrechte. Das ist harter Tobak für die Glaubenswächter, sagt doch der offizielle Katechismus (gemäss dem heiligen Papst Johannes-Paul II. eine «sicher Norm des Glaubens»), homosexuelle Liebe sei «in sich nicht in Ordnung», also moralisch schlecht, eine ‘himmelschreiende Sünde’. Von Homosexuellen verlangt der Katechismus ein «Leben in Keuschheit». Und vom Bischof verlangt der Priesterkreis einen Rückzug seiner Unterschrift.

 

Was macht der Bischof? Er schüttet seinerseits Essig in die Sauce und stellt auf demselben Hetzportal seine Präventionsbeauftragte und Mitverfasserin des Kodex, Karin Iten, öffentlich in den Senkel: sie habe keine Kompetenz, sich zu theologischen Fragen zu äussern. Iten hatte doch tatsächlich gewagt zu sagen, die kirchliche Lehre sei nicht in Stein gemeisselt und müsse weiterentwickelt werden (Gleiches sagte übrigens auch der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzig).

 

Das Drama ist noch nicht beendet. Die bischöfliche Rezeptur, mit der öffentlichen Massregelung seiner Angestellten die Kritiker zu beruhigen, war ungeniessbar. Der Priesterkreis verlangt im nächsten Kapitel öffentlich eine neue Redaktionsgruppe zur Revision des Kodex. Jetzt ist die Essig-Sauce definitiv gekippt. Das hat nun auch der Bischof gemerkt und erteilt der neuesten Attacke diesmal eine Abfuhr. Das Gespräch soll aber weitergeführt werden, um das «Missverständnis» auszuräumen. Missverständnis?

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Muss nicht, wer «A» sagt, auch «B» folgen lassen? Wer das nicht will, sollte sein «A» zumindest nicht allzu laut in die Welt posaunen. Das gilt auch für den Papst, der diese Woche unter der Fahne des Regenbogens in einem Interview der LGBT-Community verkündete, die Kirche schliesse niemanden aus. Bischof Joseph Maria kommentierte umgehend den entsprechenden Facebook-Post: «Ich schliesse mich den Antworten des Papstes aus tiefer Glaubensüberzeugung an.» Danke! Jetzt fehlt nur noch das «B». Sonst flattert die kirchliche Regenbogenfahne weiter hilflos im Wind.

 

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Wie dieses «B» aussehen könnte, demonstrierte diese Woche Katholisch Stadt Zürich unter dem Zeichen des Regenbogens. Dienstagabend waren alle Liebenden kreuz & queer zur Segensfeier «Liebe gewinnt» in die «Mutterkirche» Peter & Paul geladen. Rund ein Dutzend Paare liessen sich segnen. Leider gibt`s von der Feier keine Fotos, dazu fehlte dann noch der Mut. Wie viel Mut es vielerorts braucht, um als LGBT-Mensch zu seiner Liebe zu stehen, zeigt die Ausstellung «Verschaff mir Recht. Kriminalisierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender und die katholische Kirche.»

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Das mit dem «A» und dem «B» betrifft auch den Synodalen Weg, auf den der Papst unsere Kirche geschickt hat. Synodalität und autoritär-hierarchische Kirchenstruktur beissen sich nun mal. Hierzu fiel mir ein neues Buch des venezolanischen Befreiungstheologen und Franziskus-Freundes Rafael Lucian in die Hände «Unterwegs zu einer synodalen Kirche» (erschienen in der Edition Exodus). Nach wort-reichen und wenig-sagenden Verlautbarungen von kirchenamtlicher Seite mal was mit Hand und Fuss. Eine hilfreiche Hinführung zum Buch verfasste der Schweizer Theologe Odilo Noti.

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Ab heute leben wir übrigens auf Pump. Hier ist jetzt aber nicht das Vertrauenskapital der Kirche gemeint, sondern die natürlichen Ressourcen von uns allen. Ab heute verbrauchen wir mehr, als die Natur in einem Jahr regenerieren kann. Letztlich heisst das nicht anderes, als dass wir ab heute auf Kosten der Generation von morgen konsumieren. Kevin Ischi, Projektleiter Nachhaltigkeit der Zürcher Kirche, fordert in seinem Blog-Beitrag mutige und rasche Entscheidungen sowie kreative Lösungen, um Kirche nachhaltig zu leben. Passt glaub auch gut zu den beiden anderen Themen oben.

 

Synodalrat Daniel Otth appelliert in diesem Zusammenhang für ein Ja zur kantonalen Abstimmung über den Klimaschutzartikel von diesem Sonntag. Ein lebensfreundlicheres Klima tut wahrlich Not.

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Leben gibts auch unter den Toten. Seit dieser Woche zieren zwei tanzende Skelette die ehrwürdige Kirche auf der Ufenau. Der «Sprayer von Zürich», Harald Naegeli, hat wieder auf die Dose gedrückt. Eine neue Partisanenaktion des quirligen Naegelis, oder abgesprochene PR für seine Ausstellung, die gerade dort gezeigt wird? Das Kloster Einsiedeln als Besitzerin hüllt sich klug in Schweigen. Irgendwie find ich diese Graffiti ja noch passend, gehören Friedhof, Kirche und Beinhaus doch zusammen. Mein Rat an die Mönche: Rahmen drum, Sicherheitsglas davor und Gedenketikette daneben. Und ein Ave Maria für den Künstler.

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Totentanz auf der Kirchenmauer

Wer mit Totentanz weniger anfangen kann, darf nächste Woche Samstag in Dübendorf das Leben feiern. Das Kirchenklangfest «Cantars» bietet dort 12 Stunden lang Musik. Alle Aufführungen sind übrigens frei. So wie die Gnade Gottes und sein Segen. Termin also vormerken.

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Nochmals kurz zurück zum Ave Maria und dazu eine gestern erlebte Episode (alles genau so passiert!). Im Zug über den heutigen Newsletter sinnierend frage ich mich, ob es zum Marienmonat Mai eine Verbindung zwischen der Gottesmutter und dem Regenbogen gäbe. Da setzt sich mir in Bern eine schrille Person gegenüber: tätowiert vom Haaransatz abwärts, Lederkluft mit Nieten und Stacheln, Billig-Bierbüchse in der länger nicht mehr gewaschenen Hand, leicht zugedröhnter Gesichtsausdruck. Auf seinem Arm entdecke ich ein Marien-Tattoo. «Ist das die Mutter Gottes auf Ihrem Arm?», frage ich. «Mais oui, la Sainte Vierge!» Ob er katholisch sei, hake ich nach. «Je m`en fous de l`église catholique», tönts barsch zurück. «Aber warum dieses Tattoo?» «Elle est la mère de nous tous, aussi de moi. Pour ça!» Lektion erteilt.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Mai-Sonntag. Und seien wir vorsichtig mit dem Essig.

Ihr Simon Spengler

 

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.

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