Gelebte Ökumene
Grosse Wellen wirft die Aktion leider nicht mehr. Selbst wir auf der Kommunikationsstelle haben den Anlass komplett verpennt. Asche auf unser Haupt, ich entschuldige mich bei allen, die sich unbeirrt für Ökumene engagieren. Als Versuch einer kleinen Wiedergutmachung soll sich deshalb dieser Newsletter ganz einigen ökumenischen Themen widmen.
Ich starte gleich mit der reformierten Kirche Zürichs, deren Synode am Dienstag ein Zeichen für den Klimaschutz setzte. Das Kirchenparlament stimmte dem Gegenvorschlag zur kirchlichen Schöpfungsinitiative zu. Deren zentrale Anliegen sind im Gegenvorschlag aufgenommen und erweitert. Nicht nur die Reduktion von Emissionen soll verpflichtend in der Kirchenordnung verankert werden, sondern auch die Reduktion des Energieverbrauchs generell.
Im Flughafenkanton Zürich dürfte die Umsetzung noch zu reden geben. Und in Zeiten, in denen alles Geld nur noch für Kanonen, Kampfflieger und sonstiges Kriegsgerät reserviert sein soll, ein starker Kontrapunkt. Als ob uns Gewehre und Patronen vor der Klimakatastrophe schützen könnten. Es wäre schön, dieser Entscheid würde auch die ökumenische Verantwortung für die Schöpfung ein wenig stärken.
Wenn wir schon die Gebetswoche für die Einheit verpasst haben, dann soll uns das mit dem Weltgebetstag (der Frauen, so der frühere Titel) nicht nochmals passieren. Diese weltweite ökumenische Bewegung christlicher Frauen verschiedenster kirchlicher Traditionen findet in der Schweiz bereits zum 90. Mal statt.
Der Tag wird zwar erst am 6. März begangen und stellt dieses Jahr Frauen in Nigeria ins Zentrum. Aber bereits nächste Woche Freitag findet in der Paulus Akademie eine Impulsveranstaltung zum Thema statt: «Belastet, aber nicht gebrochen. Lebensrealitäten nigerianischer Sexarbeiterinnen in der Schweiz.» Nicht wenige junge Frauen Nigerias, die in Europa eine bessere Zukunft suchen, landen hier im Bordell – auch an der Zürcher Langstrasse. Ein Thema, das natürlich nicht nur Frauen angeht.

Eine besorgniserregende Meldung erreichte uns dieser Tage aus Israel. Dort hat das Parlament allen Lehrpersonen mit Abschluss an einer palästinensischen Universität die Berufserlaubnis entzogen. Sie benötigen neu ein israelisches Zusatzdiplom. Betroffen sind hunderte Lehrkräfte, vor allem auch an christlichen Schulen im «Heiligen Land», an denen hauptsächlich palästinensisches Lehrpersonal aus den besetzten Gebieten unterrichtet. Der Protest der kirchlichen Verantwortlichen gegen diese neue Willkürmassnahme der Regierung ist vehement, aber bisher wirkungslos.
In unsere Mainstream-Medien schaffen es solche Meldungen kaum. Aber Gott sei Dank gibt es Vatikan News als alternative Informationsquelle zu Konflikten in aller Welt, zu denen wir hierzulande wenig hören oder lesen dürfen. Wäre es nicht ein ökumenischer Auftrag an die Schweizer Kirchenleitungen, diese staatliche Diskriminierung auch der christlichen Palästinenser einmal lautstark zu benennen und zu verurteilen? Immerhin hat unsere katholische Zürcher Synode im Dezember 300'000 Franken zur Unterstützung der Menschen in Gaza und dem Westjordanland gesprochen, aber Geld allein genügt nicht.

Am Mittwoch schrieb eine Frau Geschichte. Mit Sarah Mullally (verheiratet, zwei Kinder) wurde die erste Frau als Erzbischöfin von Canterbury und Primas der anglikanischen Kirche bestätigt. Dies 33 Jahre, nachdem dort Frauen zur Weihe zugelassen wurden. Aus dem Vatikan schickte «Ökumeneminister» Kardinal Kurt Koch ein Glückwunschschreiben.
Immerhin, möchte man sagen, angesichts der spannungsvollen Geschichte beider Kirchen keine Selbstverständlichkeit. Aber auch kein Zeichen dafür, dass die römische Kirchenleitung in Sarah Mullally ein Beispiel für sich selbst sehen würde. Ein Musterbeispiel, wie verbohrt und hilflos bei uns das Nein zur Frauenweihe begründet wird, gab leider kürzlich unser Bischof im Interview mit dem Zürcher Oberländer (hinter der Bezahlschranke) nach seinem Besuch in Tann.
Gefragt, ob einige seiner hochqualifizierten Mitarbeiterinnen nicht auch hervorragende Priesterinnen sein könnten, antwortete Bonnemain: «Es gibt tatsächlich hoch qualifizierte und kirchlich engagierte Frauen, die ich sehr schätze. Ich gehe davon aus, dass, wenn ich sie fragen würde, ob sie Priesterinnen werden möchten, sie kein Interesse hätten. Weil sie bereits heute in dem, was sie tun und wo sie es tun, sich voll engagieren und erfüllt sind.» Man lerne: Gute kirchliche Mitarbeiterinnen wollen gar nicht mehr, sondern sind zufrieden mit dem, was sie haben. Jene, die trotzdem die Priesterweihe für Frauen wollen, sind folglich keine guten Mitarbeiterinnen. Oder wie wäre die Aussage sonst zu verstehen?
Für mich ist völlig unverständlich, wie ein Kirchenmann, den ich sonst als sensible und einfühlsame Person erlebe, nicht merkt, wie verletzend solche unbedarften Aussagen für ganz viele engagierte kirchliche Frauen sind. Gerade spricht, passend zum Thema, die bekannte Basler Theologin und TV- und Radiopredigerin Monika Hungerbühler im Podcast «Laut + Leis» darüber, warum sie aus Frust und Wut aus unserer Kirche ausgetreten und zur christkatholischen Kirche übergetreten ist. Sie gehört wohl zu den weniger guten Mitarbeiterinnen, oder?

Ex-Politikerin Sanija Ameti, die ihre zerschossene Madonna-Zielscheibe auf Instagram veröffentlichte, ist nun also wegen Störung der Glaubensfreiheit verurteilt. Den auf die Tat folgende Shitstorm gegen Ameti erinnerte zwar sogar den Staatsanwalt an «moderne Hexenverbrennung», aber das Gesetz gelte nun mal und der Tatbestand wurde ja auch von niemandem bestritten. Das Urteil fiel milde aus, dem Gesetz wurde Genüge getan.
Soll ich als Christ nun Genugtuung oder Dankbarkeit empfinden? Nicht nur, dass die Täterin sich gegenüber allen Gläubigen umgehend öffentlich entschuldigt hatte, lässt mich zweifeln. Auch die Absicht der Kläger aus der äussersten politischen Rechten ist mir nicht geheuer. Wenn deren Gesinnungsfreunde Mohamed in Karrikaturen verhunzen und den Koran verbrennen, verteidigen das die gleichen Kreise als Meinungsfreiheit. Was gefährdet den Religionsfrieden wohl mehr? Sollte das «Blasphemiegesetz» abgeschafft werden, wie es die NZZ fordert? Aber auch da bin ich mir nicht sicher. Sicher bin ich mir nur, dass so altmodische Werte wie Anstand und Rücksichtnahme hochaktuell wären, es aber nicht sind.

Zum Schluss noch drei Tipps.
Wer sich dem Thema Ökumene mal aus ganz anderer Perspektive annähern möchte, dem sei die Neuerscheinung des Theologen und Priesters Urs Eigenmann empfohlen: Welcher Gott für welche Gesellschaft und Welt? Das Konzil von Nizäa und die Zerrissenheit des Christentums. Der Autor, einigen sicher bekannt durch seine befreiungstheologisch inspirierten Hochgebete, zeigt auf, dass sich Streit um Glaubenssätze nicht einfach in theologischen Elfenbeintürmen abspielt, sondern Ausdruck gelebten Gottesglaubens in der konkreten Gesellschaft ist.
Im Kino läuft gerade «Mother », ein filmisches Porträt von Mutter Teresa. Keine zweite Heiligsprechung, sondern eine Auseinandersetzung mit einer starken, aber auch sehr widersprüchlichen Frau. Das Forum lädt ein zu einem gemeinsamen Kinobesuch. nächsten Dienstag, 18.20 Uhr, Kino RiffRaff.
Und wer heute Abend noch nichts vorhat, kann im Pfarreizentrum Zürich Höngg Körper und Geist durchlüften und durchwirbeln anlässlich der Rocknacht mit «Hardstreet». Ganz ökumenisch unter dem Patronat des Heiligen Geistes.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein erholsames und hoffentlich zumindest zeitweilig auch etwas sonniges Wochenende.
Ihr
Simon Spengler

Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.
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