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Selber als Kerze leuchten

Informationsbeauftragter Synodalrat und stellvertretender Bereichsleiter
Aschi Rutz

Schwerpunkte: Verhältnis Kirche Staat, Kirchgemeinden, Jahresbericht und Mitarbeitenden-Magazin credo

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«Es ist bereits fünf nach zwölf. Aber es ist noch nicht zu spät.» Wer dies sagt, ist Bischof Joseph Bonnemain. Wie diese Kirche zu retten ist, geht uns alle an.
03. Februar 2022

Seine Aussage machte der Churer Bischof gegenüber kath.ch im Zusammenhang mit dem synodalen Prozess und der Umfrage «Wir sind Ohr». Seine Einschätzung der Umfrage im Bistum Chur: «Die Polarisierung in zwei Tendenzen ist einmal mehr sehr deutlich zum Vorschein gekommen. Es gibt eine Mehrheit von Gläubigen, die viele Veränderungen in der Kirche erwarten, verlangen und erzielen wollen und eine Minderheit, welche sich in der Kirche bereits heimatlos fühlt, weil sie sie als zu wenig katholisch und zu wenig kirchentreu empfindet.» Dieses Resultat der Befragung bestätige, dass die wirkliche Synodalität erst begonnen habe.

Die Ergebnisse der Umfrage hat Bischof Bonnemain gestern am «Tag des Geweihten Lebens» mit Vertreterinnen und Vertretern von Klöstern, Orden und religiösen Gemeinschaften diskutiert, nachdem er mit ihnen in der Kathedrale den Gottesdienst gefeiert hatte. Seine Predigt schloss er mit den Worten: «Ich habe mir überlegt, ob auch wir hier heute Kerzen segnen sollten, damit alle eine solche Kerze mit nach Hause nehmen können. Doch ich bin zum Schluss gekommen, dass wir selber die Kerzen sind, die angezündet werden müssen und leuchten dürfen. Ich denke, das gemeinsame Anliegen in der heutigen Eucharistiefeier sollte sein, Feuer zu fangen, um dann in dankbarem Staunen in die eigene Realität zurückzukehren und dort das Licht des Herrn weiterzugeben.» Staunen darf man aber auch darüber, dass es offenbar im Bistum Chur unhinterfragt ist, dass Minderheiten die Mehrheit dominieren.

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Bischof Joseph Bonnemain diskutiert mit Ordensvertreterinnen die Ergebnisse der «Wir sind Ohr»-Umfrage. 

 

Selber leuchten und das Licht Gottes weitergeben. Damit ist es aktuell mit Blick auf die Weltkirche nicht weit her. Das Missbrauchsgutachten im Erzbistum München und Freising macht zwar vor allem in Deutschland grosse Schlagzeilen, geht uns aber alle an. Das Gutachten wirft u.a. auch Kardinal Reinhard Marx und dem emeritierten Papst Benedikt XVI. fehlerhaftes Verhalten vor und spricht von einem «Totalversagen eines Systems». Kardial Marx spricht von einem Desaster. «Die Kirche war offensichtlich für viele Menschen ein Ort des Unheils.» Seine grösste Schuld sei das Übersehen der Opfer. Das sei unverzeihlich. Benedikt XVI. gab eine gemachte Falschaussage zu und will nach dem Studium des fast 1’900-seitigen Gutachtens ausführlich Stellung beziehen. Ob er dazu wirklich noch in der Lage ist, scheint aufgrund seiner körperlichen Verfassung allerdings fraglich. Wahrscheinlich sind es wieder Berater, die für ihn sprechen werden. Und mit seinen Beratern sei Benedikt XVI. schlecht beraten, meinte Georg Bätzing, Präsident der deutschen Bischofskonferenz, offenherzig in der Talksendung von Anne Will vom letzten Sonntag.

 

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Der sichtlich angespannte Bischof Bätzing hatte in dieser Talkrunde bei Gott einen schweren Stand. Genauer: Er stand gegenüber Christiane Florin, Redakteurin von «Religion und Gesellschaft» beim Deutschlandfunk und profunde Kennerin der katholischen Kirche, auf verlorenem Posten. Sie beobachte seit 2010 – in Deutschland wurden in größerem Umfang Sexualdelikte in katholischen Einrichtungen bekannt – wie erschüttert sich die Bischöfe jeweils gegeben hätten. Passiert sei wenig, es seien alle noch da, keiner sei zurückgetreten oder der Rücktritt vom Papst angenommen worden. Sie verstehe Rücktritte nicht als Selbstzweck, sondern als Zeichen ehrlicher Reue und darum notwendig. Und bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle hätte die Kirche immer das Heft in der eigenen Hand behalten und nicht unabhängig untersuchen lassen.

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Der katholische Theologe Eugen Drewermann | © KNA

 

Der Schaden für die Kirche ist immens, stehen doch nicht nur einzelne Kirchenfürsten am Pranger, sondern die katholische Kirche als ganze. Es ist dem Vatikan und den meisten Bischöfen mit ihrer Überidentifikation mit dem klerikalen System und ihrer Komplizenschaft untereinander letztlich immer darum gegangen, das System zu schützen und nicht darum, die tatsächlichen und potentiellen Opfer in den Fokus zu stellen.

 

Gestern hat in Frankfurt die dritte Versammlung des Synodalen Wegs begonnen. Aufmerksamer Beobachter dort ist Daniel Kosch, Generalsekretär der RKZ. Via Facebook sind wir mitten drin dabei. Bis in die Mitte der Kirche geschwappt ist auch die Welle der Kirchenaustritte in Deutschland. Das machte die Benediktinerin Philippa Rath deutlich: Sogar Ordensleuten widerstrebe es inzwischen, sich im Credo zu der «einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche» zu bekennen. Manche fragten sie, ob es nicht möglich sei, aus der Kirche auszutreten und zugleich im Orden zu bleiben.

 

Es wird ein radikaler Wechsel erwartet, dem selbst Bischof Bätzing das Wort redete und in der Talkrunde kleinlaut eingestand: «Die Lehre der Kirche muss sich ändern.» Und im Gespräch mit seinem Biografen ist Eugen Drewermann überzeugt, dass das Pontifikat Benedikt XVI. «das Ende einer 1'500 Jahre alten Kirchengeschichte ist. Es ist das Ende, definitiv das Ende.» Der Zug habe den Prellbock erreicht, der endgültig anzeige, dass es hier nicht mehr weitergehe.

 

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Von einem kranken System ist kaum etwas zu erwarten. Es liegt nun an den Menschen an der Basis, ihre Kirche zu retten und sich zu äussern. So wie jene 125 kirchlichen queeren Mitarbeitenden. Die europaweite Petition «Für eine Kirche ohne Angst» haben inzwischen gegen 100'000 Personen unterschrieben. Einen Aufbruch von unten spürt Pierre Stutz, einer der 125, in der Schweiz noch nicht. Er wünscht sich, dass sich queere Seelsorgende (auch Bischöfe) outen. Die Stigmatisierung gegen queere Personen in der Kirche könne nur durch Gesichter und Geschichten und durch Solidarität untereinander beendet werden. In Solidarität übt sich auch Martin Werlen. Er ist einer von insgesamt 102 Autoren im Buch «Frauen ins Amt! Männer der Kirche solidarisieren sich», das am letzten Montag erschienen ist.

 

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Selber leuchten und das Licht Gottes weitergeben. Nicht wenige fragen sich, was zu tun ist und wo in dieser sehr schwierigen Situation Gott bleibt. Letzterem geht an der Uni Luzern am kommenden Dienstag eine Podiumsveranstaltung nach. In gut zwei Wochen kommt der Benediktinermönch und Bestsellerautor Anselm Grün nach Zürich und wird den Menschen mit seinem Referat «Versäume nicht dein Leben» Mut zusprechen, den wir so dringend nötig haben. Und ich erinnere mich an das Interview mit Weihbischof Peter Henrici Ende letzten Jahres, wo er uns zwei Dinge auf den Weg mitgibt: «Die Institution Kirche ist eher ein Hindernis, sie ist nur ein Mittel zum Zweck, vielleicht gibt es andere Mittel und Orte, wo man die Botschaft besser verkünden kann.» Die ureigene Aufgabe der Kirche bestehe darin, den Menschen zu dienen.

 

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Was sich mir persönlich schmerzlich offenbart ist: Es reicht wirklich! Es reicht nicht, Gutes zu tun und darüber zu reden. Es reicht nicht, mit dem Finger auf die Missstände in der Kirche zu zeigen und immer wieder Erwartungen zu äussern. Es reicht nicht, von den Exponenten des kranken Systems einen Weg der Gesundung zu erwarten. Ich selbst muss mich verstärkt solidarisch mit anderen für eine angstfreie und dienende Kirche im Kanton Zürich in allen Bereichen einsetzen. Auch wenn es fünf nach zwölf ist. Damit immer mehr Kerzen leuchten.

 

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Wochenende.

 

Herzlich

Aschi Rutz

 

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.

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