Über Dichtestress und verführerischen Heiligenschein
Was mir als Kunstbanause auffiel, waren die unübersichtlich vielen Figuren auf den meisten Bildern. Ein Gewimmel von Menschen aller Couleur, von Tieren, Fabelwesen, Engeln und Sonstigem. Quasi ein «heilsökonomischer Dichtestress». Bei so manchen Darstellungen muss man regelrecht suchen, um das eigentliche biblische Motiv in diesem Durcheinander zu finden. Das muss wohl von den Künstlern beabsichtigt gewesen sein. Mitten im alltäglichen Gedränge, im Getriebensein und im Treiben ereignet sich das Heilsgeschehen. Es überstrahlt nicht unsere Gegenwart, sondern man muss es im Kleinen, in dunklen Winkeln suchen, dann wird man es finden. Aber es ist da, wenn auch nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Dichtestress ist ja auch ein sehr aktuelles Stichwort. Ich will die ehrlichen Sorgen vieler Menschen um die Zukunft in unserem Land nicht kleinreden, viele sind berechtigt. Allerdings scheint es mir in der aktuellen politischen Diskussion vor allem darum zu gehen, uns abzuschotten, damit wir unseren Wohlstand und unsere stets zunehmenden Raum- und Konsumbedürfnisse mit möglichst Wenigen teilen müssen - nicht um das Heil für alle.
Was die «10-Millionen-Initiative» für wirtschaftliche Konsequenzen hätte, darüber streiten die politischen Lager täglich in den Medien, ich habe den Überblick verloren. Sicher ist nur, dass die ersten Massnahmen vor allem die Schwächsten treffen würden, Flüchtlinge und Migranten. Genau das ist wohl auch das primäre Ziel. Deshalb kann ich das Schweigen der Kirchenleitungen, das sogar dem SonntagsBlick aufgefallen ist, nicht nachvollziehen.
Migration war immer Kernthema der Kirchen und in früheren Zeiten trauten sie sich auch, zu unbequemen Fragen Stellung zu beziehen. Tempi passati. Dabei ist gerade die katholische Kirche doch immer so stolz auf ihre multikulturelle Buntheit, auf ihre lebendigen Migrantengemeinden, auf ihre Integrationsarbeit. Aber wenn es politisch wird, dann vergessen wir lieber schnell, dass ein Drittel unserer Kirchenmitglieder keinen Schweizer Pass hat. Zur Abstimmung ein Kommentar von Forum-Redaktor Thomas Binotto. Wenn sie das Thema mal direkt mit einer Bundesrätin diskutieren möchten, bietet das Grossmünster-Gespräch «Persönlich» mit Karin Keller-Suter am 29. Mai eine Gelegenheit dazu.

Heute vor einem Jahr wurde Robert Prevost zu Papst Leo XIV gewählt. Die Schweizer Illustrierte bat mich, eine Bilanz des ersten Amtsjahres zu ziehen (nicht frei online verfügbar, aber in unserem Intranet iKath). Mein Fazit: Leo dreht das Rad der von Franziskus angestossenen Reformen nicht weiter, aber auch nicht zurück. Nach dem Sponti-Papst sitzt mit Leo wieder ein Diplomat auf dem Stuhl Petri. Franziskus wirbelte auf, Leo bringt Ruhe. Aber in zentralen Fragen wie Gerechtigkeit, Frieden, Krieg und Klimazerstörung weicht er keinen Deut von seinem Vorgänger ab.
Auf seine eigene Art ist auch Leo ein sehr politischer Papst, selbst wenn er papales Auftreten, kuriale Formen und vatikanisches Brimborium wieder mehr pflegt als Papa Francesco. Letzteres drückt er auch durch seine wiederholte Wertschätzung gegenüber der Schweizer Garde aus. Ich persönlich halte es da eher mit Franziskus, dem die Geschichte der Schweizer Söldnertruppe in ihren bunten Kostümen nicht ganz geheuer war. Davon unbeachtet wünsche ich allen neuen Gardisten, die diese Woche vereidigt wurden, neben den vielen Stunden des Wacheschiebens auch viele schöne und bleibende Erfahrungen in der Ewigen Stadt.

Vorletzte Woche sorgte NZZ-Redaktor Thomas Ribi mit seinem Artikel für Wirbel: «Die katholische Kirche boomt. Auch in Europa. Aber nur dort, wo sie den Mut hat, unzeitgemäss zu sein» (nur für Abonnenten verfügbar). Auslöser für ihn war die wiederholte Zunahme österlicher Erwachsenentaufen im weitgehend entkirchlichten Frankreich. Der «katholische Boom» entpuppt sich bei näherem Hinsehen zwar doch nicht ganz so doll, weil diese Erwachsenentaufen rein zahlenmässig den fortgesetzten Rückgang von Kindertaufen nicht kompensieren.
Trotzdem ist das Phänomen erstaunlich – und eine Herausforderung für die Kirche. Ribis Diskreditierung aller Reformbemühungen der Kirche in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit und synodale Entscheidungsstrukturen als «Anbiederung an den Zeitgeist» irritiert jedoch. Diese Lesart kannte ich bisher nur vom ganz rechten kirchlichen Flügel. Ein autoritärer, doktrinärer, homophober und männerdominierter Katholizismus ist jedenfalls nicht die Zukunft, die ich mir für meine Kirche wünsche – und ich hoffe, dass das auch bei den meisten Neugetauften so ist. Aber natürlich, für eine Zeitung, die auch der deutschen AfD huldigt, mag Kirche als Heiligenschein rechtsnationaler Tendenzen attraktiv sein. Lesenswert dazu die Replik von reformierter Seite durch Stephan Jütte, dem Kommunikator und Theologen der EKS. Ebenfalls die Replik aus feministischer Sicht durch Forum-Redaktorin Veronika Jehle. 
Ich höre immer wieder, ich sei zu kritisch gegenüber der eigenen Firma. Vielleicht ist da sogar etwas dran. Deshalb will ich nicht schliessen, ohne auf einen positiven Beitrag zur Bewältigung von Krise und Erfahrung von Befreiung hinzuweisen. Den haben wir nämlich in unserem Gründungsdokument, der Bibel! Die biblischen Texte sind immer wieder neu Ausdruck von Krisenerfahrungen und der Sehnsucht nach neuem Leben. Eine Tagung der Paulus Akademie am 22. Mai spürt dem nach: «Wozu hast du mich verlassen? Bibel als Krisen(bewältigungs)literatur». Die Referentinnen, soweit ich sie kenne, versprechen einen höchst spannenden und bewegenden Nachmittag (vorherige Anmeldung erforderlich).

Nun bleibt mir nur noch, der Paulus Akademie zum 60. Geburtstag zu gratulieren, den sie heute Abend gemeinsam mit dem Forum feiert, das bereits auf 70 Jahre zurückblicken darf: zwei Institutionen, die Katholische Kirche im Kanton Zürich massgeblich mitgestalten.
Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein erholsames Wochenende im Marienmonat Mai – vielleicht auch in Rückbesinnung auf den Lobgesang Marias im Magnificat: «Die Mächtigen stösst er vom Thron und erhöht die Niedrigen».
Ihr Simon Spengler

Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.
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Das ist eher selten, aber hier trifft es zu: Sie treffen mit Ihren Gedanken, Analysen und Kommentaren zu 99.9% auf meine Haltungen! So nen "Spengler-Cup" besuche ich gerne wieder! Auch wenn Church(!)ill mal gesagt haben soll: "Wenn zwei immer gleicher Meinung sind, ist einer zu viel!" Das "immer" dabei nicht übersehen... Mit sonnigen Maigrüssen vom anderen Z-See-Ende! Armando PIROVINO
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