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Grüss Gott Zürich Meditation über Rollenspiele

Bereichsleiter Kommunikation des Synodalrates
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation. Katholischer Theologe und Journalist.

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10. Januar 2020 7 Kommentare

Neues Jahr, neue Rolle. Das sagen sich Harry und Meghan und verabschieden sich aus dem Windsor-Maskenball der «royal family» ins ‘normale’ Leben. Zu diesem Rollenwechsel kann ich nur gratulieren, denn das Tamtam um blaues Blut scheint mir gleich überflüssig wie Krampfadern. Ähnliche Gedanken befallen mich, wenn ich im TV über die Festtage die Kostümanlässe und liturgischen Geländespiele unserer Kirchenfürsten anschaue.

Klar, ich weiss, das Heilige bedarf eines speziellen Kultes, einer Ordnung, auch eines besonderen Rollenspiels. Aber feiern die Heerscharen von Herren wirklich «das Heilige», oder nicht vor allem sich selbst? Das sind natürlich nur böse Gedanken eines übermütigen Schreiberlings, die ich nach Möglichkeit sofort unterdrücke. Etwas tiefgründiger als ich hat sich der Moraltheologe Rudolf B. Hein mit dem Thema befasst und dazu einen lesenswerten Artikel verfasst zur «Ästhetik der Macht».

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Verunsicherung über die eigene Rolle herrscht auch anderswo, zum Beispiel in der CVP. Ihr Präsident persönlich stellt die Frage, ob das «C» noch zeitgemäss sei. Schon purzeln gute Ideen vom Himmel für einen neuen Namen: «die Mitte», «die Moderaten», «die Meinungslosen» oder einfach «die Volkspartei» - ohne «C» und ohne «S». Früher hätte ich mich darüber geärgert, aber mittlerweile denke ich, es wäre ehrlicher ohne «C». Jüngst zeigte sich doch mit Blick auf Konzernverantwortung einmal mehr: Die Partei scheint sich eher am Lichtermeer der Zuger Glencore-Zentrale zu orientieren als am Stern über dem ärmlichen Stall im fernen Bethlehem. Warum also die «C-Fahne» nicht gleich einrollen?

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Völlig von der Rolle zeigte sich zum Jahresbeginn Tagi-Kulturredaktor Andreas Tobler. Obwohl er das soziale Engagement der Kirche schätze, trete er jetzt aus (Artikel hinter der Bezahlschranke). Denn das schade den Kirchen ja nicht, da sie schon vom Staat unterstützt würden. Diese Argumentation ist etwa gleich blöde wie die Behauptung, eine Kündigung des Tagi-Abos schade dem Journalismus nicht, da der Bund ja den Posttarif für Zeitungen subventioniert.

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Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding und Kirchenratspräsident Michel Müller reagieren ökumenisch in einem offenen Brief, den der Tages-Anzeiger morgen (leicht gekürzt und geglättet) publizieren wird. Im Interview erklärt die Synodalratspräsidentin, warum die Meinung des Kulturredaktors trotzdem ernst genommen werden muss und warum es höchste Zeit ist, dass sich in der Kirche was dreht.

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Eine Rolle vorwärts drehen will Bischof Pierre Bürcher und kündigt eine «Erneuerung der Kirche im Bistum Chur» an. Christian Cebulj, Rektor der Churer Hochschule, attestiert dem Schreiben eine «erfrischende Sprache». In der Tat, Bürcher gibt keine autoritären Anweisungen, sondern lädt ein zu Gebet und Gespräch. Vor allem aber ist sein Schreiben schnörkellos kurz. Allerdings so kurz, dass kaum was drinsteht. Viel vager hätte der Churer Hirte nicht bleiben können, ohne gar nichts mehr zu sagen.

Wie die Rolle vorwärts gelingen soll, überlässt er der Überraschung durch den Heiligen Geist. Mir fällt dazu das Gebet der Teresa von Avila ein: «Christus hat keine anderen Hände als die deinen.» Das gilt sicher auch für den Heiligen Geist, der keinen anderen Kopf hat als den unseren. Die Anstrengung des Sehens und Denkens müssen wir schon selbst leisten und dann auch unsere Hände gebrauchen und was tun.

In Zürich wird schon lange innig gebetet und gewartet, jetzt solls konkret werden. Am 14. März findet ein Pastoralkongress statt, der Zukunftsperspektiven entwickeln will. Und am 31. März laden der Stadtzürcher Dekan und der Präsident des Stadtverbandes ein zu einem Diskussionsabend «Zukunft katholisch Stadt Zürich 2030» - nicht zuletzt im Hinblick auf rückläufige Steuereinnahmen.  Hoffen wir, dass damit frischer Wind in unsere Kirche bläst, damit es nicht beim lauen Lüftchen aus Chur bleibt. Immer im Bewusstsein darüber, dass für eine Rolle vorwärts der Kopf nach unten muss, Hintern und Füsse in die Höhe. Sprich, wenn alles auf den Kopf gestellt wird.

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Wie die Weisen aus dem Morgenland haben sich auch die Kolleginnen und Kollegen der von der Kirche getragenen Bildungsinstitutionen auf den Weg gemacht, ihre Rollkoffer, Kisten und Kartons gepackt und sind diese Woche zum neuen Haus der Paulus Akademie an der Pfingstweidstrasse gezogen. Noch soll es etwas chaotisch zu- und hergehen, aber bald werden alle Steckdosen funktionieren, die Briefkästen angeschrieben und die Pulte geliefert sein.

Doch dann beginnt erst die wirklich grosse Herausforderung, nämlich das schöne neue Bildungszentrum mit Gold, Weihrauch und Myrrhe zu füllen. Damit Paulus Akademie, Bibelpastoral, Theologische Bildung und interreligiöse Foren geeint wieder stärker ihre Rolle in Kirche und Gesellschaft wahrnehmen können: relevante Fragen zur Zeit zu stellen, nachhaltige Impulse zu setzen und Debatten auszulösen.

Welche Fragen brennen Ihnen unter den Nägeln? Hier können Sie sie einbringen: wernichtfragt.ch

Ich wünsche Ihnen ein sonniges Wochenende und einen gesegneten Sonntag. Ich selbst werde morgen testen, ob ich nach dem Festschmaus noch eine Rolle vorwärts hinbekomme. Sonst muss ich Busse tun.

Herzlich Simon Spengler 

 

 

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.