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Davonlaufen? Richtung ändern!

Bereichsleiter Kommunikation, Sekretär Interreligiöser Runder Tisch im Kanton Zürich
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Katholischer Theologe und Journalist.

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«Jetzt reicht’s! Was zurzeit in der Kirche abläuft, ist zum davonlaufen.» Das sind nicht meine Worte, sondern die eines für seine Besonnenheit bekannten Mönchs.
28. Januar 2022

Aber dieser Mönch, es ist Martin Werlen, ehemaliger Abt von Einsiedeln und heute Propst in St. Gerold, Vorarlberg, spricht mir damit aus der Seele. Heute Abend lädt Pater Martin in seine Propstei ein zur «Auskotzete» Als ich einmal im Newsletter schrieb, die Geschichte um die massenhafte Vergewaltigung von afrikanischen Nonnen durch Priester sei «zum kotzen», wurde ich für die Wortwahl gerügt. Aber den frommen Mönch, dem der Kragen geplatzt ist, darf ich sicher zitieren. Denn er trifft es auf den Punkt.

Was löst den Brechreiz aus? Werlen erklärt: «Ein ehemaliger Papst, der zum Schutz der Institution und seiner Person die ganze Welt anlügt, und mit der Wahrheit nur Stück um Stück herausrückt, lässt die Sprache verschlagen. Nur wenige Verantwortungsträger nehmen Stellung. Gutgläubige Menschen und ernsthaft Gottsuchende werden allein gelassen.» Auch ich zähle mich zu den Gutgläubigen, auch ich fühle mich von meinen «Hirten» im Stich gelassen.

Ja, jetzt reicht’s. Zwar glaube ich nicht, dass der «Papa emeritus» (so sein von ihm selbst erfundener Titel) auch nur eine einzige Zeile seiner langen Stellungnahme zum Münchner Missbrauchsgutachten selbst geschrieben hat. Auch nicht seine spätere Widerrufung der Lüge, er sei an der entscheidenden Sitzung bei der Übernahme eines bekannten Pädopriesters in den Seelsorgedienst seiner Diözese nicht dabei gewesen.

Jetzt reicht’s! Wer sehen will, wie es um diesen «Papa emeritus» wirklich bestellt ist, der schaue dieses Video eines Dokfilms zum 92. Geburtstags des Papstes aus Bayern an, genau bei Minute 14 (auf Youtube ist der Film noch zu finden mit spanischen Untertiteln, aus der offiziellen Mediathek des Bayrischen Rundfunks wurde es entfernt…) Dieses Propaganda-Video ist fast gänzlich mit Archivaufnahmen bestückt, als Papst Benedikt noch rüstig war. Bis auf diese kurze Szene und eine weitere beim Gebet in der Privatkapelle. Unterdessen ist Josef Ratzinger noch mal zwei Jahre gebrechlicher geworden.

 

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Was soll also dieses «Kasperlitheater», wie es Mönch Martin nennt? Es ist alles andere als harmlos. Denn irgendwer im Umfeld hat die Verharmlosung und Lügengeschichte des «Papa emeritus» ja verfasst und veröffentlicht. Diese «irgendwer» haben konkrete Namen, sind bestens vernetzt in der Weltkirche, mit Kardinälen, Bischöfen und Domherren. Dieses klerikale Netzwerk wirkt direkt aus dem Garten von Papst Franziskus heraus. Und der schweigt dazu, seit Jahren. Auch die Kurie schweigt, das Kardinalskollegium, die Bischöfe. Soll mir bloss keiner sagen, sie wüssten nicht ganz genau, was da abläuft. Aber die «Hirten» schweigen. Denn das Papstamt darf nicht beschädigt werden, die Institution muss geschützt bleiben, der böse Schein gewahrt. Alle schweigen. Keiner wagt das befreiende: «Jetzt reichts!» Die Vertuschung geht weiter.

 

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Stattdessen forciert die oberste Kirchenleitung die unselige Selbstsakralisierung des Papstamtes, Franziskus macht auch da fleissig mit. Dieses Jahr wird wieder einer der Vorgänger zur Ehre der Altäre erhoben (Johannes-Paul I.) Damit sind nun fast alle Päpste des 20. Jahrhunderts selig- oder heiliggesprochen. Es kommt mir vor wie im 19. Jahrhundert, als Papst Pius IX. 1870 den Verlust des Kirchenstaats und der weltlichen Macht mit dem Unfehlbarkeitsdogma kompensierte. Heute, wo auch die Glaubwürdigkeit der geistlichen Macht des Papst- und Bischofsamtes rasend schnell schwindet, sprechen sich die Oberhirten gegenseitig heilig. Wie erbärmlich, wie hilflos (wobei Albino Luciani wirklich ein toller Mensch war, das soll nicht verschwiegen werden).

 

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Kardinal Marx fand gestern in seiner Stellungnahme zum Missbrauchsgutachten starke Worte: Er stand zu seinem persönlichen Versagen, seiner eigenen Schuld, forderte «grundlegende Reformschritte» angesichts der «systemischen Ursache» des «Desasters». Beatrix Ledergerber schreibt im Editorial der neuen forum-Ausgabe (nächsten Donnerstag in Ihrem Briefkasten), ein «Kulturwandel in der Kirche» reiche nicht. Bei einem Systemfehler brauche es einen «Systemwandel». Sind die Bischöfe dazu bereit? Wenn ich ihre Gruppenfotos betrachte, auf denen sie in langen Röcken mit breiten Schärpen und funkelnden Brustkreuzen in die Kameras lächeln, wage ich es zu bezweifeln. Haben sie wirklich erkannt, dass im Gebäude der klerikalen Männerkirche nicht nur das Gebälk kracht, sondern dass dieses Gebäude längst zu Schutt und Asche verfallen ist? Immerhin: Kardinal Marx trat gestern ohne sein Bischofskreuz vor die Kameras. Ein Zeichen?

 

 

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Jetzt reicht’s! Warum bleibe ich denn in der Kirche? Warum versuchen wir in der Kommunikationsstelle, Good-News aus dieser Kirche zu verbreiten? Diese Frage haben wir uns im Team diese Woche ernsthaft gestellt. Und mir ist jeder Kirchenmensch unheimlich, der sich in dieser Situation nicht diese Frage stellt. Meine persönliche Antwort lautet: So lange in dieser Kirche Menschen vor dem Allerheiligsten knien und beten, so lange will ich Teil dieser Kirche sein. Wobei ich mit dem Allerheiligsten weniger den goldenen Tabernakel meine, sondern die Orte, wo uns Gott leibhaftig begegnet: wo Menschen leiden, sterben, suchen, für das Gute kämpfen, wo Menschen einander beistehen, sich gegenseitig stärken, für eine andere Kirche einstehen, für eine andere Welt. Leicht gesagt, schwer getan.

 

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Gar nicht schwer ist es, sich mit den queeren Menschen zu solidarisieren, die sich in unserer Kirche bisher immer verstecken mussten, wollten sie nicht die Stelle verlieren. 125 von ihnen haben in Deutschland den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt, in der Schweiz trauen sich das noch immer nur wenige. Aber sie sind zahlreich. Hier können Sie die europaweite Petition unterzeichnen.

 

Gestern begingen wir den Holocaust-Gedenktag. Die Regisseurin des Films Brunngasse 8, der die Geschichte der Bewohnerinnen und Bewohner des Zürcher Altstadthauses nachzeichnet und somit ans Pogrom vor siebenhundert Jahren erinnert, schreibt in ihrem Beitrag zum Film dies: «Wir leben mit Geschichten und Geschichte. Es ist schwierig, sich in Menschen früherer Zeiten einzufühlen. Solange wir uns aber darum bemühen und sie in Erinnerung rufen, bleibt ihre Geschichte unter uns lebendig.» Memoria passionis nennen das die Theologen, Gedächtnis des Leidens. Um daraus Kraft und Hoffnung für den Aufstand, die Auferstehung zu schöpfen. Der Film läuft im Kino Houdini.

 

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende und einen gesegneten Sonntag.

Simon Spengler

 

 

 

 

 

 

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.

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