Kirche aktuell

Claudio Cimaschi geht in Pension Kerosin im Blut und Gott im Herzen

Ende 2021 ging Claudio Cimaschi in Pension. Als Seelsorger hat er die Pfarrei St. Antonius in Wallisellen geprägt. Vielen ist er auch in Erinnerung als Seelsorger des Flughafenpfarramtes Kloten. Im Interview blickt er zurück und sagt, wohin die Kirche in Zukunft gehen muss.
07. Januar 2022 Katholische Kirche im Kanton Zürich 2 Kommentare

Er hat Kerosin im Blut, denn bevor er Theologie studierte und sich als verheirateter Theologe zum ständigen Diakon weihen liess, arbeitete Claudio Cimaschi bei den Bodendiensten der Luftfahrt. Als waschechtem Secondo kamen ihm die Mehrsprachigkeit und interkulturelle Übersetzungsfähigkeit oft zugute.  Später baute er zusammen mit dem reformierten Pfarrer Walter Meier das Flughafenpfarramt auf – und auch die heute 100-köpfige Betreuungsorganisation Flughafen (AET Special Care), welche bei aussergewöhnlichen Ereignissen aufgeboten werden kann. Anschliessend kehrte er in die Pfarreiseelsorge zurück, in die Pfarrei Wallisellen. Ende 2021 wurde er pensioniert. Zeit, mit einem engagierten Seelsorger in einem Interview zurück und auch nach vorn zu blicken.

Sie waren fast 17 Jahre lang Seelsorger im Flughafen. Was bedeuten Ihnen Orte wie die Flughafenkirche?

Dass Gott an jedem Ort und in jedem Menschen gegenwärtig ist und er jeden Menschen liebt. Das habe ich in den vielen Jahren Seelsorgedienst immer wieder ganz konkret erfahren.

Die Kirche muss sich an die Orte begeben, wo die Menschen im Alltag unterwegs sind und mit ihnen das Leben teilen in all seinen Facetten, Interesse haben an den Geschichten und Schicksalen der einzelnen. Das haben wir am Flughafen konkret, aber unaufdringlich zu leben versucht. Die Menschen, denen wir begegneten oder uns aufsuchten sahen in uns eindeutig kirchliche Ansprechpartner.

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Taufe in der Flughafenkapelle

Die Flughafenkapelle war ein ruhender Pol im Gewühl und Gedränge, ein besonderer Ort der Stille. Unterschiedlichste Menschen haben ihn aufgesucht. Nirgends fühlte ich mich heimatlicher mit meiner Kirche und ihren Ritualen verbunden als an diesem säkularen und multiethnischen Ort.

Welche Ereignisse haben Sie im Rückblick am meisten geprägt?
Neben ganz individuellen menschlichen Schicksalen und Geschichten waren es Ausnahmesituationen, die sich auch im kollektiven Gedächtnis eingebrannt haben: Die Rückkehr der Särge nach dem Attentat in Luxor, die Flugzeugabstürze in Halifax, Nassenwil, Bassersdorf und Überlingen und das Grounding der Swissair.

Was hat Ihnen und den betroffenen Angehörigen in diesem Moment geholfen?

Mein reformierter Kollege Walter Meier und ich haben in diesen Stunden der latenten Ohnmacht, des tiefen Schmerzes und der Sprachlosigkeit nach Gefässen gesucht, die dem Unsagbaren Ausdruck verliehen haben. Wo das Geheimnis von Leben, Tod und Auferstehung im Zentrum standen, konnten die Feiern und die Rituale trotz unerklärbarem Leid eine letztgültige Hoffnung vermitteln. Die grosse Herausforderung bestand darin, alle Betroffenen in ihrer Lage abzuholen und anzusprechen, das heisst: Direktbetroffene und Angehörige, aber auch Hilfs- und Rettungskräfte, Flughafen-Mitarbeitende, Airliner, Vorgesetzte bis hin zu Behörden und Medien.

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Gedenkgottesdienst für die Opfer von Luxor

Mit Ihrer Erfahrung als Seelsorger in der speziellen Institution der Flughafenkirche wie auch im klassischen Umfeld der Pfarrei: haben die gewohnten Orte noch Zukunft?

Die Pfarrei ist nur einer neben anderen Orten, die für kirchliche Beheimatung sorgen. Bestehende Angebote in der Pfarrei sind wichtig, doch wir sollten mutig eine Verlagerung der kirchlichen Präsenz in den säkularen Bereich wagen.

Dazu braucht es neue Wege, viel Gottvertrauen und vor allem – «en lange Schnuuf». Hauptmerk der kirchlichen Angebote muss vorrangig im Lebensvollzug des Menschen sein. Die klassischen pfarreilichen Orte sollte es aber nach wie vor geben, wo die Stille und der Rückzug Platz haben, z.B. in einer Kirche oder Kapelle, ergänzt durch Feiern der Gemeinschafts- und Glaubenserfahrung, wo man sich gegenseitig ermutigt und die Caritas konkret lebt. Es braucht ein «Sowohl-als-auch».

Was heisst das konkret?

Die Kirche muss sich mit ihren Angeboten in den Lebens- und Arbeitsräumen des mobilen und weltvernetzten Menschen bemerkbar machen und das durchaus auch farbig und provokativ. Das meint Papst Franziskus mit «Uscire»: Geht hinaus zu den Menschen! Das bedeutet vielleicht auch, wohlklingende Pastoralpläne und bisherige Modelle zur Disposition zu stellen und die Komfortzone zu verlassen!

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Bevor Sie in Pension gehen noch eine letzte Herausforderung: Bringen Sie Frust und Freude im Rückblick auf ein Berufsleben als Seelsorger auf den Punkt!

Für mich als Seelsorger war es manchmal frustrierend, den Trend wahrzunehmen, wie die institutionelle Bindung verdunstet und bei der Kirche nur noch wie in einem Supermarkt Dienstleistungen abgerufen und eingefordert werden. Wo immer zuerst der eigene Vorteil gesucht wird, verkümmert der Gedanke der Solidarität und der Gemeinschaftssinn. Das ist leider auch in kirchlichen Teams zu finden. Das macht mich nachdenklich.

In den Pfarreien geschieht so viel Gutes, dass man täglich eine Zeitung mit «Good news» füllen könnte. Hier zeigt sich die lebensbejahende und gemeinschaftsfördernde Kraft des Evangeliums. Denn Gott überrascht uns immer wieder neu und das stimmt mich hoffnungsvoll.