Kirche aktuell

Das Judentum ist kein Museum

Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten, führt seit Jahren einen intensiven Dialog mit dem Judentum. Anfang Juli hat er in Paris an einer grossen Jesuitentagung zu diesem Thema teilgenommen. Was waren seine Erkenntnisse?
23. August 2019 / Katholische Kirche im Kanton Zürich

Vor einem Jahr haben Sie mit einem Beitrag in der «Neuen Zürcher Zeitung» den Aufsatz des emeritierten Papsts Benedikt XVI. zum Judentum kritisch beurteilt. [Hintergründe siehe hier] Sind die Wogen inzwischen geglättet?

Christian Rutishauser: Die Diskussion ist gelaufen und abgeschlossen. Auf unserer Tagung in Paris habe ich nochmals den Verlauf der Diskussion skizziert und die verschiedenen Argumente abgewogen. Uns hat alle überrascht, welch ein Echo die Diskussion gefunden hat, vor allem im deutschsprachigen Raum. Die englische Übersetzung wurde erst im Januar 2019 veröffentlicht. Inzwischen haben sich auch Rabbiner mit dem emeritierten Papst Benedikt getroffen. Die Aussprache verlief sehr gut.

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Benedikt hat seine umstrittene Äusserung inzwischen präzisiert. Was ist das für ein Gefühl, einen ehemaligen Papst zu einer Klarstellung gebracht zu haben?

Es geht hier nicht um mich und um meine Gefühle, schon gar nicht um Rechthaberei oder einen unterschwelligen Machtkampf. Es geht um theologische Streitfragen. Wir ringen um Wahrheiten des Glaubens. Die Gesamtdiskussion im vergangenen Jahr war alles in allem fruchtbar und hat einige Positionen geklärt. Dies ist erfreulich. Über dieses Fazit waren wir Jesuiten uns einig. Auf der Tagung in Paris sprechen wir auch darüber, wie die Erkenntnisse des christlich-jüdischen Dialogs besser in die Theologen-Ausbildung einfliessen können.

Welche Defizite sehen Sie?

Das Judentum hat im Theologie-Studium ein viel zu geringes Gewicht. In der Predigt fristet das Alte Testament gegenüber dem Neuen Testament immer noch ein Schattendasein. Im Kirchenvolk ist zudem ein unterschwelliger Markionismus nach wie vor dominant: Das Alte Testament gilt als minderwertiger Bibeltext und der Gott des Alten Testaments wird als Gott der Strenge oder Rache dem Gott Jesu entgegengestellt.
Es gilt jedoch den Eigenwert der jüdischen Bibel anzuerkennen und zu verstehen, dass das Judentum nicht museal verstanden wird – wie es im Alten Testament verhandelt wurde. Viele verkennen, dass die jüdische Geschichte weitergegangen ist und wir heute ein lebendiges Judentum mit unterschiedlichen Traditionen haben.

Wie funktioniert der christlich-jüdische Dialog in Frankreich?

Kardinal Lustiger, der selbst getaufter Jude war und 2007 verstorben ist, hat in Paris und ganz Frankreich ein grosses Bewusstsein für die jüdisch-christliche Frage geweckt. In Frankreich hat jede Diözese einen Beauftragten für das christlich-jüdische Gespräch. Das ist institutionell klar geregelt, was ich sehr gut finde.

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Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten

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