Kirche aktuell

Religiösität und Rechtsextremismus Glaube ist nicht nur privat!

Bereichsleiter Kommunikation des Synodalrates
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation. Katholischer Theologe und Journalist.

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«Religion ist Privatsache» lautet das Credo unserer Zeit. Eine neue Studie der Universitäten Bern und Leipzig zeigt nun, dass das so simpel gar nicht stimmt. Denn Glaube kann vor rechtem Gedankengut schützen und fördert die Integration. Eine Studie, welche uns als Zürcher Kirche viel zu sagen hat. Weil sie erstmals den Zusammenhang empirisch belegt.
12. März 2020

Auf den ersten Blick beschäftigt sich die Studie des Berner Theologen und Psychologen Stefan Huber und des Leipziger Rechtsextremismusforschers Alexander Yendel mit Deutschland, mit der unterschiedlichen Anfälligkeit von Menschen für die AfD und generell rechtsextremes Gedankengut. Tatsächlich hängen Rechtsextreme oft Verschwörungstheorien an und kruden Formen von Esoterik, Wahrsagerei und Aberglauben. Der Attentäter von Hanau (D) hat das in jüngster Zeit auf traurige Art und Weise bestätigt.

Wie steht es aber um Glaube, der in christlichen Gemeinden und Kirchen gelebt wird? Tatsächlich kommen die beiden Religionsforscher hier zum genau gegenteiligen Resultat. Menschen, die in Ostdeutschland regelmässig Gottesdienste besuchen und auch sonst am Gemeindeleben teilnehmen, sind auffallend weniger oft anfällig für rechtsextreme Einstellungen. «Kirchlich aktive Menschen identifizieren sich mit der offenen und toleranten Weltanschauung der Kirche», erklärt Professor Huber, der an der Uni Bern das Institut für Empirische Religionsforschung leitet (und übrigens in Fribourg und München katholische Theologie studiert hat). «Für diese Gläubigen sind Nächstenliebe und Toleranz oberstes Gebot. Sie bemühen sich um Integration und lehnen Fremdenfeindlichkeit meist ab», so Huber weiter. Deshalb wählen kirchlich verbundene Christen auch selten rechtsextreme Parteien.

Studienleiter Stefan Huber. Foto: zVg
Studienleiter Stefan Huber. Foto: zVg

Fazit der aufschlussreichen Studie ist, dass Kirchen im Kampf gegen Rechtsextremismus wichtig sind. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz. Kirchen würden dazu beitragen, Vorurteile gegenüber «Fremden» abzubauen, zum Beispiel gegenüber Muslimen. Sie tragen dazu bei, «zugewanderte oder geflüchtete Menschen bei uns zu integrieren», führt Huber aus.

Damit sind wir bei des Pudels Kern. Jedes dritte Mitglied unserer Katholischen Kirche im Kanton Zürich hat keinen Schweizer Pass.

Immer wieder weisen wir darauf hin, wie wichtig unser breites Engagement gerade für Migrationsgemeinschaften und Flüchtlinge für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Aber bisher können wir das nur behaupten. Nun liegt uns erstmals eine Studie vor, die unsere Erfahrung klipp und klar empirisch-wissenschaftlich belegt.

Damit haben wir auch ein Argumentarium gegen die immer dreister in der Öffentlichkeit auftretenden freidenkenden Geister, die mit vermeintlich aufklärerischem Impetus ihr Mantra von ‚Religion ist Privatsache“ aufsagen. Und meinen, damit hinreichend begründen zu können, warum Religion und Staat nichts miteinander zu tun hätten und der Staat auf keinen Fall Kirchen unterstützen dürfe. Das Gegenteil ist der Fall: Kirchen und religiöse Gemeinschaften gehen den Staat sehr wohl etwas an, weil sie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig sind und religiöser Wahn und Aberglaube regelrecht gefährlich sein können.

Das Forscherteam wird übrigens im April eine Folgestudie vorlegen zum Thema „Religion und Islamophobie“, welche sich vor allem auf Schweizer Datenmaterial bezieht. Darauf bin ich schon jetzt gespannt!


Link zur Studie: https://www.rascee.net/index.php/rascee/article/view/165/pdf

Link zum Berner Institut: www.ier.unibe.ch