Kirche aktuell

Kommentar zur Papst-Enzyklika „Fratelli tutti“ Eigentlich nichts Neues – aber doch erschütternd

Leiter Ressort Pastoral
Rudolf Vögele

leitet das Ressort Pastoral im Generalvikariat und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Seine grundlegende Aufgabe ist es, prozesshaft und kommunikativ pastorale Konzeptionen für die katholische Kirche in den Kantonen Zürich und Glarus sowie deren Pfarreien und Dienststellen weiter zu entwickeln.

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Viele, die mich kennen, werden wohl ein enthusiastisches Empfehlungsschreiben des neuen Werkes von Papst Franziskus erwarten. Ich muss sie enttäuschen.
08. Oktober 2020

Im Gegensatz zu Evangelii gaudium oder Laudato si hat es mich dieses Mal Überwindung gekostet, diese lange Enzyklika in einem Zug durchzuarbeiten. Wenn man mit den genannten Verlautbarungen vertraut ist, muss man zugeben: so viel Neues sagt Franziskus hier nicht. Und doch ist es erschütternd – oder sollte erschüttern, wenn er erneut an die Verantwortung aller Brüder und Schwestern (!) für diese eine Menschheitsfamilie auf diesem Planten Erde appelliert.

Träumen ist nicht nur erlaubt, sondern entscheidend

Für nicht wenige, eher konservativ ausgerichtete Katholiken und Katholikinnen, mag es schon eine Erschütterung sein, dass Franziskus mit Franz von Assisi „zu einer Liebe einlädt, die alle politischen und räumlichen Grenzen übersteigt.“ (Kap. 1) Dabei verweist er auf eine Begebenheit in dessen Leben, die „sein Herz ohne Grenzen zeigt, das fähig war, den Graben der Herkunft, der Nationalität, der Hautfarbe und der Religion zu überspringen.“ (2) Und damit hat er schon alles gesagt, was er sich mit dieser Sozialenzyklika und von allen Lesern und Leserinnen eigentlich wünscht: „Träumen wir als eine einzige Menschheit, als Weggefährten vom gleichen menschlichen Fleisch, als Kinder der gleichen Erde, die uns alle beherbergt, jeder mit dem Reichtum seines Glaubens oder seiner Überzeugungen, jeder mit seiner eigenen Stimme, als Geschwister.“ (8) Alle (!) Brüder und Schwestern, gleich welcher Religion und Nationalität, lädt er ein, im Dialog miteinander Lösungswege für die Zukunftsfähigkeit dieser Menschheitsfamilie zu suchen – und nicht in Diskussionen mit nur „Gleichgesinnten“, ohne Auseinandersetzung mit Andersartigen, Ideologien, Nationalismen und Egoismen zu fördern (45). Und in Bezug auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37), das Franziskus in seinem zweiten Kapitel (56-86) ausführlich interpretiert, kommt dann noch der provozierende Satz: „Paradoxerweise können diejenigen, die sich für ungläubig halten, den Willen Gottes manchmal besser erfüllen als die Glaubenden.“ (74) Da stellt sich doch unweigerlich die Frage, wer für Papst Franziskus denn nun wirklich ein gläubiger Mensch ist?! In meinem Buch „Die ausgetretene Kirche – Mein Plädoyer für ein anderes Verständnis von ‹glauben›“ findet sich darauf ein Antwortversuch.

Eine Welt – für alle!

Dem katholischen Papst scheint also die eigene römisch-katholische Kirche und ihr ‚Alleinstellungsmerkmal‘ gar nicht so wichtig zu sein. Und von einem ‚hierarchischen Denken‘, das der Klerus lenkt und die Laienschaft nicht denkt, hält er offenbar gar nichts. Denn er sagt deutlich: „Wir dürfen nicht alles von denen erwarten, die uns regieren; das wäre infantil.“ (77) Viel mehr wünscht er sich erwachsene, reife Menschen, die eine offene Welt denken und schaffen (Kapitel 3). Ob seine langen Ausführungen zur „universalen Liebe“ in diesem Kapitel von allen, vor allem auch nicht religiös angehauchten Mitmenschen, verstanden werden, wage ich zu bezweifeln. Aber wenn er dann wieder (in dieser Enzyklika leider viel zu selten) seine Gedanken konkret werden lässt, versteht das wohl jeder: „Wenn jemand Wasser im Überfluss besitzt und trotzdem sorgsam damit umgeht, weil er an die anderen denkt, tut er das, weil er ein moralisches Niveau erreicht hat, das es ihm erlaubt, über sich und die Seinen hinauszublicken. Das ist wunderbar human!“ (117) Man darf diesem Papst zutrauen, dass er dabei nicht daran denkt, dass es einem armen Menschen in Argentinien hilft, wenn wir hier in der Schweiz sorgsam mit Wasser umgehen. Sicher denkt er mehr an den Klimawandel, den er in Laudato si näher behandelt, an das Absinken des Grundwasserspiegels einerseits und das Ansteigen des Meeresspiegels andererseits und die unübersehbaren Konsequenzen für die Natur, die Landwirtschaft und die Menschen…

Dies mag nur ein kleines Beispiel sein für die Verwobenheit und Vernetzung unserer globalen Gesellschaft, die auch einer globalen Politik (Kapitel 5) und eines aufrichtigen Dialogs (Kapitel 6) bedarf. Politisches Dialogisieren und Handeln ist nach Franziskus „vor allem die Suche nach den stabilsten Grundlagen für unsere Entscheidungen und auch für unsere Gesetze. Das bedeutet zuzugestehen, dass der menschliche Verstand über die momentanen Bedürfnisse hinaus einige Wahrheiten erkennen kann, die unveränderlich sind, die schon vor uns waren und es immer sein werden.“ (208) Hier kommen dann die Religionen mit ins ‚politische Spiel‘, wenn die Suche nach diesen Wahrheiten, die Suche nach Transzendenz, nach Gott auch Auswirkungen auf unser wirtschaftliches, ökologisches und humanes Denken und Handeln hat. „Solange wir die aufrichtige Gottessuche nicht mit unseren ideologischen oder zweckmässigen Interessen verdunkeln, hilft sie dabei, uns alle als Weggefährten zu begreifen, wirklich als Brüder und Schwestern.“ (274)

Kirche kann nicht nicht-politisch sein

In einem Vortrag hat der Theologe und Sozialethiker Thomas Wallimann-Sasaki einmal gesagt: „Der Mensch kann nicht nicht-politisch sein!“ Selbst, wenn er sich ganz in seinen privaten Bereich zurückzieht und zu allem schweigt, ist und bleibt er politisch, in dem er jenen den Raum und die Entscheidung überlässt, die über ihn regieren. In gleicher Weise betont nun Franziskus, dass auch die Kirche nicht nichtpolitisch sein kann: sie „respektiert zwar die Autonomie der Politik, beschränkt aber ihre eigene Mission nicht auf den privaten Bereich. Im Gegenteil, sie kann und darf beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen, noch darf sie versäumen, die seelischen Kräfte zu wecken, die das ganze Leben der Gesellschaft bereichern können.“ (276)

Insider wissen, welch grossen Wert der noch amtierende Generalvikar in Chur, Martin Grichting, darauf legt, dass es nicht Aufgabe des Klerus und der staatsrechtlichen Organe sein, politisch zu agieren. Auch hierzu sagt das Dokument ganz klar: „Es stimmt, dass religiöse Amtsträger keine Parteipolitik betreiben sollen, die den Laien zusteht, aber sie können auch nicht auf eine politische Dimension der Existenz verzichten, die eine ständige Aufmerksamkeit für das Gemeinwohl und die Sorge um eine ganzheitliche menschliche Entwicklung umfasst. Die Kirche hat eine öffentliche Rolle, die sich nicht in ihrem Einsatz in der Fürsorge oder Erziehung erschöpft, sondern sich in den Dienst der Förderung des Menschen und der weltweiten Geschwisterlichkeit stellt.“ (ebd.)

Good News tun Not

Für mich hat Papst Franziskus in seiner Trilogie Evangelii gaudium, Laudato si und nun Fratelli tutti alles gesagt, was es zu sagen gibt, um die Zukunft für alle humaner zu gestalten. Er hat sogar noch einmal seine Kritik an ungezügeltem Kapitalismus und Neoliberalismus an etlichen Stellen wiederholt, obwohl er dafür heftigen Widerstand erntete und auch nun wieder bekommt, wie von dem Präsidenten des Münchner ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, der ihm vorwirft, Unwahrheiten und Vorurteile in seinem jüngsten Lehrschreiben zu verbreiten. Diese Unerschrockenheit und Beharrlichkeit des Papstes imponiert mir.

Was mir jetzt aber noch fehlt, sind noch viel mehr Berichte und Erzählungen darüber, was schon alles getan wird in diese Richtung. Als ich diesen Artikel schrieb, erhielt ich von der Gemeinschaft Sant‘ Egidio in Rom eine E-Mail mit dem Hinweis, dass am 20. Oktober wieder ein Internationales Friedenstreffen der großen Weltreligionen auf dem Piazza del Campidoglio stattfinden wird. Ich weiss, dass nicht nur im Züricher Forum der Religionen oder in Haus der Religionen in Bern, sondern auch in einigen Pfarreien im Kanton Zürich der von Franziskus geforderte Dialog unter den verschiedenen Religionen längst praktiziert wird. Die vielfältigen Bemühungen im Bereich Ökologie, nicht nur kirchlicherseits, finden meines Erachtens noch zu wenig Beachtung. Neben all den Nachrichten von Krieg und Terror, von Nationalismen und Abschottungen sollten diese Botschaften viel deutlicher verkündet werden. Der Worte gibt es genug – beim Handeln haben wir alle noch sehr viel Luft nach oben.

Dr. Rudolf Vögele, Leiter des Ressorts Pastoral im regionalen Generalvikariat Zürich-Glarus

 

Die Enzyklika auf deutsch (vatican.va)

Zusammenfassung und weitere Materialien zur Enzyklika (dbk.de)