Kirche aktuell

CVP ohne C? Das hohe «C»

Tatjana Disteli

 Bereichsleiterin  «Seelsorge Gesundheitswesen und Inklusion» sowie «Ökumenische Seelsorge».

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Die CVP will aus polit-strategischen Gründen auf ihr «C» verzichten. Kaum jemand stört sich daran. Theologin Tatjana Disteli legt Widerspruch ein.
27. Juni 2020 3 Kommentare

Nein, nicht die Stimmlage des Tenors: Zur Diskussion steht das «C» der Christlichdemokratischen Volkspartei der Schweiz. Befindet es sich aktuell im freien Fall?

Die heutige CVP hat ihren Ursprung in der katholisch-konservativen Volksbewegung zur Gründungszeit unseres Bundesstaates 1848. «Die Partei» hat sich im Laufe der Zeit bezüglich Zusammensetzung, inhaltlicher Ausrichtung und Namensgebung verändert. Völlig normal.

Seit den 70er Jahren scheint die Religion zur Privatsache erklärt. Schuster, bleib bei Deinen Leisten, heisst es hüben wie drüben. Prägten in alter Zeit Papst und Priestertum, Adel und Herrschaften gemeinsam die Gesellschaft, wirkten Kirche und Religion heute im privaten Raum. Am Sonntag das Evangelium zu predigen sei genug - zu wichtigen Debatten der Gegenwart habe das Christentum in der säkularen Demokratie nichts mehr zu sagen.

Wo bleibt das Salz der Erde?

Haben wir als Kirche den gesellschaftskritischen Einfluss durch eigene Verfeh­lungen verloren, die prophetische Sprengkraft des Christentums verspielt? Mittlerweile kann man sich fragen, ob «C» wie „christlich“ in der breiten Bevölkerung zu einem Schimpf­wort geworden sei, zu einem einseitig anti-modernistischen Unwort mit Ausschlusscharakter anders­denkender und anders­fühlen­der Menschen. Doch das wird der Realität nicht gerecht.

Hat das Salz der Erde dieser Welt wirklich nichts mehr zu bieten? Natürlich! Trotzdem grenzen sich nicht wenige Parteimitglieder in den letzten Jahrzehnten immer stärker vom Lehramt ab, das in gewissen Fragen im Widerspruch zur gesell­schaftlichen Mehrheit steht.

Dieselbe Auseinandersetzung findet auch innerhalb unserer Kirchen statt. Die einen halten an der Ver­gangenheit als der ewigen Wahrheit fest, die anderen erkennen im «C» die überzeitlichen Werte und Prinzipien, die es zu bewahren und in die heutige Gegenwart und Kultur zu übersetzen gilt.

Mystik und Politik

Die Frage, ob Religion und Spiritualität politisch sein soll und darf, gehört grundlegend zu dieser Debatte hinzu. Und sie ist alles andere als neu. Der «Neuen Politischen Theologie» des Theologen Johann Baptist Metz zum Beispiel geht es darum, die Glaubens-Praxis des Alltags zum Anwalt der Hoffnung und zum Anstoss notwendiger Veränderung werden zu lassen. Sie steht für eine Theologie, die Mystik und Politik verbindet: Eine Spiritualität ohne Auswirkung auf den Alltag ist nicht evangeliums­gemäss. Der Zusammen­hang von Religion, Spiritualität und Politik ist ein Kernstück christlicher Welt­verantwortung. Und dabei ist es gar nicht nötig, das «C» explizit in den Mund zu nehmen. Nein: «An ihren Wer­ken werdet Ihr sie erkennen.» Das christlich-politische Engagement zielt primär auf die Ver­wirkli­chung von Gerechtigkeit, auf die Unterstützung der Stimmlosen, letztlich aber auf die Humanisierung der Lebensbe­dingungen aller. Metz spricht von einer Theologie mit Praxisbezug, die sich von Gegen­wart und Welt irritieren lässt und wiederum in sie hineinwirkt. Er versteht die Politik als Ort des Ringens um das gute Leben.

Christliche Tradition zeigt sich mitten in der Stadt.
Christliche Tradition zeigt sich mitten in der Stadt.

 

Dieses Verständnis von christlicher Inkulturation ist auch im Jahr 2020 durchaus anschlussfähig für katholische Gläubige, genauso wie für Reformierte, Kirchenferne, Humanisten und sogar für Atheisten und Andersgläubige – sofern (!) diese christlichen Prinzipien in ein zielorientiertes Partei­pro­gramm eingegossen und umgesetzt werden.

«C» = Profil + Proprium

In Coronazeiten setzt sich die Gesellschaft gezwungenermassen mit ihrem Menschenbild aus­ein­ander, mit der Würde und dem Wert des Einzelnen innerhalb des Kollektivs: Auf welche Ideale und Werte bezieht sich der heutige Mensch? Werte sind die Grundlage jedes Parteiprogramms. Eine Namensänderung ist für gewöhnlich der Schlussstein der umfassenden Organisations­entwicklung. Die Streichung des «C» bedeutet vielleicht für eine Gruppe von Adressaten gutes Marketing - gewichtiger Inhalt, erkennbares Profil und klare Ziele sind dadurch noch nicht gegeben.

Ist es nun also zielführender, das Kind mit dem Bad auszuschütten, oder aber die heutigen politischen Inhalte aufgrund ihrer überpersonalen und gesellschaftstragenden Werte in die Gegenwart zu über­setzen?

Komplexe Lösungswege brauchen Zeit und Sachverstand, binden alle Argumente und Kräfte mit ein und wagen die Güterabwägung: Diese Mittepartei politisiert auf dem Boden christlicher Werte. Die stillen Schaffer erarbeiten oft die entscheidende Lösung. Das tuen auch andere, natürlich!

Doch genau dieses «C» könnte wieder neu zum Proprium werden: Werde zum Vorbild in der Umsetzung christlicher Werte in der ausgleichenden Mitte, das sich sachorientiert zum Wohl von Individuum, Gesellschaft, nachhaltiger Wirtschaft und intakter Umwelt mit anderen Partnern verbindet, einmal mit links und einmal mit rechts! Erwirke zielorientiert Lösungen quer über die Parteigrenzen hinaus! Einfach, weil es nicht ums machtpolitische Pokern und Gewinnen geht. Sondern um ein verantwortetes Miteinander und Füreinander. Weil schon Corona gezeigt hat, dass innovative, neue Denkweisen möglich sind: Compassion, Hoffnung und Tatendrang als gesellschaftskritische Kraft!

Alles naive Träumerei? Nun, es ist zweifellos ein herausfordernder Weg. Doch schwarz-weiss Lösungen führen uns nicht in eine gute Zukunft. Die komplexe Gegenwart verlangt nach einem «Thinking Out oft the Box», das dem Zeitgeschehen Rechnung trägt. Sie verlangt nach einem politischen Ton mit Anstand und Wertschätzung für andere Meinungen. Gerade deshalb besitzt diese Politik Durchsetzungskraft.

Wie wäre es, wenn man das christliche «C» in unserer Gesellschaft wieder als Garantin für Fairness und abwägende Ethik verstünde, für verantwortetes Arbeiten im Dienst an der Gesellschaft wider jedes spaltende Machtgebaren? Eine CVP mit neu glänzendem «C» wäre nicht von gestern, nein, sondern mehr als gefragt, positiv verstanden «modern» - mit Weitblick und Tiefgang, zukunftsfähig!

So oder so kommen wir um die Wertediskussion in Gesellschaft, Staat und Kirche nicht herum: Kann ein Vergleich aus der Musik herangezogen werden? Wenn das hohe «C» ertönt, spielen die Emotionen verrückt, denn dieser Ton gilt für jeden Tenor als grosse He­raus­forderung. Bald werden wir sehen, ob es gelingt, das «C» neu zu beleben, oder ob es auf dem Notenpapier in der Schublade der Geschichte verschwindet.