Über uns

Disziplin, Observanz und BINGO!

Informationsbeauftragter des Generalvikariates
Arnold Landtwing

Schwerpunkte: Kommunikation Generalvikariat, Mitarbeitende in der Seelsorge, Beratung Pfarreien, pastorale Gremien. Katholischer Theologe und Mediator.

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Bullshit-Bingo kennen Sie, oder? Da hält man vor Beginn eines Vortrags oder einer Rede in einer Tabelle die zu erwartenden inhaltlosen Schlagwörter fest und streicht sie ab, wenn sie genannt werden. Wer diagonal, vertikal oder horizontal eine Reihe komplett hat, steht auf und ruft «Bingo!».
11. Februar 2022

In Vorlesungen mag dies für gewissen Unterhaltungswert sorgen und erfordert zuweilen etwas Mut. Geradezu tragisch wird es jedoch, wenn es bei der mit grosser Spannung erwarteten Stellungnahmen von Papst emeritus Benedikt XVI. zur Münchner Missbrauchsstudie funktioniert. «Scham». «Schuld». «Versehen». «Brüder». BINGO! Oder im Faktencheck seiner Mitarbeiter: «Keine Kenntnis». «Nichts entschieden». «Keine Beweise» «irrtümlich». BINGO!

 

 

 

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Mit treuherzigem Blick verlas diese Woche Erzbischof Gänswein den Brief von Benedikt XVI. an seine «Lieben Schwestern und Brüder». Zuerst werden eigene Seilschaften kübelweise mit Dank überschüttet, dann eine offensichtliche Falschaussage zum «Versehen» umetikettiert und als hoffentlich entschuldbar schubladisiert, um sich schliesslich selber als Opfer zu sehen.

 

 

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War da noch was? Etwa andere Opfer? Gegen Ende der 3. Seite seines fünfseitigen Schreibens kommt es dann Benedikt doch noch in den Sinn. Lange und erfolglos wartet, wer auf seiner Bingokarte Sätze notiert hat wie «ICH habe Fehler gemacht», «ICH übernehme die Verantwortung» oder «ICH würde heute sofort handeln». Stattdessen werden alle in einem grossen unpersönlichen «Wir» in die Schuld hineingezogen. Dass Joseph Ratzinger es nicht schafft, persönlich Verantwortung zu übernehmen, zeigt, dass er nichts verstanden hat. Damit sei seine Entschuldigung bei den Opfern wertlos, kommentiert Tilmann Kleinjung als Leiter der Redaktion Religion & Orientierung von BR 24 und Joachim Käppner nennt es im Tagesanzeiger «Ein erschütterndes Dokument der Entfremdung».

 

 

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Als Philologe und Philosoph seziert Thomas Ribi in der NZZ (Aboschranke) die filigran ziselierte Sprache in kirchlichen Dokumenten, die das Thema Missbrauch meidet wie der Teufel das Weihwasser. Statt kurz und klipp Missbrauch beim Namen zu nennen, finden sich im Kapitel «Straftaten gegen die Heiligkeit des Busssakraments» sprachliche Volten wie «Verführen eines anderen zu einer Sünde gegen das Sechste Gebot des Dekalogs» oder «Sünde mit dem Beichtvater». Da möchte Ribi laut aufschreien: «Es geht, Herrgottnochmal, um Vergewaltigung, um sexuelle Handlungen, um das Ausnützen von Vertrauensverhältnissen. Um Verbrechen, mit denen die Täter anderen Menschen Leid antun. Solange die Kirche die Vergehen vor allem als Sünde vor Gott und erst in zweiter Linie als Verbrechen an anderen Menschen betrachtet, kann sie das Problem nicht lösen.» Recht hat er.

 

 

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Gerne hätte ich von ihm einen ganzseitigen Kommentar zum Thema gelesen. Doch dies war tags darauf dem Schriftsteller Martin Mosebach (Aboschranke), Franziskuskritiker, Polemiker gegen das zweite Vatikanum und Verfechter des tridentinischen Ritus‘ vorbehalten. Die Ursache des «Missbrauchsproblems im Reformdesaster der Kirche» ortet er im Zweiten Vatikanischen Konzil, dem Wegfall der Pflicht zu täglicher Messfeier, häufiger Beichte und der Soutane. Das habe die Ordnung im Alltag eines Priesters über den Haufen geworfen. Remedur kann nur ein klares Profil des Priestersbildes bringen: denn bei «disziplinierendem Halt», «strenger Observanz» und Eingebundensein in «traditionelle Disziplin» falle es «dem Priester leichter, seiner Versuchungen Herr zu werden.» BINGO!

Beim Lesen dieses Beitrags habe ich mich etliche Male vergewissert, dass ich nicht eine Ausgabe der alten Tante von 1870 in Händen halte.

Das Priesterbild steht anno domini 2022 reichlich anachronistisch in der Landschaft. Zur Sicherheit werde ich Bischof Joseph Maria noch vor den anstehenden Priesterweihen fragen, wie er das mit der Disziplin und der Observanz der Weihekandidaten handhaben wird. Es soll dann nachher keiner kommen und behaupten, er hätte es nicht gewusst…

Und, ah ja, Chance Kirchenberufe, die seit Jahren mit kostspieliger Kampagne auch für den Beruf des Priesters wirbt, kann wohl bald offline gehen, denn in einer Umfrage in Deutschland haben 78% der Religionslehrpersonen der Aussage zugestimmt, dass «die Art und Weise wie die Kirche insgesamt die  Aufarbeitung des Missbrauchsskandals vorantreibt, uns unglaubwürdig macht.» Werbung von Chefs für die eigene Institution, bzw. Kirchenberufe geht definitiv anders.

 

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Wer den Einsatz als Seelsorger mit voller Überzeugung leistet, der nimmt dafür Vieles in Kauf, zuweilen auch mal eine Parkbusse. Kürzlich so geschehen bei einem Einsatz von Oliver Sittel als Notfallseelsorger. Von der Polizei aufgeboten, hatte er keine Parkscheibe gestellt und kriegte prompt eins geklebt. Die Hüter des Gesetztes ziehen Nulltoleranz durch, Notfalleinsatz hin oder her. Im Gegensatz zu Benedikt gibt Sittel zu, eine Übertretung begangen zu haben, übernimmt die Verantwortung und bezahlt die Busse. 40 Stutz. Konsequenz beginnt halt im Kleinen im Alltag.

 

 

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Konsequenzen hat auch der stetige Verlust von Mitgliedern der beiden Konfessionen im Kanton Zürich. Das statistische Amt des Kantons hat diese Woche die aktuellsten Zahlen veröffentlicht. Bereits seit einiger Zeit zeichnete sich ein Trend nach unten ab. Die Gründe dafür sind vielfältig, unter anderem Todesfälle, Austritte, weniger Taufen, weniger katholische Zugewanderte etc.. Erstmals gehören damit mehr als 50% der Menschen im Kanton Zürich einer anderen Religion oder gar keiner mehr an.

Nicht gerade berauschend waren auch die Zahlen zur Teilnahme im Bistum Chur an der Umfrage zum synodalen Prozess, nachzulesen im Bericht von gfs.bern auf der Homepage des Bistums. Zur synodalen Versammlung trafen sich diese Woche gut 70 Leute aus dem ganzen Bistum in Zürich. Da die Veranstaltung im geschützten Rahmen ohne Beobachter stattgefunden hat, gilt es geduldig abzuwarten, bis das Bistum nächstens Erkenntnisse aus dieser Runde vorstellen wird.

 

Zur Ruhe kommen wirkt bekanntlich auch erkenntnisfördernd, deshalb verabschiede ich mich im Namen des Kommunikationsteams mit diesem Newsletter in die Winterferien. Auf Wiederlesen in drei Wochen!

 

Arnold Landtwing
Informationsbeauftragter Generalvikariat

 

Apropos erkenntnisfördernd: Am 14. Februar ist Valentinstag. Blumen und was Süsses aus der Confiserie machen aber auch die restlichen 364 Tage Freude. Probieren Sie’s mal aus! 😉

 

 

 

 

 

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.

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