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Bettags-Variation

Bereichsleiter Kommunikation des Synodalrates
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation. Katholischer Theologe und Journalist.

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Übermorgen ist Bettag. Am Bettag veröffentlichen viele Landeskirchen ihre Bettagsmandate. Die reformierte Landeskirche Zürichs etwa appelliert an die Solidarität in Corona-Zeiten. So weit, so gut.
18. September 2020 3 Kommentare

Leider erreichen diese Bettagsmandate nur selten eine breite Öffentlichkeit. Ganz anders das «Bettagsmandat» der speziellen Art, welches der reformierte Kirchenrat wenige Tage vor dem Bettag unters Volk brachte: «Reformierter Kirchenrat Zürichs verbietet Politpropaganda für Konzernverantwortungsinitiative». Vom St. Galler Rheintal bis zum Jurasüdfuss prangte diese Schlagzeile auf den Titelseiten der Gazetten. Bravo! Diese Botschaft der Distanzierung von der – massgeblich von kirchlichen Hilfswerken lancierten – Initiative kam beim Volk an.

 

Als Kommunikator könnte ich neidisch sein auf diesen «Erfolg». Als Christ bin ich für einmal wieder richtig froh, katholisch zu sein! So kann ich wenigstens den Papst zitieren: «Es ist ungeheuerlich, wenn Konzerne im Ausland tun, was sie im eigenen Land nicht tun dürfen.» Wenn Sie nicht glauben wollen, dass das der Papst gesagt haben soll, klicken Sie aufs Bild und schauen und hören Sie selbst.

 

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In Basel klagen dieser Tage zwei Witwen indischer Landarbeiter vor Gericht, deren Männer mutmasslich durch ein Insektizid des Chemie-Multis Syngenta vergiftet wurden. Das Mittel Polo wurde auf den Baumwollplantagen breit eingesetzt, in der Schweiz war es verboten. Selbstverständlich bestreitet der Konzern jede Verantwortung.

Es ist die erste Klage wegen Produkthaftpflicht, welche vor einem Schweizer Gericht verhandelt wird. Das ist heute schon möglich. Mit der Initiative wären auch angerichtete Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen einklagbar. Klar, aus wirtschaftlicher Sicht ein Problem für die betroffenen Firmen, denn auch schmutzige Geschäfte können gute Geschäfte sein. Aber wie man aus christlicher Sicht, und das würde dann ja wohl auch die biblische Sicht einschliessen, gegen dieses Anliegen argumentieren kann, ist mir rätselhaft. «Prüft aber alles, das Gute behaltet» steht übrigens über dem Bettagsmandat des Zürcher Kirchenrats. Ein Zitat aus dem Neuen Testament (1. Brief des Paulus an die Thessaloniker 5,21).

 

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War ich bis jetzt stolz, katholisch zu sein, muss ich mich schon wieder schämen. Da hat doch ein Priester in Nidwalden seiner Sekretärin per Whatsapp ein Foto eines erigierten Penis geschickt. Klar, aus Versehen. Das nehme ich dem geistlichen Herrn sogar ab. Aber wie kommt dieses Foto auf sein Handy? «Ungewollt», verteidigt sich der Priester. Auch das könnte noch stimmen. Aber in welchen Kreisen muss man(n) sich bewegen, um solche Fotos zugeschickt zu bekommen?

 

Der Mann war übrigens «geistlicher Begleiter» des erzkonservativen katholischen Privatsenders «Radio Gloria». Die Churer Bistumsleitung hat den Priester umgehend aus dem Verkehr gezogen und dazu noch seinen Namen auf der Homepage öffentlich gemacht. Auch nicht die feine Art, die Jagd auf ihn und sein Privatleben ist damit eröffnet. Die elende Doppelmoral macht uns kaputt!

 

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Es ist ja eh gerade Jagdsaison, ich freue mich schon auf Rehrücken, Hirschpfeffer und Hasenfilet. Das neue Jagdgesetz, über das wir am 27. September abstimmen, bläst zudem zum Halali auf den Wolf und andere (bis jetzt) geschützte Wildtiere. «Das ist völlig unverhältnismässig», betont mein Kollege Stephan Schwitter. Er ist Bereichsleiter der Zürcher Migrantenseelsorge, passionierter Alpinist und Naturfreund und mahnt in seinem Beitrag auf unserer Homepage, christliche Verantwortung für die Schöpfung habe auch mit dem Schutz des Wolfs zu tun. Deshalb wirbt er für ein Nein zu diesem Jagdgesetz.

 

Wenn Sie sich für das Thema Wolf interessieren, sollten Sie unbedingt dieses Video des Bündner Naturfilmers Peter Dettling anschauen über den heiligen Franziskus, den Wolf von Gubbio, die Schafe und was das mit dem neuen Jagdgesetzt zu tun hat. Auch ein guter Impuls für den Bettag.

 

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Ganz versöhnlich-ökumenisch freue ich mich mit der «Dargebotenen Hand», welche vom Beobachter mit dem «Prix Courage Lifetime Award» ausgezeichnet wird. 670 Freiwillige stehen schweizweit Tag und Nacht im Einsatz, 365 Tage im Jahr, um Menschen in seelischer Not per Telefon 143 zuzuhören. Jeder und jede Einzelne hat diesen Preis verdient. Dargebotene Hand Zürich wird übrigens massgeblich von den Kirchen mitfinanziert. Weshalb ich wieder dankbar bin, dass es diese Kirchen gibt.

 

Sollte es Sie am Bettag ins Lichtspielhaus ziehen, läuft auch hier in verschiedenen Kinos im Kanton ein lohnender Film: «Hexenkinder» von Edwin Beeler zeigt Kinderschicksale aus der Schweiz der 50er und 60er Jahre, die zwangsweise in Heime zur «Erziehung» gesteckt wurden und hier, leider allzu oft mit Bezug auf einen strafenden Gott, Schreckliches erleben mussten. In ökumenischer Eintracht müssen wir Kirchen Schuld eingestehen. In ökumenischer Verantwortung haben die Kirchen diesen Film unterstützt.

 

Ich wünsche uns allen einen besinnlichen, sonnigen und erholsamen Bettag.

Simon Spengler

 

 

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.