Kirche aktuell

Religionen diskutieren über den Bettag «Wenn der Staat das Beten befiehlt»

Befohlen wurde der «Dank-, Buss- und Bettag» vom jungen Bundesstaat als Versöhnungsakt zwischen reformierten und katholischen Kantonen nach dem Sonderbundskrieg. Wie kann dieses Erbe heute in einer multireligiösen und säkularen Gesellschaft fruchtbar sein? Darüber diskutierten Religionsgemeinschaften mit Regierungsrätin Jacqueline Fehr.
22. September 2026 Katholische Kirche im Kanton Zürich

Gegen 50 Mitglieder der verschiedenen am Interreligiösen Runden Tisch im Kanton Zürich (IRT) versammelten Religionsgemeinschaften gingen am Freitag, 18. September, im Saal des Sitzes der Katholischen Kirche Zürichs der Frage nach, ob der Bettag einfach nur ein alter Zopf sei, oder ob dieser staatlich verordnete, konfessionsübergreifende Feiertag auch für nicht-christliche Religionen heute eine aktuelle Botschaft darstellen könnte.

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Von links: Amir Dziri, Shoshana Jakobovits, Felix Reich, Jacqueline Fehr und Raphael Meyer. Foto: Gabriela Dudler

Die jüdische Theologin Shoshana Jakobovits von der Israelitischen Cultusgemeinde eröffnete ihr Statement am Podium überraschend: «Vor dieser Veranstaltung habe ich noch nie etwas von diesem Feiertag gehört», gab sie unumwunden zu. Selbst Raphael Meyer, Vorsitzender des IRT und Präsident des Synodalrats der römisch-katholischen Körperschaft, musste eingestehen, sich eigens für die Podiumsdiskussion erst mal schlau gemacht zu haben, was es mit dem Buss- und Bettag genau auf sich hat. Die Bedeutung, die dieser eidgenössische Feiertag mal hatte, ist also weitgehend in Vergessenheit geraten.

Vom Beten zum Handeln

Als Erinnerung  an die Quellen unseres Bettags diente ein Rückblick auf die Zürcher Reformationszeit, konkret an Heinrich Bullingers (dem Nachfolger Zwinglis) Gemeinschaftsgebet und seine Strafpredigt vor dem Kleinen Rat der Stadt Zürich. Damals, im Jahr 1571, führte extremes Wetter und in der Folge Missernten zu Hungersnot und Elend in der breiten Bevölkerung. Kornspekulanten profitierten hingegen von den horrenden Getreidepreisen, was Bullinger in seiner Predigt wortreich anprangerte und die Politik zum Handeln aufrief – vorgetragen vom Schauspieler Thomas Sarbacher.

Bullinger interpretierte die Hungersnot im Geist seiner Zeit als Strafe für das sündhafte Handeln der Menschen und rief zur Umkehr auf. Er führte schon damals einen zusätzlichen, obligatorischen «Dienstagsgottesdienst» zur Busse und Umkehr ein. Die Reformationshistorikerin Judith Engeler übersetzte Bullingers Predigt ins Heute: «Wenn man selbst schuld ist, kann man auch selbst etwas ändern.» Angesichts der aktuellen Klimakrise also durchaus ein Ansatz, der auch uns etwas zu sagen hat.

Relevanz von Religion heute

In der anschliessenden Podiumsdiskussion entdeckten die Teilnehmenden dann auch verschiedene Bettags-Traditionen vom Talmud bis zum Koran. Auch am dieser Tage gefeierten Jom Kippur-Fest beten Juden für das Land und die Menschen. So appellierte Meyer zusammenfassend, den Bettag heute breiter zu denken: «beten, fasten, besinnen und dann handeln als gemeinsame Basis aller Religionen».

Diskussionsleiter Felix Reich, Redaktor der Zeitschrift «reformiert.», warf die Frage auf, ob Kirchen und Religionen heute noch die Relevanz hätten, sich in Politik und Gesellschaft Gehör zu verschaffen. Amir Dziri, Professor für Islamische Studien an der Uni Freiburg i.Ue., sieht genau hier eine Gefahr: «Je mehr Religionen aus der Öffentlichkeit verdrängt werden, desto kälter und technokratischer wird die Gesellschaft.» Was Religionen an Gesellschaftsbildung leisten, sei gerade heute angesichts immer stärkerer Isolierung der Menschen unverzichtbar.

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Angeregte Diskussion der Teilnehmenden. Foto: Gabriela Dudler

Dem konnte auch Regierungsrätin Jacqueline Fehr zustimmen, die sich selbst als Atheistin bezeichnete. Sie erinnerte aber auch an den Doppelcharakter aller Religionen: «Sie haben eine kittende, versöhnende Seite, können mit ihrem je eigenen Absolutheitsanspruch aber auch trennend und spaltend wirken. Religionen sind aus Sicht des Staates Chance und Risiko zugleich.»

Diese Chance gelte es als Potenzial für eine gerechte und friedfertige Gesellschaft auch künftig zu nutzen, darin waren sich alle einig. Wie das konkret umsetzbar wäre angesichts ausgrenzender Kopftuch-Debatten, zunehmender Entfremdung der Menschen von den eigenen religiösen Traditionen einerseits und zunehmendem religiösen Fundamentalismus andererseits, dazu fand die Runde noch keine Antworten. Aber immerhin gelang es dem IRT, die Debatte auch im Rahmen des interreligiösen Dialogs zu lancieren.

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