Zum Streit ums Kopftuch, Kreuz und Kippa Plädoyer für gelebte Religionsfreiheit
Kippa, Kreuz und Kopftuch markieren je eigene kulturelle und religiöse Werte. Weshalb sie in einer offenen Gesellschaft als anstössig empfunden werden, ist nicht zuletzt am Fehlen religiöser Toleranz festzumachen. Trotz Religionsfreiheit will es mit der Akzeptanz der Religionsvielfalt nicht mehr funktionieren.
Wenn etwa «Islam» schlagwortartig mit «Unterwerfung» gleichgesetzt wird, tendiert oberflächliches Reden über andere zu Verzerrungen. Gelebter Religionsfreiheit ist damit kein Dienst getan.
Denn die im Islam zentrale Ergebung in Gott ist per se kein Zwang. Wenn mir dann KI-Daten sagen, «Islam» bedeute im Arabischen «Hingabe», «Unterwerfung, «Ergebung in Gottes Willen», bewegt mich dies zu genauerem Hinhören. Grussformeln wie das arabische «Salam aleikum» oder das hebräische «Schalom» sind ebenso Ausdruck eines Umgangs in einem Lebensraum, der sich auf Frieden und Wohlergehen aller ausrichten soll. Ziel ist somit keine zwanghafte Unterwerfung, sondern die Stärkung menschlicher Beziehung untereinander und zur göttlichen Schöpferkraft.
Diese Hintergründe gehen vergessen, wenn in der Debatte um die Religionsfreiheit Angehörigen des «Islam» unterstellt wird, sie würden auf ihrem Weg in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt. Die Suche nach Ergebung in Gottes Willen ist per se keine aufgezwungene Verhaltensweise.
Abrahams Glaubenszeugnis
Mit derselben Bereitschaft zur Hingabe ist auch das jüdische, christliche und islamische Motiv gegeben, das mit der Glaubensbezeugung des biblischen Urvaters Abraham einhergeht. Es sollte nicht vergessen gehen, dass sich Juden, Christen und Muslime auf ihn berufen – Jesaja 51,2 Römer 4,1 und Sure 22,78 erinnern daran. Dauerhaft prägend wurde die Geschichte der Söhne Abrams, Isaak und Ismael, die lange Zeit getrennte Wege gingen. Erst bei der Bestattung ihres Vaters begegneten sie sich laut Genesis 25,9 in einer Höhle bei Mamre. Beiden galt der Segen Gottes. Wenig bekannt ist, dass Ismael als Erstgeborener Abrams gilt und Isaak als ihm und Sara im hohen Alter verheissener Sohn. Ihre getrennten Wege stehen sinnbildlich dafür, wie durch Volksgruppen tiefe Risse gehen können, da man sich auseinandergelebt oder von früher Kindheit an in familiären Konflikten miteinander war.
Einsatz für ein Leben vor dem Tod
Somit gerät das Nichtgewähren positiver Religionsfreiheit auf eine schiefe Ebene, wenn eine vermeintliche «Unterwerfung» unterstellt und der Selbstwert von Menschen abschätzig beurteilt werden. Wenn zudem absurde Vergleiche mit islamistischem Zwang gezogen werden, der an Personen jeden alters exerziert werde, wird wohl auch nicht verstanden, dass solche Ergebenheit in den göttlichen Willen ihren Wert hat.
Auch wenn dies wenige mehr interessiert, die Haltung etwa von Jesus als Jude ist klar, als er im Garten von Gethsemane um den Willen Gottes ringt «Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir weg! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!» (Markus 14,35.36).
Seit ihn ein politisches Machtwort das Schicksal der Kreuzigung erleiden liess, wurde sein aus Psalm 22 stammender und durch alle Zeiten hallender Ruf «… warum hast du mich verlassen?» zum Zeichen dafür, nicht nachzulassen im Einsatz für ein Leben vor dem Tod. Man mag solche theologische Rede abweisen. Doch kann sie ein Hinweis darauf sein, dass in den drei monotheistischen Religionen eine Gottheit erscheint, die nicht als allmächtige Projektionsfigur gelten kann, sondern sich in einer zerrissenen Welt von Elend und Ungerechtigkeit berühren lässt.
Was tun angesichts fehlender religiöser Toleranz?
Nicht weit zurück liegt die Zeit, als der unter dem Nazi-Regime gefangene und ermordete Dietrich Bonhoeffer aus gläubiger Haltung auf «Widerstand und Ergebung» setzte. So ist auch heute nicht auszuschliessen, dass Menschen bereit sind, selbstbestimmt und frei ihren religiösen Weg zu gehen.
Das Ziel der Wahrung des Religionsfriedens wird nicht über Verhaltens-Diktate erreicht.
Die verfassungsmässig geltende Religionsfreiheit in der Schweiz schliesst dennoch nicht aus, uns darüber zu verständigen, wie wir in einer diversen Gesellschaft gemeinsame Werte leben und was dazu die Religionsgemeinschaften beitragen können. Der postulierte Zwang eines Kopftuchverbots verschliesst sich leider dieser Frage. Damit sich das friedliche Potential religiöser Wege entfalten kann, sind alle gefragt, denen an einem vielfältigen Zusammenleben liegt. Statt irrationaler gegenseitiger Abwertung, welche Radikalisierung und Nihilismus befördern, ist eine religiös-kulturelle Bildung gefragt, welche gegenseitigen Respekt und die Würde jeder Person fördert. Dass für solche Bildung staatliche Institutionen weniger als auch schon tun, steht auf einem anderen Blatt.
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