Christliches Friedensprojekt in Palestina «Wir weigern uns, Feinde zu sein»
Am Dienstag, 27. Oktober, wurde in Israel ein neues Parlament, die Knesset, gewählt. Die Wahl fand in einer Zeit statt, in der die politischen und gesellschaftlichen Spannungen in Israel und Palästina weiterhin gross sind. Die ersten Prognosen lassen keine eindeutige Mehrheit für das Lager des aktuellen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu oder das seines Herausforderers Gadi Eisenkot erkennen. Die Regierungsbildung dürfte deshalb schwierig werden.
Die Wahl richtet den Blick erneut auf die Zukunft Israels und Palästinas, auf die Situation der Menschen in der Region und auf die Frage, wie ein gerechter und dauerhafter Frieden möglich werden kann. Dabei geraten auch die palästinensischen Christinnen und Christen in den Fokus, eine Gemeinschaft, die seit Generationen im Heiligen Land lebt und deren Zukunft eng mit der Entwicklung der Region verbunden ist.
Ein Weinberg als Ort der Hoffnung
Wie sich die politische Lage auf das Leben der Menschen vor Ort auswirkt, davon erzählen Daoud und Jihan Nassar. Die christlich-palästinensischen Brüder stammen aus der Nähe von Betlehem wo sie inmitten von Oliven-, Wein- und Obsthainen das Friedensprojekt «Zelt der Völker» betreiben.
Der Weinberg der Familie Nassar liegt südwestlich von Bethlehem im besetzten Westjordanland. Seit Jahrzehnten kämpft die Familie um die Anerkennung ihrer Landrechte. Das Grundstück ist von israelischen Siedlungen umgeben. Immer wieder sieht sich die Familie mit Einschränkungen, Eingriffen in ihr Land und der Bedrohung ihrer Existenzgrundlage konfrontiert.
Besonders deutlich wird diese Situation im Alltag: Während die Familie ihren Weinberg bewirtschaftet, werden ihr nach eigenen Angaben wichtige infrastrukturelle Möglichkeiten wie ein Wasseranschluss oder ein Bohrloch verweigert. Auch Abrissverfügungen und Strassenbauprojekte in unmittelbarer Nähe des Grundstücks belasten die Familie.
Trotz dieser Herausforderungen gibt sie ihren Hof nicht auf. Gemeinsam mit Freiwilligen aus aller Welt bewirtschaftet sie das Land und schafft einen Ort, an dem Menschen verschiedener Herkunft und Religion zusammenkommen. Landwirtschaft, Bildungsangebote und Begegnungen sollen Brücken zwischen Menschen bauen und eine Kultur der Gewaltfreiheit fördern.

Ein Ort des Friedens und der Gemeinschaft
Angesichts von Landkonflikten, Gewalt und dem Leid der Menschen in Gaza ist diese friedliche Haltung alles andere als selbstverständlich. Sie bedeutet nicht, Unrecht zu übersehen oder auf Gerechtigkeit zu verzichten. Vielmehr versucht die Familie Nassar, sich dem Hass nicht zu unterwerfen und trotz schwieriger Umstände handlungsfähig zu bleiben.
Das «Zelt der Völker» versteht sich als Ausdruck eines gewaltfreien Widerstands. Die Familie hält an ihrem Land fest, setzt sich für dessen Bewahrung ein und öffnet es gleichzeitig für Menschen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit engagieren. So wird der Weinberg zu einem Treffpunkt für Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen und zu einem Ort, an dem eine andere Zukunft zumindest im Kleinen erprobt wird.
Eine Botschaft, die auch hier wichtig ist
Am Montag, 9. November, sind die Brüder Daoud und Jihan Nassar erneut zu Gast in der Pfarrei St. Theresia, um von ihrer Arbeit und den Herausforderungen in ihrer Heimat zu berichten. Bereits in 2025 waren die beiden in der Pfarrei zu Besuch und zeigten, dass Frieden nicht allein von politischen Entscheidungen der Regierung abhängt, sondern auch davon, wie einzelne Menschen einander begegnen und wie sie mit Konflikten umgehen.
Gerade im Zusammenhang mit der israelischen Parlamentswahl erhält diese Botschaft besondere Aktualität. Politische Mehrheiten und neue Regierungen können wichtige Weichen für die Zukunft stellen. Doch für die Menschen in Israel und Palästina bleibt die Frage zentral, ob ein Leben in Sicherheit, Würde und Gerechtigkeit möglich ist.
Das «Zelt der Völker» liefert darauf keine einfache Antwort. Es zeigt aber, dass selbst unter schwierigen Bedingungen Räume für Begegnung entstehen können. Die Arbeit der Familie Nassar macht deutlich, dass Friedensarbeit Beharrlichkeit braucht: das Land weiter zu bewirtschaften, Menschen willkommen zu heissen und sich trotz aller Enttäuschungen nicht vom Hass bestimmen zu lassen.
In einer Region, in der politische Konflikte den Alltag vieler Menschen prägen, ist das ein wichtiges Zeichen. Der Satz am Eingang des Weinbergs bleibt dabei eine Einladung, die über Bethlehem hinausreicht: «Wir weigern uns, Feinde zu sein.»
Details Begegnung mit Dahoud und Jihan Nassar
Wann: 9. November, 19:00-20:30 Uhr
Wo: Pfarreizentrum St. Theresia
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