Demenz in Film und Buch Was bleibt, wenn die Erinnerung verblasst
Demenz gehört zu den Krankheiten, mit denen viele Menschen schwer umgehen können und die Angst machen. Die Vorstellung, Erinnerungen zu verlieren, vertraute Menschen nicht mehr zu erkennen oder zunehmend auf Unterstützung angewiesen zu sein, berührt grundlegende Fragen: Was macht einen Menschen aus? Wie viel Selbstbestimmung bleibt? Und wie verändert sich eine Beziehung, wenn der andere Mensch sich verändert?
Zwei Filme, die im Oktober in die Kinos kommen, nähern sich diesen Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven. Beide begleiten Menschen, die mit einer mittelschweren Demenz leben. Beide zeigen dabei nicht nur Verlust und Einschränkung, sondern auch etwas anderes: Menschen, die lachen, Beziehungen pflegen, Entscheidungen treffen, sich ausdrücken und im Moment leben.
Was bleibt, wenn Erinnerung verblasst?
Im Film «Wenn die Erinnerungen verblassen» von Marianne Pletscher und Martina Rieder steht Birgitta Martensson im Mittelpunkt. Sie war Direktorin von Alzheimer Schweiz, engagierte sich beruflich und politisch für Menschen mit Demenz und hat selbst vor mehr als zehn Jahren die Diagnose Alzheimer erhalten.
Fast drei Jahre haben die Filmemacherinnen sie begleitet. Dabei entsteht das Porträt einer Frau, die sich ihrer Krankheit bewusst ist und zugleich versucht, ihr Leben selbstbestimmt weiterzuführen. Martensson spricht offen über ihre Situation, darüber, was sich verändert und was sie weiterhin ausmacht. Sie möchte anderen Betroffenen Mut machen und zeigen, dass auch mit Alzheimer über lange Zeit ein erfülltes Leben möglich sein kann.
Der Film zeigt dabei auch die Widersprüche, die zum Leben mit einer fortschreitenden Erkrankung gehören: Die Krankheit wird akzeptiert – und manches gleichzeitig nicht wahrhaben gewollt. Fähigkeiten gehen verloren, während andere Seiten der Persönlichkeit stärker hervortreten. Freundschaften verändern sich, und doch bleibt die Verbundenheit. Und trotz aller Einschränkungen bleibt die Liebe zum Leben.
Kinostart: 15. Oktober

Das unendliche Jetzt
Einen anderen Zugang wählt der Film «Das unendliche Jetzt» von Kaspar Kasics. Er begleitet vier Menschen, die in einer Wohngruppe von Almacasa leben und bereits mit einer mittelschweren Demenz leben.
Der Film richtet den Blick stark auf das unmittelbare Erleben. Was geschieht, wenn das Erinnern und die kognitive Leistungsfähigkeit nicht mehr im Vordergrund stehen? Was tritt dann hervor?
Kasics zeigt Menschen, die ganz im Hier und Jetzt leben. Für die Betroffenen kann dieser Zustand auch eine Art «neue Freiheit» bedeuten. Der Film macht sichtbar, dass Demenz nicht allein aus dem besteht, was verloren geht. Andere Fähigkeiten und Formen des Ausdrucks können an Bedeutung gewinnen: eine Geste, ein Lachen, eine Stimmung, eine Begegnung.
Kinostart: 1. Oktober

«Ich bin doch da»
Auch das 2024 im TVZ in der Reihe Zürcher Zeitzeichen erschienene Buch «Ich bin doch da», herausgegeben von Veronika Bachmann, setzt bei solchen grundlegenden Fragen an. Im Zentrum steht nicht nur die Krankheit, sondern der Mensch, der mit ihr lebt sowie das Umfeld, das lernen muss, mit Veränderung, Unsicherheit und neuen Formen des Miteinanders umzugehen.
Damit ergänzen sich Buch und Filme auf besondere Weise. Sie lenken den Blick weg von der Diagnose allein und hin zu dem, was trotz der Krankheit – oder gerade durch die veränderte Situation – weiterhin möglich ist.

Den Menschen sehen, nicht nur die Krankheit
Demenz verändert einen Menschen. Aber die Person ist nach der Diagnose nicht plötzlich «weg». Die Filme zeigen auf eindrückliche Weise, wie Persönlichkeit, Humor, Beziehungen und Lebenswille auch dann präsent bleiben können, wenn Erinnerungen und Fähigkeiten nachlassen.
Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Botschaften dieser drei Werke: Ein Mensch mit Demenz ist nicht nur jemand, der etwas verliert. Er oder sie bleibt ein Mensch mit Bedürfnissen, Gefühlen, Beziehungen und einer eigenen Würde.
Die beiden Filme und das Buch laden deshalb dazu ein, die Perspektive zu verändern. Nicht nur zu fragen: Was kann dieser Mensch nicht mehr sondern auch: Was kann er noch? Was erlebt er jetzt? Was braucht er von uns? Und wie können wir ihm begegnen?
Gerade weil Demenz und Alzheimer mit so vielen Ängsten verbunden sind, lohnt sich dieser Blick. Denn wo Erinnerungen verblassen, muss nicht zwangsläufig die Beziehung enden. Und wo Fähigkeiten verloren gehen, kann anderes sichtbar werden wie Nähe, Gegenwart, Humor und Vertrauen. Formen des Daseins, die sich nicht allein an Leistung und Erinnerungsvermögen messen lassen.
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