Kirche aktuell

Fachtagung der Spital- und Klinikseelsorge Zwischen Lebensmut und Lebensmüdigkeit

Wie begegne ich in der Spital- und Klinikseelsorge Menschen, die sterben möchten? Am 4. Mai gibt eine Fachtagung zum Umgang mit Sterbewünschen und der Frage nach dem assistierten Suizid in der Paulus Akademie Antworten dazu. Einer der Referenten ist André Böhning, Leiter der katholischen Seelsorge im Kantonsspital Winterthur, der zu diesem Thema zusammen mit Silke Winkler eine Handreichung geschrieben hat.
14. April 2026 Katholische Kirche im Kanton Zürich

«Ich möchte endlich gehen.» Seelsorgende treffen bei ihrer Arbeit in der Spital- oder Altersseelsorge auch auf solche Anliegen. Sei es, weil die Menschen, mit denen sie zu tun haben, unerträgliche Schmerzen haben, weil sie sich hoffnungslos und leer fühlen oder weil sie das Gefühl für ihre eigene Würde verloren haben. Hinter einem Sterbewunsch kann so Vieles stehen. Es muss nicht der Wille zu sterben an sich sein, sondern kann auch einfach die Absicht ausdrücken, so nicht mehr weiterleben zu wollen.

Die eigentliche Aussage

Doch wie entschlüsselt man die eigentliche Botschaft hinter einem Sterbewunsch? Wie geht man mit dem Thema assistierter Suizid um? Ein wesentliches Merkmal von Sterbewünschen ist die Ambivalenz. Einerseits möchten Patientinnen und Patienten mit einer lebensbegrenzenden Krankheit nicht sterben, andererseits wollen sie so nicht leben. «Diese Ambivalenz lässt sich kaum auflösen. In der Praxis geht es oft darum, sie nicht auflösen zu wollen, sondern mit dem Patienten auszuhalten», so Böhning, einer der Referenten und Mitautor der Handreichung «So will ich nicht weiterleben».

«In der Spitalseelsorge ist es wichtig, sich auf das Wertesystem eines Menschen einzulassen.»

Man müsse mit Einfühlungsvermögen und innerer Haltung verstehen wollen, warum ein Mensch sterben will. Es gäbe beispielsweise durchaus alte Menschen, die aus einer Zufriedenheit eines gelebten Lebens gehen möchten. Böhning nennt das «lebenssatt». Bei schleichender Demenz kann ein präventiver assistierter Suizid Thema werden. «Juristisch kann man hier den Zeitpunkt verpassen.»

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André Böhning, Leiter der Spital- und Klinikseelsorge am Kantonsspital Winterthur und einer der Referenten an der Tagung. Foto: Manuela Moser

«Bei Krebskranken steht der Tod oft im Raum», sagt André Böhning. Schon bei der Diagnoseeröffnung wird immer wieder die Frage nach einer Prognose zur Lebenszeit gestellt. Eine Krankheit wie diese verändere Persönlichkeit, Zeitempfinden und Weltsicht. Die Endlichkeit würde realisiert. Gefühle und Einstellungen können schwanken:  «Morgens, wenn die Schmerzen unerträglich sind, will man vielleicht nicht mehr leben. Bis Mittag aber, wenn die Medikamente wirken, geht es wieder.» So wechselnd beschreibt der erfahrene Seelsorger die Einstellung von Patientinnen und Patienten.

Dazu käme die Begleitung von An- und Zugehörigen, die oft genauso belastet seien.

«In der Seelsorge versuchen wir einen Gesprächsraum zu eröffnen, um offen über die Gedanken an das Lebensende und die Sorgen zu sprechen.»

Bei Sterbewünschen gäbe es immer wieder viel Verständnis, wenn jemand bei schwerster Erkrankung nicht mehr leben möchte. «Dennoch möchte man die Person nicht verlieren», so Böhning.

Nicht so weiterleben

Hinter dem Sterbewunsch können laut Böhning mehrere Dinge stecken: «Es kann ein Hilferuf sein.» Manchmal sei es ein Aufruf zur Unterstützung angesichts der verständlichen Todesangst. Es könne auch ein Weg sein, um über das Sterben reden zu können. «Manchmal ist es sogar Manipulation, um Aufmerksamkeit zu bekommen.»

Immer seien Sterbewünsche ernstzunehmend, sagt der Experte. «Ein Fehler ist es, Sterbewünsche zu bagatellisieren, negativ zu bewerten oder eine Moralkeule darüber zu stülpen im Sinn von «Das kann doch nicht dein Ernst sein»». Das vielleicht wichtigste Merkmal eines guten Seelsorgenden sei deshalb die Empathie, so Böhning weiter. «Es ist bedeutsam,  gemäss dem Philosophen Emmanuel Levinas, vom Anderen her zu denken und ihm bestenfalls einen Resonanzboden zu bieten.»

Wahre Seelsorge bedeute schliesslich, den Menschen von negativen gesellschaftlichen Einflüssen zu befreien, wenn sich beispielsweise jemand nur noch als Last oder Kostenfaktor vorkommt, und ihn letztlich sein eigenes Selbst finden zu lassen. Mit dem Glauben gesprochen gehe es darum, den Weg mit dem jeweiligen Gegenüber zu gehen und ihn in seiner Sterblichkeit nicht allein zu lassen. 

Mehr Infos zur Fachtagung finden Sie hier. Sie findet am Montag, 4. Mai, von 9.00 bis 16.30 Uhr, in der Paulus Akademie in Zürich statt. Anmeldungen bis 20. April. Kosten: CHF 120/90 inkl. Mittagessen und Pausenverpflegung.