Appell des Bischofs für mehr Zusammenarbeit «Niemand ist nur für den eigenen Garten zuständig!»
Liebe Seelsorgende
Liebe Verantwortliche für die Pfarreien und Kirchgemeinden
Ich bin mir bewusst, dass Sie/ihr tagtäglich mit allen Kräften und über sie hinaus das kirchliche Leben in unserem Bistum stemmen und dafür bin ich äusserst dankbar. Wir alle merken gleichzeitig, dass es, um eine wirksame Seelsorge in den kommenden Jahren zu garantieren, eine mutige Entwicklung braucht. Das neue Leitbild der Diözese soll dabei inspirierend wirken. Die pastorale Transformation, die bereits angestossen wurde, wird nur durch dezidierte Zusammenarbeit und Vernetzung geschehen – davon bin ich überzeugt. Deshalb wage ich es heute, ein wachrüttelndes Schreiben zu veröffentlichen.
Die Zusicherung des Herrn ist eindeutig: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» (Mt 18,20) Geschwisterlichkeit und gemeinsames Handeln eröffnen Raum für die Gegenwart und den Segen Gottes. Wo wir in der Kirche hingegen im Alleingang unterwegs sind, bleibt dieser Segen allzu leicht unfruchtbar.
Deshalb ist es mir heute ein grosses Anliegen, einen dringenden Aufruf zu einem entschiedenen und verbindlichen Zusammenwirken aller im Bistum zu machen.
Eine kühne, affektive und effektive Vernetzung unserer Pfarreien, anderssprachigen Seelsorgegemeinschaften, Dienststellen, Gremien, Institutionen und staatskirchenrechtlichen Strukturen ist nicht mehr aufschiebbar.
Die klassische Einteilung und Organisation der Pastoral in weitgehend autonomen Pfarreien und voneinander isolierten Kreisen hat keine Zukunft. Wir müssen dieses Denken und Handeln dringend überwinden. Dazu ist nun der richtige und unaufschiebbare Zeitpunkt gekommen.
Niemand kann und darf sich mehr nur um den eigenen Garten kümmern.
Die Haltung «Wir können uns noch einen eigenen Pfarrer leisten», «Unsere eigene Infrastruktur ist gut genug», «Unsere Ressourcen reichen noch», «Wir brauchen uns mit anderen kirchlichen Realitäten nicht abzustimmen» – eine solche Mentalität gefährdet und vergiftet die Vitalität unserer Seelsorge. Wir dürfen uns eine solche nicht mehr leisten; sie verhindert, dass vorhandene Gaben und Möglichkeiten füreinander fruchtbar werden.
Wir müssen deshalb vom Nebeneinander zum Miteinander, vom Eigenen zum Gemeinsamen und von der Abgrenzung zur Vernetzung kommen.
Die Mitglieder des Pastoral- und Personalentwicklungsteams arbeiten gegenwärtig an den dafür notwendigen Prozessen. Sie sind bereit, die Transformation vor Ort zu begleiten und zu unterstützen. Eine solche Umgestaltung wird jedoch nur gelingen, wenn alle im Bistum davon überzeugt und dafür motiviert sind.
Es geht nicht darum, bestehende Pfarreien und Pastoralgebiete in Seelsorgeeinheiten einzupferchen. Es geht darum, sie so miteinander zu vernetzen und ineinander zu integrieren, dass die Stärken, Fähigkeiten, Erfahrungen, das Engagement und die Kreativität der einen auch den anderen zugutekommen.
Synergien schaffen, einander ergänzen, Verantwortung teilen, gemeinsame pastorale Mittelpunkte entwickeln und sich gegenseitig inspirieren und stärken – darum geht es.
Wie diese Vernetzung konkret gestaltet wird, kann und darf nicht von der Bistumsleitung verordnet werden. Sie muss aus der Initiative, der Bereitschaft und der Freude der Beteiligten wachsen. Sie braucht Menschen, die den Mut haben, über die Grenzen des Eigenen hinauszudenken und neue Wege miteinander zu gehen.
Damit dieses Anliegen klar und unmissverständlich bleibt, möchte ich es dabei bewenden lassen: Es ist höchste Zeit, das auf die eigene Pfarrei bzw. Kirchgemeinde beschränkte Denken zu überwinden.
Nur durch ein entschlossenes, intensives und freudiges Zusammenwirken werden wir die Kräfte unserer Kirche bündeln und ein reich gesegnetes Aufblühen des kirchlichen Lebens in unserem Bistum ermöglichen.
Allen schon heute einen grossen Dank für die Bereitschaft, sich auf diesen spannenden und notwendigen ekklesiologischen Wandel einzulassen.
Gottes Segen und herzliche Grüsse
Joseph Maria, Bischof von Chur
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