Kirche aktuell

Nachlese zum Bettag «Menschen zusammen und zu Gott führen»

Pfarrer in Richterswil
Mario Pinggera
Mario Pinggera
Mario Pinggera, Pfarrer in Richterswil und Samstagern, hielt am Bettag in der reformierten Kirche Richterswil eine ebenso klare wie nachdenkliche Bettagspredigt, die wir hier etwas gekürzt dokumentieren. Kernaufgabe von Kirche in unserer verworrenen und disparaten Welt ist für ihn die Sorge um Einheit: in Beziehungen, in der Kirche, im Dorf und im Land.
29. September 2026

«Dass alle eins seien!» Dieser Wunsch ist gleichzeitig auch das Vermächtnis Jesu. Damals und heute. Die Sehnsucht nach Einmütigkeit, nach Einigkeit ist tief im Menschen verwurzelt. Nur allzu oft wird diese Sehnsucht auch in Nationalhymnen besungen, wie zum Beispiel in der Hymne unseres Nachbarlandes Deutschland, beginnend mit ‘Einigkeit und Recht und Freiheit«. «Dass alle eins seien» besagt aber auch, dass momentan eben nicht alle eins sind. Damals und heute nicht. Jesus hat sein Vermächtnis – und damit den Wunsch nach Einigkeit – den Aposteln hinterlassen, wohl wissend, dass seine engsten Vertrauten das Heu bei weitem nicht auf der gleichen Bühne hatten.

Unterschiedliche Auffassungen betreffend Glaubensfragen begleiten das Christentum von Anfang an. Oft und viel zu oft kam es in der Geschichte zu Spaltungen und Trennungen, weil menschliche Interessen betont wurden und der Wunsch Jesu nach Einheit ignoriert wurde und wird. Eins sein oder Einigkeit ist nur möglich, wenn die Beziehungen in Ordnung sind. Wenn Menschen ehrlich miteinander umgehen und konstruktiv streiten können. Das gilt nicht nur in Glaubensfragen, das gilt für jedwede Art von Beziehungen und menschlichen Verbindungen. Letzten Sonntag hatte eine Schweizer Sonntagszeitung eine ungemein schöne Überschrift zum Leitartikel, der da lautete: «Bleibt lieber zusammen – es lohnt sich». Weiter heisst es: «Wir trennen uns zu schnell und verschenken das Glück eines geteilten Lebens.»

Briefmarke-5e8f30ff7205.jpeg
Kirche Heilige Familie in Richterswil. Foto: Forum Magazin

Bei all den negativen Schlagzeilen ist diese Überschrift einmal erfrischend anders, weil motivierend, konstruktiv und wertvoll. Es lohnt sich, zusammen zu bleiben! Eins sein oder Einigkeit ist ein Wert, der glücklich macht. Der das Glück bringt, nach welchem sich der Mensch zutiefst sehnt. An einem Buss-, Dank- und Bettag lohnt es durchaus einen Blick darauf zu werfen, wie es um unsere Einheit bestellt ist. Im Land, im Kanton, im Dorf, im Verein, in der Kirche oder in unseren Beziehungen. Und das immer unter dem Vorzeichen, dass es sich lohnt, zusammen zu bleiben. (...)

Kirche und überholte Strukturen

Der Pfarreirat Richterswil-Samstagern befand sich bis gestern auf Klausur in St. Peter im Schwarzwald und in Ettenheimmünster. (...) Was die Organisation von Kirche und Seelsorge angeht, bekamen wir Erstaunliches zu hören. Zum 1. Januar 2026 wurden die gut 1.000 Pfarreien des Erzbistums Freiburg zu 36 Grosspfarreien umgewandelt. Die Kleinste hat 21.000 die grösste 114.000 Mitglieder. Ettenheim gehört neu zu einer Grosspfarrei mit 30 weiteren Pfarreien. Das klingt sehr dramatisch und das ist es stellenweise auch. In unseren Breiten gibt es ähnliche Bestrebungen, was an den Fusionen diverser Kirchgemeinden sichtbar wird. Das ändert aber nichts an der Kernaufgabe der Kirche, die Menschen zusammen und zu Gott zu führen. Die Chance im Erzbistum Freiburg ist gross: Auf diese Weise kann kompetentes Personal zielführend eingesetzt werden. Es können Schwerpunkte gesetzt werden in Kirchen mit Zentrumsfunktion. Und es macht rein gar keinen Sinn, Gottesdienststrukturen aufrecht zu erhalten, wo am Sonntag vielleicht noch 20 oder 30 Leute anwesend sind. Nicht dass diese es nicht verdient hätten, aber es wird deutlich feierlicher, in einer gut gefüllten Kirche «Grosser Gott» zu singen. In der Stadt Zürich gibt es katholische Pfarreien, wo das so ist, wo man die Anwesenden am Sonntag an drei oder vier Händen abzählen kann. Trotzdem wird mit einem grossen Personalaufwand gefahren. Der Grund ist einzig, dass Geld genug da ist.

Kirche und Bürokratie

Aber rechtfertigt das Monetäre die Aufrechterhaltung von Strukturen, die tatsächlich nicht mehr lebensfähig sind? Die andere Seite ist die überbordende Bürokratie: Hunderte Seiten für die Anstellungsordnung, die Fortbildungsordnung, zig Formulare für alles und jeden, Zeiterfassung und vieles mehr. Vor kurzem meinte ein leitender Mitarbeiter, dass für die Zeiterfassung 4-5 Stunden im Monat schon in Ordnung seien. Ich weiss nicht, ob der Mann auch so grosszügig wäre, wenn es sich um sein Geld handelte, welches für derartigen Unsinn ausgegeben wird. Wäre diese Zeit in der Seelsorge nicht besser investiert? Dann sogenannte Visitationen der kantonalen Körperschaft, wo sich der Eindruck aufdrängt, dass Schikane die Effizienz verdrängt und besiegt.  Hannah Arendt definiert in einem anderem Zusammenhang das Wort Bürokratie mit «Herrschaft des Niemand».

Tatsächlich sind wir gut beraten, den kirchlichen Kompass immer wieder auf Jesu Worte «Dass alle eins seien» zu justieren. Bürokratischer Unsinn geht in die Gegenrichtung. Niemand weiss genau, was in nächster Zeit auf unsere Gesellschaften zukommen wird. Aktuelle Kriege, Fundamentalismus, Gleichgültigkeit, Egoismus, sowie diktatorisches Gehabe selbst in erprobten Demokratien zeichnen ein düsteres Szenario von möglichen weit schlimmeren Entgleisungen. Auch die in vielen Bereichen vorteilhafte Künstliche Intelligenz ist längst nicht zu Ende gedacht: Der Mensch wird weitgehend überflüssig und ersetzt werden, vom gefährlich kriminellen Potenzial dieser Technologie ganz zu schweigen. Umso wichtiger wird eine Kirche sein, die gerade in chaotischen Zeiten in der Lage sein wird, Halt und Orientierung zu geben.

Die genau dann, wenn alles scheinbar gottverlassen daherkommt, sagt «Bleibt beisammen – es lohnt sich». Ich wünsche mir deshalb sehr, dass wir dann vorbereitet sind, personell, logistisch und vor allem mit einer starken Botschaft, dass wir uns bewusst sind, dass wir, um mit Paulus zu sprechen, uns einzig die Liebe schuldig sind. Momentan dominiert bisweilen das Lamento über Kirchenaustritte und dass alles vermeintlich immer schlechter wird. Gleichzeitig werden unterdessen überflüssige Strukturen aufrechterhalten und bürokratische Hürden auf- und ausgebaut. Dieser Unsinn hat aufzuhören und ist zu eliminieren! Natürlich sind die Zahlen ernüchternd: Über 50% im Kanton Zürich sind nicht mehr katholisch oder reformiert. Aber es sind Menschen, die die Gesellschaft ausmachen und gestalten wie wir als Christinnen und Christen. Umso wichtiger ist deshalb, die Fühler des Eins Seins nach allen Richtungen auszurichten. Einigkeit und Liebe sind zutiefst christliche Anliegen, aber nicht nur: Es sind Sehnsüchte, die alle Menschen betreffen.

Kirche ist weiter als jeder Gartenhag

Auch dieses Jahr dürfen wir wieder den Bettag begehen. Zuletzt wurde dieser im Jahre 1848 als gesamtschweizerischer ökumenischer Tag initiiert. Und damit wurde ein wichtiger Schritt in Richtung «dass alle eins seien» gesetzt. Aber so einen Tag einfach auf dem Papier einzurichten, reicht nicht aus. Bei weitem nicht. Einigkeit und Ökumene sind kein Zustand, sondern ein Prozess. Jede Beziehung zwischen Menschen ist per se ein Prozess, ansonsten verlottert sie zum Zustand. Und zwar zum Unhaltbaren. Noch vor nicht allzu langer Zeit haben in unseren Städten und Dörfern die Konfessionen ihr je eigenes Gärtchen eingerichtet und betreut. Auch in Richterswil und Samstagern.

Nun haben Gärtchen aber zumeist einen Zaun und durch das Törchen wird nur eingelassen, was und wer genehm ist. Glücklicherweise ist ein solch exklusives im Sinne von ausschliessendem Gehabe weitgehend auf dem Komposthaufen der Vergangenheit gelandet, aus welchem nun – auch wenn sie noch so zart sind – ganz dezent Pflänzchen der Einheit wachsen können. Beziehungen des eins Seins sind nie abstrakt, sondern immer konkret. So ist es nicht selbstverständlich, dass zwei Kirchgemeinden die Musik in den Kirchen und damit einen tragenden kulturellen Bestandteil eines Dorfes gemeinsam organisieren. Das haben wir in Richterswil und Samstagern genauso vor wenigen Jahren entschieden. Es ist nicht nur ein neuer Weg, der seinesgleichen in der ganzen Umgebung sucht, sondern auch ein besserer. So etwas funktioniert aber nur, wenn Mann und Frau sich eins sind und eine Idee haben, wie eine tragfähige Zukunft aussehen kann und soll. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, davon sprechen die vielen Anlässe, wo mit Musik auch Menschen begeistert werden können, die zur Kirche schon längst auf Distanz gegangen sind. Der eingeschlagene Weg bei uns ist ein Anfang, ein guter Anfang. Eine Steigerung auf dem Weg des Eins Seins ist denkbar und vorgezeichnet.

Ich schliesse mit einem Wort von George Bernard Shaw:

«Es gibt Menschen, die sehen die Dinge, wie sie sind und fragen sich, warum sie so sind; und es gibt Menschen, die erträumen sich die Dinge, wie sie nie vorher waren und die sich fragen, warum sollten sie nicht so sein?»

Sind wir in Richterswil und Samstagern auch weiter darum besorgt, zur zweiteren Gattung zu gehören. Amen