Kirche aktuell

Kristina Crvenkovic wird jüngste Pfarreibeauftragte «Ich übernehme gerne Verantwortung»

Kristina Crvenkovic (33) feiert Ende Monat ihre Einsetzung als Pfarreibeauftragte in St. Martin Seuzach. Damit ist sie die Jüngste, die im Generalvikariatsgebiet eine katholische Pfarrei selbstständig leitet. Ein weiterer Schritt Richtung Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche? Bestimmt. Und mehr: Crvenkovic hat dazu ihre ganz eigene Sicht auf die Dinge.
24. August 2026 Katholische Kirche im Kanton Zürich

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Kristina Crvenkovic hat eine gewinnende Art und ist in St. Martin schon lange dabei. Foto: Manuela Moser

Frauenförderung? Kristina Crvenkovic schüttelt den Kopf, die brauche sie nicht. «Ich bin auf Augenhöhe mit meinen männlichen Kollegen», erklärt sie und zückt ein Bild von Pfarrer Beat Auer, ihrem Vorgänger im Amt und neu gewählten Synodalrat. Wegen seiner Wahl wurde die Stelle in der Pfarrei St. Martin in Seuzach frei. Das Bild zeigt beide bei einer Dialogpredigt, beide tragen eine Kochschürze. Bei ihm steht: «I am the boss.» Und bei ihr: «I am the real boss.» Kristina Crvenkovic lacht über der Erinnerung.

Die 33-jährige Seelsorgerin ist locker, unverkrämpft und offen. Offen gibt sie ebenso zu, dass sie gerne Frau sei. Dies entspreche häufig nicht dem Bild, das man sich von einer Kirchenfrau mache, sagt sie. «Viele fragen mich sogar, ob das denn überhaupt gehe in der Kirche.» Auch hierfür hat Crvenkovic nur ein Lachen übrig.

Kam wegen ihrem Mann in die Schweiz

Alles begann in Deutschland. Dort wurde Kristina Crvenkovic als Tochter zweier Kroaten geboren, die dem Balkankrieg entflohen waren. Mit viereinhalb Jahren zog die kleine Kristina allerdings zurück in ihre Ursprungsland – der Krieg war vorbei, die Eltern bekamen noch zwei Töchter. Kristina studierte Philosophie und Religionswissenschaften in der Heimat. «Religion hat mich schon immer fasziniert», sagt sie. Und natürlich sei sie «gut katholisch» aufgewachsen. Die Kirche in Kroatien sei ein Ort, «wo man sich trifft, zusammenkommt und für die Messe die schönen Sonntagskleider anzieht.» Das alles hat ihr Kirchenverständnis geprägt.

«Ich bin dankbar dafür, dass meine Eltern mir das mit auf den Weg gegeben haben», sagt sie. Als ihr künftiger Mann – auch ursprünglich aus Kroatien – für eine Hochzeit in die Heimat zurückkam, verliebten sich die beiden und führten zwei Jahre lang eine Fernbeziehung. Bis Kristina Crvenkovic auch ihren Lebensmittelpunkt in die Schweiz verlegte, wo ihr künftiger Mann schon immer gelebt hatte.

Die Heirat fand am 24. März 2017 statt. Crvenkovic bewarb sich als Jugendarbeiterin in der Pfarrei St. Martin in Seuzach – und bekam die Stelle. Genau da ist sie seither geblieben und hat Anfang August die Pfarrei als neue Pfarreibeauftragte übernommen. Sie ist damit nicht nur eine der wenigen Frauen, sondern sogar die jüngste im ganzen Generalvikariatsgebiet.

«Die Stelle war ausgeschrieben, ich habe sie ganz einfach bekommen», sagt sie zu ihrem – rückblickend betrachtet – Glücksgriff. Ihr Mann hat beruflich mit der Kirche nichts zu tun, er ist Projektleiter bei einer Elektrofirma.

In der Pfarrei traf sie jedoch auf einen anderen wichtigen Menschen, der sie seither in entscheidenden Wegabschnitten begleitet hat und ebenso konstant wie sie selbst zu Seuzach gehört: Pfarrer Beat Auer. Es war eine Bemerkung von ihm, die sie schliesslich motivierte, überhaupt Theologie zu studieren.

Glauben vertiefen, neugierig sein

«Ich vergesse diesen Satz nie mehr, es war an einem Freitag. Ich hatte Beat eröffnet, dass ich meinen Glauben vertiefen wolle und neugierig sei.» Eigentlich meinte Kristina Crvenkovic, dass sie sich am RPI für die Ausbildung zur Religionspädagogin anmelden wolle. Beat Auer bemerkte: «Warum studierst du nicht gleich Theologie?»

Und obwohl sie jemand sei, der gewöhnlich lange und reiflich überlege, war ihr in dem Moment klar, dass sie das wollte. Es folgte das Studium in Luzern: «Eine der besten fünf Jahre meines Lebens, auch wenn es streng war, da ich ja 100 Prozent weiterarbeitete». Dank Corona fanden zum Glück viele Vorlesungen online statt. «Ich bekam jedenfalls die Herausforderung, die ich gesucht hatte.»

Das Studium habe sie wesentlich geprägt. «Es hat mich als Mensch verändert.» Sie lernte nicht nur die Kirche in der Schweiz besser kennen, sondern der Austausch mit den Mitstudentinnen und -studenten bewegte etwas in ihr. «Ich habe mich in dieser Zeit auch viel mit Beat ausgetauscht.»

Einsetzungsfeier mit Gummiboot

Umso freudiger ist der Anlass nun für beide am kommenden Sonntag, 30. August: Die Einsetzungsfeier in Seuzach. Kristina Crvenkovic und Beat Auer werden wieder zusamen eine Dialogpredigt halten, und weil beide sehr affin für Social Media sind gibt es im Netz bereits die entsprechende Einladung. So viel sei verraten: Es geht um ein Gummiboot, das mitten in der Kirche vor dem Altar liegen wird.

Kristina Crvenkovic hat ein unkonventionelles Verständnis von Kirche. Sie nennt es Authentizität. «Ich bin einfach gerne mich selbst», sagt sie, «ich verstelle mich nicht, ich bin gerne fröhlich.» Gerade das schätzten die Menschen an ihr. Und für sie fühlt sich der eigene Weg stimmig an. So hat sie an ihrem Geburstag, dem 4.Oktober 2025, ihre Missio erhalten. Als Beat Auer im März 2026 in den Synodalrat gewählt wurde, war sie innerlich bereits auf den Jobwechsel vorbereitet. 

Als Frau in der Kirche unterwegs

«Ich will als Frau Verantwortung in der Kirche übernehmen», sagt die junge Frau. Aber ohne Unterstützung, und ohne das Mentorinprogramm, das im Bistum Chur derzeit aufgebaut wird (siehe Box unten). «Ich brauche keine zusätzliche Hilfe, ich will mit meiner eigenen Autorität und durch meine Kompetenz bestechen.»

Dennoch soll es in ihren Augen das Angebot geben. «Mich aber hat immer die Pfarrei getragen«, sagt sie. In «Seuzi», wie sie ihre Gemeinde liebvoll nennt, gebe es tolle Leute, eine gute Mischung aus Alt und Jung, und diverse Angebote, die in Anspruch genommen würden.

«Kirche ist an keinen Ort gebunden», findet Kristina Crvenkovic. Und sie will auch, dass Kinder im Gottesdienst gehört werden dürfen, und sich alle wohlfühlen - ob sie nun regelmässig kommen oder nur einmal zu Gast sind. 

Kristina Crvenkovic freut sich auf ihre neue Aufgabe. «Es braucht auch etwas Mut.» Doch Ideen habe sie schon viele. So will sie unbedingt für Familien mehr machen. Und weil sie gerne frühzeitig plant, denkt sie da auch schon voraus. «Der Samichlaustag fällt dieses Jahr auf einen Sonntag», weiss sie. Da wolle sie etwas Tolles machen. Sagt's – und zwinkert mit einem Auge, so wie sie es mehrmals im Gespräch tut.

Für sie – das wird im Gespräch nachvollziehbar – hat der Tag viel zu wenige Stunden. Von jetzt an wird die junge Frau mehr oder weniger jeden Sonntag eine Predigt halten, ihr erster Arbeitstag hatte bereits elf Stunden. Sie wischt all das mit einer Handbewegung weg. «Für mich ist das kein Problem, ich arbeite gern, die Arbeit erfüllt mein Herz.»

Zum Schluss erzählt sie dann doch noch eine Geschichte, die mit Frauenförderung zu tun hat. Eine berührende Glückwunsch-Message einer jungen Frau, die schrieb:  «Du machst Pionierarbeit für die Frauen».

Eben doch. Ganz selbstverständlich. 

Einsetzungsfeier von Kristina Crvenkovic am Sonntag, 30. August, 10 Uhr, Kirche St. Martin.

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Wer ist hier der Boss? Beat Auer und Kristina Crvenkovic bei ihrer Dialogpredigt. Foto: zvg

Im Kanton Zürich arbeiten zur Zeit drei Frauen als Pfarreibeauftragte. Eine Frau nimmt diese Fuktion ad Interim wahr; drei weitere arbeiten in der Co-Leitung einer Pfarrei. Mit Kristina Crvenkovic tritt eine achte Frau in dieses Amt; sie ist mit 33 Jahren sogar die Jüngste Pfarreibeauftragte überhaupt im Generalvikariatsgebiet Zürich-Glarus. In den Bistümern Basel, St. Gallen und bald auch Chur sollen mittels eines Mentoring-Programms Frauen im kirchlichen Kontext noch gezielter gefördert werden. Das Programm wird in Zusammenarbeit mit dem Hildegardis-Verein und seinem etablierten Format «Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf» aufgebaut. (moa.)