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Aktuelle Ausgabe forum Pfarrblatt Traumjob im Pfarreisekretariat

Sie waren früher Polizistin, Banker oder Religionspädagogin. Heute halten sie im Pfarreisekretariat nicht nur die Pfarrei am Laufen, sondern helfen auch, sie in die Zukunft zu führen.
11. April 2024 Katholische Kirche im Kanton Zürich

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«Ich entscheide gerne. Es gefällt mir, Verantwortung zu übernehmen. Und: ich bin gerne nahe bei den Menschen», sagt Marianne Niggli im Büro von St. Franziskus Wollishofen. 

«Schon früher auf der Bank und später in der Industrie kannte ich alle Mitarbeitenden. Sie kamen immer mit Sorgen und Problemen zu mir. Ich kann offenbar gut zuhören», sagt sie ruhig. «Manchmal kommen Trauernde als erstes zu uns und erzählen mir ihren Kummer. Dann wieder melden Eltern ihr Kleinkind für die Taufe an, oder Brautpaare erkundigen sich nach Möglichkeiten für ihre Hochzeit.» Für diese Erstgespräche würde sie sich mehr Ausbildung wünschen. «Manche Leute reden gerne nur mit uns.» Während sie in der Industrie trotz ihrer Leadership-Ausbildung nicht wie gewünscht weiterkam, sei sie hier in der Pfarrei von ihrem Vorgesetzten von Anfang an gefördert worden. 

Sie war eine der ersten Leitungsassistentinnen, und ihr Chef habe sich sehr dafür eingesetzt, dass dieses Mehr an Verantwortung auch mit der entsprechenden Lohneinstufung einherging. «Ich habe die Verantwortung für alle administrativen Prozesse und organisatorischen Abläufe in der Pfarrei», erklärt sie. Sie unterstützt die Pfarreileitung in der internen und externen Kommunikation wie auch in der Personalführung und koordiniert die Vermietung der Räumlichkeiten.

«Grüezi», tönt es vom Schalter her. Eine ältere Dame holt sich Kaffee-Jetons. «Sie bekommen gerade ganz neue», sagt Marianne Niggli freundlich. Die Pfarrei ist auch ein Quartiertreffpunkt, wo die Menschen jederzeit eingeladen sind, zusammenzusitzen und zu plaudern oder einfach einen günstigen Kaffee zu trinken. «Wir schicken niemanden fort. Auch wenn Leute, die ausgetreten sind, mit ihren Sorgen kommen, hören wir ihnen zu und helfen wo möglich. Die Kirche ist für alle da!», sagt sie bestimmt und wendet sich den grossen Kirchenbüchern zu, die noch von Hand nachgeführt werden.

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«Bevor ich hier war, hatte ich das Gefühl, es sei eine einfache Arbeit. Man sieht die Kirche, vielleicht den Gottesdienst, aber wie viele komplexe Abläufe dahinterstecken, hätte ich nie gedacht.»

Romy Bill hat auf dem Pfarreisekretariat in Affoltern am Albis bald festgestellt: «Die Arbeit ist ähnlich wie auf der politischen Gemeinde, zusätzlich noch vernetzt mit den vielen Gruppierungen und Freiwilligen, den Abläufen im Kirchenjahr, den kirchenrechtlichen Vorgaben zum Beispiel bei Eheschliessungen.» Dann zählt sie auf, was auch noch dazu gehört:  Räume vermieten, Verträge mit Musikerinnen und Musikern abschliessen, die forum-Pfarreiseite befüllen.

Obwohl das Pfarreisekretariat in Affoltern am Albis etwas versteckt und nur über eine Treppe erreichbar ist, kommen hier öfters Menschen mit ihren Sorgen und Fragen vorbei. «Das macht unseren Alltag abwechslungsreich», findet Romy Bill. «Mal haben wir mit Familien zu tun, mal mit älteren Leuten. Ich versuche, mich gut ins Gegenüber einzufühlen und einfach zuzuhören. Die Leute sind dankbar und sehr wohlwollend.» Es kommen auch Passantinnen und Passanten in Notlagen, selten gäbe es Betteltourismus. Da hilft der ehemaligen Polizistin ihr wertschätzendes, aber klares Auftreten.

Als sie mit ihrer Familie nach Affoltern zog, hatte sie zuerst Kontakt zur reformierten Kirche, zu der ihr Mann gehört. Als sie das Stelleninserat der katholischen Kirche sah, hat sie sich sofort beworben. «Es war toll, wie viel Offenheit ich hier gefunden habe für meinen Weg und unsere ökumenische Familie», sagt sie. Die gelernte SBB-Betriebssekretärin hat auch schon auf dem Betreibungsamt als Weibel gearbeitet und bei der Bahn- und Kantonspolizei. Damals habe man dort nur 100 Prozent arbeiten können, weshalb sie während der Familienphase als Schulassistentin im Einsatz war. Nun hat sie in der Pfarrei die Herausforderung gefunden, die sie ausfüllt und die auch von den Stellenprozenten her perfekt passt.

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Im hellen Pfarreizentrum von St. Mauritius Oberengstringen öffnet Carlo D’Antonio die Tür und führt uns in den Gesprächsraum.

Zwanzig Jahre lang hat er im Finanzsektor als Vermögensverwalter und Finanzanalyst gearbeitet. Die Arbeit sei für ihn je länger je schwieriger geworden: «Mein moralischer Kompass stand immer wieder im Widerspruch zu dem, was ich tun musste.» Immer mehr habe er sich wieder mit Religion beschäftigt, unterstützt von seiner Frau, die ebenfalls religiös interessiert sei. Er absolvierte den vierjährigen nebenberuflichen Studiengang Theologie und liess dann kurzerhand die Bank hinter sich. «Ich hatte zum Glück keine Verpflichtungen. Ich konnte mich befreien und das tun, was mir Freude macht.»  

Es folgte eine befristete Anstellung bei der Kantonalkirche zur Begleitung der Pfarreien während der Widmer-Studie. Diese untersuchte 2017 im Auftrag des Kantons, der reformierten und der katholischen Kirche die «kirchlichen Leistungen mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung». Nach Abschluss der Studie folgte ein Einsatz als Sakristan. «Dann habe ich die Ausbildung zum Pfarrei-Leitungsassistent gemacht und hier meine Berufung gefunden», sagt er strahlend. Die Lohneinbusse gegenüber dem Banker-Gehalt nimmt er gerne in Kauf: «Was nützt mir ein zweiwöchiger Urlaub in einem 5-Sterne-Hotel auf einer karibischen Insel, wenn ich hier zuhause einen Sonnenuntergang geniessen und mich über eine erfüllende Arbeit und viel Lebensqualität freuen kann!»

Nun unterstützt er die Pfarreileitung in administrativen Belangen, organisiert alle ökumenischen Anlässe und engagiert sich mit Leidenschaft für die Öffentlichkeitsarbeit der vielfältigen Pfarreianlässe. Er gestaltet die forums-Pfarreiseite mit eigenen Inhalten, schreibt Artikel für lokale Zeitungen und arbeitet am Webauftritt der Pfarrei. Mit seiner theologischen Ausbildung und zusätzlich jener am Liturgischen Institut, welche zum Halten von Wortgottesdiensten befähigt, nimmt er auch wenige pastorale Aufgaben wahr. Er begleitet eine Gebetsgruppe oder leitet selten – «wenn alle anderen ausfallen und die Liturgie bereits geplant ist» – auch einen Wortgottesdienst. «Das gehört aber eigentlich nicht zu den Tätigkeiten eines Leitungsassistenten», betont er.

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«Früher waren wir die Sekretärinnen des Pfarrers. Jetzt sind wir die Sekretärinnen der Pfarrei.  Ich sehe es als meine Aufgabe an, Menschen zu unterstützen, die Initiative zeigen und etwas auf die Beine stellen möchten.» Roswitha Zangl sitzt in ihrem Büro mit Blick auf die kleine, weisse Kirche in Gossau ZH.

Sie teilt sich den Schreibtisch mit ihrer Kollegin, sie arbeiten abwechselnd. Ein eigener Tisch für beide hätte auch gar keinen Platz in dem engen Raum. Dank durchorganisierter Checklisten für jeden Anlass, die das Team im Laufe der Zeit erstellt hat, wissen nicht nur die beiden Sekretärinnen, sondern auch die Seelsorgenden und die anderen Mitarbeitenden genau, wer wann was erledigen muss. Die ehemalige Religionspädagogin hat hier ihren «Traumjob» gefunden, wie sie sagt. Sie hat geholfen, die Einführungskurse für Pfarreisekretärinnen aufzubauen und diese zwanzig Jahre lang mitgeleitet. Dabei hat sie ihre Kolleginnen und vereinzelt Kollegen nicht nur in der Branchenkenntnis unterstützt, sondern auch die Lohneinstufungen und Mitarbeiterinnenbeurteilungen erklärt. «Es ist wichtig, die eigene Funktion gut zu kennen, um sich für das Team, aber auch die eigenen Aufgaben mit Selbstbewusstsein  einzusetzen.»

Auf ihrem Pult liegt der von Roswitha Zangl gestaltete Flyer für die Lebensmittelsammlung «Incontro». Zwei Freiwillige aus der Pfarrei bringen einmal im Monat die gesammelten Taschen zu Sr. Ariane nach Zürich, die Werbung für die Sammlung läuft über das Pfarreisekretariat. «Die Pfarrei lebt vom Engagement dieser Menschen», ist Roswitha Zangl überzeugt. «In Zukunft immer mehr.» Allerdings: Manchmal fragt sie sich, ob die Lösung des personellen Engpasses bei den Seelsorgenden in neuen, administrativen Berufsbildern liegt. Wie sieht dann die Abgrenzung zwischen der theologischen und der administrativen Leitung aus? «Müssten wir nicht unseren ganzen Aufwand überdenken? Zum Beispiel bringt die Durchführung des ganzen Religionsunterrichts in der heutigen Form sehr viel Arbeit mit sich. Ginge es nicht auch mit weniger Bürokratie?»

Lebendig und unbürokratisch ist jedenfalls bereits die Gemeinschaft in dieser Landpfarrei, wo man sich kennt und nicht nur in der Kirche, sondern auch im Dorf und in anderen Vereinen trifft. Vom unteren Stock tönt fröhliches Kindergeschrei herauf, die Untistunde ist zu Ende.

Text: Beatrix Ledergerber