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Zeichen setzen, auf nach Bern!

Zeichen setzen, auf nach Bern!
Tonja Jünger

Tonja Jünger ist Seelsorgerin in der Pfarrei Bruder Klaus und im Pflegezentrum Riesbach, Zürich.

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Ein Bündnis von Theologinnen und Theologen aus Zürich ruft auf, am 29. Juni in Bern ein Zeichen gegen Missbrauch zu setzen. Tonja Jünger ist eine der Initianten. Hier erklärt die Seelsorgerin am Pflegezentrum Riesbach und der Pfarrei Bruder Klaus, was sie dazu bewegte.
28. Mai 2019

Vielleicht haben Sie das auch schon einmal erlebt: dass Sie sich erstaunt die Augen rieben und dachten: „Das darf nicht wahr sein! Was ich da vernommen oder erlebt habe, das stellt alles in Frage. Da steh ich nun am Punkt Null und muss ganz von vorn anfangen zu überlegen, was ich tun soll.“

So erging es mir vor einigen Wochen, nachdem ich den Film „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ angeschaut hatte. Unterbrochen von einer kurzen Pause schaute ich die ganze mehr als 90 minütige Reportage über sexuelle Missbräuche, welche Priester in verschiedenen Ländern über die ganze Welt verteilt an Klosterfrauen begangen hatten.

Ich war sprachlos. Erschüttert. Entsetzt.

Und unglaublich enttäuscht. Denn „meine“ Kirche, der ich mein Leben lang schon angehöre und durch unzählige Stunden von Liturgie und Gebet, von freiwilliger Tätigkeit, von geselligen Anlässen, und unterdessen als Theologin und Seelsorgerin verbunden bin, diese geliebte Kirche zeigte sich mir in einer Abscheulichkeit, die ich so nicht erwartet hatte.

Darum formulieren wir deutliche Forderungen an den Vatikan. Wir setzen ein „Zeichen gegen Missbrauch“ – am 29. Juni in Bern.

War ich die ganze Zeit über naiv gewesen? – Offenbar.

Und doch auch wieder nicht. Ich hatte im Laufe der Jahre durchaus bemerkt, dass die Kirche hinter ihren eigenen Ansprüchen zurück bleibt, zurück bleiben musste. Jesu Botschaft war besonders durch die Verbandelung der Kirche mit Machtansprüchen und Machtpositionen relativiert worden. Die Freiheit der Kinder Gottes wurde über die Jahrhunderte immer wieder durch enge Moralvorschriften eingeschränkt.

Oft machten Prediger die zuhörenden Gläubigen klein, statt sie aufzubauen durch den Zuspruch der unbedingten Liebe Gottes. Und die Benachteiligung der Frauen, welche biblisch nicht zu rechtfertigen ist, war mir wie vielen Kirchenfrauen schon lange ein Dorn im Auge.

Trotzdem. Was dieser Film zeigt, übertrifft alles, was ich mir hatte vorstellen können. Ich musste feststellen: die kirchliche Obrigkeit verkündet hohe Ansprüche und schaut offenbar tatenlos zu, wenn das eigene „Bodenpersonal“ permanent dagegen verstösst. Konkret: die radikale Verurteilung von Abtreibung – jüngst auch durch Papst Franziskus – widerspricht in krasser Weise der offenbar weit verbreiteten Praxis, missbrauchte und schwanger gewordene Ordensfrauen zur Abtreibung zu drängen.

Der Film hatte mein Kirchenbild derart erschüttert, dass ich im ersten Moment dachte: Jetzt muss ich mir eine neue Arbeit suchen. Für diese Kirche kann und will ich nicht länger tätig sein. Zum Glück merkte ich bald, dass ich mit meinem Entsetzen nicht allein war. Unser Generalvikar, Josef Annen, antwortete auf eine emotionale Nachricht von mir postwendend und ich spürte: auch ihn hatte der Film zutiefst getroffen.

Im Gespräch mit meinem Team, mit Pfarreiangehörigen und mit Berufskolleg*innen wurde mir bald klar:

Weglaufen ist auch diesmal keine Option für mich.

Stattdessen will ich meine Stimme erheben, will nach Kräften einstehen für Veränderungen in dieser Kirche. Die Botschaft, die wir zu verkünden haben, die Botschaft von Gleichwertigkeit und Würde der Menschen als Gottes Geschöpfe, sie verdient es, dass wir versuchen, mit der Hilfe von Gottes Geistkraft dieses weltumspannende Gebilde in Bewegung zu bringen, so dass fast kein Stein auf dem anderen bleibt.

Ja, es muss sich Vieles ändern: Strukturen, Umgang mit Macht und Abhängigkeit, Anerkennung der Gleichwertigkeit von Frauen, inhaltliche Öffnung besonders im Bereich von Sexualmoral und positive Bewertung unserer Körperlichkeit usw. Zudem muss sich bezüglich der Missbräuche (in ihren verschiedenen Formen) die Mentalität völlig wandeln: es darf nicht mehr um den Schutz der Institution Kirche und der Täter gehen, sondern die Opfer müssen in den Mittelpunkt gestellt und ernst genommen werden.

Die letzten Wochen haben mir – Gott sei Dank – deutlich gezeigt (was ich eigentlich schon wusste): Ich bin mit meiner Entrüstung und mit meinem Wunsch nach Veränderungen nicht allein. Rasch und unkompliziert hat sich eine Gruppe gebildet, welche als „Aktionsbündnis Zeichen gegen Missbrauch“ Forderungen formulierte, welche dem päpstlichen Nuntius in Bern übergeben werden zuhanden unseres Papstes Franziskus.

Wir laden alle Interessierten ein, mit uns am 29. Juni in Bern ein starkes Zeichen zu setzen. Kommen Sie und unterstützen Sie mit Ihrer Anwesenheit oder Ihrer Unterschrift unsere Forderungen an die Kirchenleitung in Rom!

Gemeinsam mit vielen anderen, die noch immer hoffen und glauben, dass unsere Kirche reformfähig ist, engagieren wir uns konstruktiv für Veränderungen in der römisch-katholischen Kirche. Damit Menschen heute und in Zukunft bekräftigt werden, ein Leben in Fülle zu suchen – für sich selbst und für alle Bewohner*innen dieser Erde.

 

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