Kirche aktuell

Anerkennung für CoronaheldInnen Überlebenswichtig!

Toni Zimmermann

Theologe und ehemaliger Bahnhofseelsorger, Präsident Zentrum für christliche Spiritualität Zürich

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Der Applaus vom Balkon war zwar berührend, er eicht aber nicht. Dem Klatschen müssen Taten folgen, damit Pflege-, Verkaufspersonal und viele andere für ihre unverzichtbaren Leistungen in der Coronakrise würdig entlöhnt werden.
15. April 2020

Dieser Tage stiess ich zufällig auf einen Text von Franz Hohler, der mich schon vor Jahren sehr berührte.
Unter dem Titel „Gegenvorschlag“ hat er zu einer Änderung der schweizerischen Bundesverfassung aufgerufen:

„Im Wissen darum, dass ohne sie weder Häuser, Strassen noch Tunnels gebaut würden, weder Spitäler, Alters- und Pflegeheime, Hotels und Restaurants betrieben würden, weder Abfall, Reinigung, Verkehr und Informatik bewältigt würden, bedankt sich die Eidgenossenschaft bei allen Ausländerinnen und Ausländern, die hier arbeiten. Sie gibt ihrer Freude darüber Ausdruck, dass sie mit ihrer Tätigkeit das Leben in unserem Lande ermöglichen und heisst sie als Teilnehmer dieses Lebens willkommen.
Sie hofft, dass es ihnen gelingt, sich mit den hiesigen Gebräuchen vertraut zu machen, ohne dass sie ihre Herkunft verleugnen müssen....
Übergangsbestimmungen:
Dieser Gegenvorschlag bedarf nicht der Volksabstimmung. Er tritt für jedermann vom Moment an in Kraft, da er dessen Richtigkeit erkannt hat.“

Dieser Text liess mich an die Menschen denken, die in dieser Krise unser Land am Laufen halten – die in den Lebensmittelläden, in den Spitälern und Heimen, in Apotheken und in der Kinderbetreuung, bei der Reinigung und Entsorgung, im Transportwesen und in allen übrigen Bereichen der Grundversorgung ihre Arbeit für uns leisten mit einem enormen Einsatz bis hin zu ihren körperlichen und seelischen Grenzen.

Ohne sie würde unser gesellschaftliches Leben nicht funktionieren, ja zusammenbrechen. Sie sind für uns überlebenswichtig!

Wir haben ihnen applaudiert von den Fenstern und Balkonen aus, ihnen damit unseren Dank, unsere Anerkennung und Wertschätzung ausgedrückt. Das waren emotionale Momente – die sie mehr als verdient haben! Auch wir, die wir klatschten, waren gerührt ob der gemeinsamen solidarischen Aktion.

Wir haben die tragende Bedeutung und den unschätzbaren Wert ihrer Arbeit in diesen Tagen eindrücklich, ja existentiell zu spüren bekommen – vielleicht sogar die unantastbare Würde dieser Menschen wahrgenommen.

Allerdings frage ich mich, was geschieht, wenn die Krise vorüber ist? Wenn die Dank- und Lobeshymnen verklungen sind? Vergessen wir, was diese Menschen für uns geleistet haben und auch weiterhin leisten?

Unser Applaus, unser Dank an sie wird leider ihre Arbeitsbedingungen nicht verbessern. Es sind ja zum grössten Teil Frauen, die diese Arbeiten verrichten, und zu einem grossen Anteil auch Ausländer*innen. Gerade sie erhalten zumeist Löhne im unteren bis untersten Bereich.  Wir geben diesen Arbeiten offensichtlich nicht den Wert, der ihrer tatsächlichen Bedeutung entspricht. Die Corona-Pandemie zeigt uns dies überdeutlich. Das heisst für die Zeit danach: Dem Dankesapplaus müssen Taten folgen.

Es liegt dann an der applaudierenden Bevölkerung, auf alle politischen Akteure einzuwirken, dass diese Menschen der unersetzlichen Bedeutung ihrer Arbeit entsprechend bezahlt werden. Deshalb werden wir uns für sie einsetzen und nicht nachlassen, bis die Politiker*innen dies umgesetzt haben.

Übergangsbestimmung:
Dieser Vorschlag tritt für alle von dem Moment an in Kraft, an dem sie*er dessen Richtigkeit erkannt hat. Einer allfälligen Volksabstimmung werden darum grosse Chancen eingeräumt.