Kirche aktuell

Not im Langstrassenviertel Schwester Ariane: Schlimmer als im Frühjahr

Sr. Ariane und Pfarrer Karl Wolf sind immer noch unterwegs: Im Langstrassenviertel versuchen sie mit Mahlzeiten, Begegnung und Gesprächen die Not zu lindern – und bemerken eine klare Verschärfung der Situation von Frauen und Männern im Milieu und Randständigen.
29. Oktober 2020 Katholische Kirche im Kanton Zürich

Jeden Abend verteilen die Freiwilligen vom Verein Incontro Mahlzeiten im Langstrassenviertel – schon seit dem Ende des Lockdowns im Frühjahr. 275 freiwillige Helferinnen und Helfer sind es, die regelmässig unterwegs sind – aus den Pfarreien, aber auch von Firmen, anderen Vereinen wie dem Rotary-Club. Sr. Ariane Stocklin ist ebenfalls täglich dabei: «Die Begegnungen sind wirklich eindrücklich, Menschen aus allen Schichten, Kulturen – Arm und Reich – begegnen sich. Wir sind mitten in der Gesellschaft.»

Die Not aber ist in den letzten Tagen gewachsen, beschreibt die Gassenarbeiterin Sr. Ariane: «Diese Woche waren wir in einem Bordell. Sie haben sich auf das Essen gestürzt.» Genauso schlimm wie die finanzielle Not sei aber auch die existenzielle Unsicherheit, die die Frauen belastet. Keine weiss, wie es weitergeht. Die Rückkehr in die Heimat ist für viele keine Alternative. «Die Frauen in der Prostitution wissen nicht mehr weiter.» Da erscheint das gebrachte Essen wie der Tropfen auf dem heissen Stein. «Auch die Aggressivität und die Angst steigen. Wir hören auf die Not und versuchen Antworten darauf zu geben.»

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Appell an die Kirchgemeinden und Pfarreien

«Inzwischen sind wir an einem Punkt, in dem wir eigentlich wieder Lebensmittelpakete anbieten müssten,» führt Sr. Ariane weiter auf. Hier ist der Verein aber auf Mithilfe aus den Pfarreien angewiesen – am Hilfreichsten wären bereits gepackte Lebensmittel-Säcke. «Das wäre wirklich mega, wenn wieder viele mitmachen könnten. Gelebte Diakonie ist ja auch in der Pfarrei ein wichtiger Aspekt», wirbt Sr. Ariane. Und erzählt die Geschichte von einem Thai-Ehepaar, das regelmässig aufwendig gekochte Menüs aus dem eigenen Restaurant spendet. «Ihnen ging es früher ebenfalls nicht gut, nun möchten sie etwas zurückgeben.»

Ohnehin: Die grosse Hilfsbereitschaft zum Beispiel vom Hotel 25hours, das zum Selbstkostenpreis für den Verein Incontro Mahlzeiten kocht, rührt die Seelsorgerin nach wie vor. Sie habe viel gelernt in den letzten Monaten. Vor allem dies:

«Wenn Du den Schritt vertrauensvoll ins Handeln tust, dann fügt sich vieles. Das ist eine neue Art von Kirche-Sein für mich – mitten auf der Gasse, wo viel Gemeinschaft und Freundschaft entsteht.»

Neue Räumlichkeiten im Quartier

In den nächsten Tagen bezieht der Verein ein kleines Lokal an der Rotwandstrasse – das «Primero», angelehnt an den südamerikanischen Gruss «Primero Dios», der so viel heisst wie «So Gott will» - «der vertrauensvolle Schritt in die Vorsehung Gottes. Und hier sollen auch die Letzten die ersten sein,» erklärt Schwester Ariane. Das «Primero» wird von Freitag bis Montag offen sein, wenn die meisten Hilfsstellen geschlossen sind - für Menschen aus dem Milieu, für Obdachlose, Bedürftige. Ausserdem werden  Näh- und Deutschkurse sowie eine medizinische Beratungsstunde angeboten – natürlich gratis. «Selbst für die Miete haben wir unerwartet schnell einen Gönner gefunden, der dies von sich aus angeboten hat», freut sich Sr. Ariane Stocklin. «Unsere Kernaufgabe sehen wir aber nach wie vor in der aufsuchenden Gassenarbeit. Wir suchen und besuchen die Leute auf der Gasse. Die Gasse ist unsere «Freiluftmensa», in der wir die Menschen bedienen.»

Wer etwas Gutes tun will, kann eine Schutzmaske gegen eine Spende beim Verein bestellen. Frauen aus dem Milieu fertigen diese an. Auch werden weiterhin Freiwillige gesuchen, die auf der Gasse oder im neuen Lokal helfen. Dafür kann man sich bei Sr. Ariane melden: freiwillige@incontro-verein.ch

 

Hier finden Sie eine Packliste für Lebensmittelsäcke: 

application/vnd.openxmlformats-officedocument.wordprocessingml.document Lebensmittelpakete für Menschen auf der Gasse.docx — 2.9 MB

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Frauen aus dem Rotlichtmilieu nähen die Schutzmasken.

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Gemeinsam mit der "You+ME"-Maske unterwegs

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Die Masken können gegen eine Spende bestellt werden