Kirche aktuell

Kurs zur Ethik der Optimierung Neues Jahr - gute Vorsätze

Das neue Jahr startet häufig mit guten Vorsätzen: mehr Sport, weniger Alkohol, mehr Lesen, weniger TV schauen… Unsere Leistungsgesellschaft fordert Optimierung und Verbesserung aber auch geradezu ein. Die Paulus Akademie startet das neue Jahr mit einer Kursreihe dazu: «Immer höher, schneller, klüger? Ethik der Optimierung».
07. Januar 2021 Katholische Kirche im Kanton Zürich

Sebastian Muders ist Moralphilosoph der Universität Zürich und Fachbereichsleiter der Paulus Akademie. Er leitet die vier Kursabende, die online stattfinden.

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Hand aufs Herz – haben Sie Vorsätze zum neuen Jahr gefasst, in denen Sie etwas besser machen oder optimieren wollen?

Sebastian Muders: Ja tatsächlich! Ich würde gern weniger arbeiten, jeden Abend Zeit mit meiner Frau verbringen und vielleicht noch eine halbe Stunde für mich lesen. Das ist im letzten Jahr seit Ostern definitiv zu kurz gekommen. Ich habe das Geschenk des Müssiggangs gerade an Weihnachten wieder neu für mich entdeckt und möchte das 2021 auch gleich weiterführen. Das ist mein Vorsatz für das neue Jahr – meine Optimierung.

 

Was verstehen Sie persönlich unter Optimierung, dem Wort, das in ihrer Kursausschreibung genutzt wird?

Optimieren an sich heisst ja wörtlich, den bestmöglichen Zustand («Optimum») zu erreichen, oder zumindest, sich zu verbessern. Ob wir ein solches Optimum je erreichen können, ist natürlich fraglich: Zum einen ist es immer möglich zu scheitern; und selbst, wenn wir erfolgreich sind, ist es gewöhnlich nicht so, dass wir uns mit dem Erreichten zufrieden gäben. Auch ist das, was wir als bestmöglichen Zustand ausmachen, im stetigen Wandel begriffen: Mein Wunsch, mehr Zeit mit meinem Sohn zu verbringen, stellt sich mir naturgemäss erst, seit ich Vater geworden bin.

Gute Vorsätze wie jetzt zu Jahresbeginn, zum Beispiel auch mehr zu arbeiten oder weniger Schokolade zu essen, dienen nicht selten dem eigenen Wohlbefinden. Das ist natürlich grundsätzlich etwas Gutes. Denn mein Wohlbefinden, gesteigert zum Beispiel durch ein Mehr an Freizeit, macht einen gewichtigen Teil des guten Lebens aus. Dinge wie Freizeit gehen in unserer auf Beschleunigung und Flexibilität setzenden Zeit oftmals unter. Da scheint es nahe zu liegen, sich eine Pille einzuwerfen, um sich besser konzentrieren zu können und leistungsfähiger zu sein, statt zeitintensiver Ruhepausen einzulegen. Wenn man sich die technischen Entwicklungen anschaut, liegt vieles in greifbarer Nähe.

In der Kursausschreibung ist vom Zwang der Optimierung die Rede: Ist Optimierung nicht auch ein Bedürfnis, das in uns steckt?

Schaut man in die Kulturgeschichte, entdeckt man sofort das Bemühen, uns ständig zu verbessern – als Gesellschaft und individuell. Wir wollen besser werden, und das durchaus nicht nur um unserer selbst, sondern auch um anderer willen: So kann auch die Verbesserung unseres Moralverhaltens dazu beitragen, ein besseres Leben zu führen, etwa indem wir mehr Zeit mit den Grosseltern verbringen. Das gibt nicht nur uns als Person ein gutes Gefühl, sondern hoffentlich auch den Personen, mit denen wir Zeit verbringen.

Das Bestreben, sich zu verbessern, ist wie gesagt grundsätzlich gut, es kann etwa auch schön sein, Disziplin zu zeigen; und sich sportlich zu betätigen dürfte ebenfalls etwas in sich Gutes sein. Problematisch wird es, wenn wir uns nicht aus eigener Motivation optimieren, sondern um uns sozialkonform zu verhalten. Wenn ich mich beispielsweise unters Messer begebe, damit mich mein Ehepartner noch attraktiv findet; oder wenn ich mehr arbeite, weil es der neue Kollege auch tut, und nicht, weil ich Spass daran habe und mir die Arbeit Befriedigung gibt. Diese Art von Zwang macht aus dem Bedürfnis, sich zu optimieren, etwas Fremdbestimmtes, etwas Negatives. Eine rein instrumentelle Einstellung zur Optimierung, die letztlich nicht dem eigenen guten Leben dient, ist schwierig.

Welche Kritikpunkte an der allgegenwärtigen Optimierungsmaxime werden in Ihrem Kurs angesprochen?

Zum einen muss nicht jede Optimierung wirklich eine Verbesserung darstellen. Zum Beispiel bei der Erziehung unserer Kinder: Sollten wir wirklich bereits Kleinkinder mit entsprechenden Trainings fit machen für die Welt? Sollte hier statt Optimierung nicht das spielerische Ausprobieren im Mittelpunkt stehen?

Zum zweiten geht die Verbesserung in einem Bereich nicht selten mit einer Verschlechterung in einem anderen Bereich einher: Wenn ich etwa mehr arbeite, wer hat dann etwas davon? Mein Arbeitgeber vielleicht, ich persönlich vermutlich auch, was mein Gehalt betrifft, aber was ist mit der Familie? Und was mache ich mit mehr Geld, wenn ich weniger Möglichkeit habe, es in meiner Freizeit auch einzusetzen? Hier stellt sich die Frage: Ist die Verbesserung insgesamt gut für mich?

Drittens geht es im Kurs auch um Gerechtigkeitsfragen: Sollten neue Medizinprodukte tatsächlich die eigene Leistungsfähigkeit steigern könnten, ist die Befürchtung nicht weit, dass zunächst vor allem diejenigen zugreifen können, die es sich auch leisten können. Dadurch droht die soziale Schere weiter aufzugehen. Und wir müssen hier keineswegs Science-Fiction betreiben: Nur gut Betuchte können sich die Ausbildungen an Internaten oder Elite-Universitäten für ihre Kinder leisten.

Die Frage ist schliesslich: Sollten wir alles verbessern wollen, was verbessert werden könnte? Wir haben nicht auf alles Zugriff und vielleicht ist das gut so. Könnten wir nicht bestimmte Sachen einfach so bestehen lassen, wie sie sind? Etwa anerkennen, dass irgendwas eben nicht meine Stärke ist und den Zustand so wie er ist wertschätzen? Das scheint auch eine Möglichkeit zu sein, das eigene gute Leben zu gestalten. Dabei hilft es sicher auch, sich realistische Ziele für das gerade anbrechende Jahr zu setzen: Etwas Neues versuchen, aber nicht gleich nach den Sternen greifen. Es muss nicht ein Marathon als Vorsatz sein, dreimal in der Woche mit dem Joggen beginnen ist auch schon ein gutes Ziel. Moderate Ziele senken die Gefahr von Frustration, machen uns zufriedener und geben uns Zuversicht, uns in kleinen Schritten weiter zu verbessern.

 

IMMER HÖHER, SCHNELLER, KLÜGER? ETHIK DER OPTIMIERUNG Online-Kurs der Paulus Akademie und der Volkshochschule Zürich, jeweils mittwochs an vier Abenden vom 13. Januar bis 3. Februar, 19.30 Uhr bis 21 Uhr, via «Zoom».

Kosten: CHF 120.–; CHF 96.– für Mitglieder Gönnerverein, Studierende und Lernende, IV-Bezüger und mit KulturLegi

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