Kirche aktuell

Liebe missbrauchte Brüder vom Provolo-Institut

Liebe missbrauchte Brüder vom Provolo-Institut
Leiter Behindertenseelsorge Zürich
Stefan Arnold
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03. April 2019 / 4 Kommentare

Erschüttert vom Missbrauch der gehörlosen Kinder im katholischen Antonio Provolo-Institut in Verona schreibt Stefan Arnold ihnen einen Brief.

Liebe Brüder

Ich sitze in einem Raum der Stille einer Institution, die sich um kranke Menschen kümmert. Nachdenklich und betroffen schreibe ich Euch diesen Brief. Ich habe gehört, dass sich in aller Stille Männer und Frauen der Kirche an Euch vergangen haben. Eine Mitarbeiterin hatte im Fernsehen den Beitrag über den systematischen Missbrauch im Provolo-Institut in Verona gesehen. Sie erzählte zwei, drei Beispiele. Bereits nach dem ersten hätte ich ihr am liebsten gesagt: «Hör auf. Meine Seele hält dies nicht aus.»

Zigmal habt ihr geschrien. Zigmal bettelte Eure Seele um Hilfe. Zigmal haben sie Euch zum Schweigen gebracht.

Selbst Euer Bruder Franziskus in Rom hört Euch nicht.

Das alles macht mich sehr betroffen. Tiefe Trauer erfüllt mich. Als Leiter der katholischen Behindertenseelsorge frage mich: In was für einer Kirche arbeite ich? Wie kann ich in einer Kirche arbeiten, die Euch so misshandelt und Euer Weinen nie gehört hat?

Jesus hat Euch und zusammen mit Euch alle Menschen mit Behinderung immer wieder in die Mitte gestellt.

Die Frauen und Männer der Kirche haben Euch nicht in die Mitte gestellt. Sie haben Euch vor sich hingestellt. Sie haben Euch so platziert, dass sie Euch missbrauchen konnten. Ich kann und werde es nie verstehen.

In der Kirche reden wir immer wieder von den Menschen am Rand. Wenn wir auf Jesus hören und sein Wort ernst nehmen, gibt es keine Menschen am Rand. Er stellt sie immer in die Mitte. In der Mitte steht immer Ihr und nie – aber gar nie – die Kirche.

Am liebsten möchte ich Eure Adressen ausfindig machen und Euch nach Zürich einladen. Ich möchte Euch sagen: «Wir versuchen, Euch zu sehen. Wir versuchen, Euch zu hören.»

Mein Wunsch wäre, dass ihr sagen könntet: In der Kirche haben wir Menschen getroffen, die uns und unsere Not wahrgenommen und sich für uns eingesetzt haben.

Gleichzeitig wende ich mich an alle Menschen mit Behinderung, die vielen unter Euch, die mit Mimik und Körper kommunizieren: Wenn Ihr von Frauen und Männern der Kirche Gewalt erfahren habt, meldet Euch! Meldet Euch bei den unabhängigen und neutralen Fachleuten. Sie hören zu und wissen, was zu tun ist, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Ihr, die gehörlosen Brüder, seid mit Gewissheit wie die Spitze des Eisberges.

Die offizielle Kirche betont immer wieder die Null-Toleranz. Ihr habt keine Toleranz erfahren. Ihr musstet hinhalten. Eure Seele haben sie mit Füssen getreten. Und als sie fertig waren, erwarteten sie von Euch Toleranz, indem ihr schweigen solltet. Wie hirnverbrannt, bestialisch und abscheulich!

In der Kirche wurden und werden Frauen und Männer zu Präventionsveranstaltungen eingeladen. Zu Recht.

Gleichzeitig ist es an der Zeit, dass die Kirche Sexualität endlich positiv bewertet. Eine positiv bewertete Sexualität wirkt sich positiv auf unsere Beziehungen zu anderen Menschen aus.

Liebe gehörlose Brüder, ich wünsche, dass alle gehört werden, die gleiches erfahren haben.

Und wer weiss… vielleicht sehen wir uns in Zürich.

In grosser Betroffenheit sende ich Euch herzliche Grüsse aus Zürich

Stefan Arnold