Kirche aktuell

Interview-Serie Kirche leben in Corona-Zeiten - mit Zeno Cavigelli

Wir fragen kirchlich engagierte Menschen, wie sich ihr Leben und ihre Arbeit im Lockdown verändert haben. Und was nach Corona davon bleibt. Heute mit Zeno Cavigelli, Pastoralassistent in Dübendorf.
29. April 2020 Katholische Kirche im Kanton Zürich

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Was war für Sie das einschneidenste Ereignis seit dem Lockdown?

Dass ich auf zwei Deutschland-Wochen mit sehr viel Musik verzichten muss, das nagt entsetzlich an mir. Ich habe mich so auf unsere Orgelreise in Ostfriesland gefreut und auf die "Wittener Tage“ mit lauter Uraufführungen in einem mittlerweile so vertrauten Völklein.


Wie gehen Sie persönlich mit der neuen Situation um?

Weil ich nun viel zuhause arbeite, bin ich auch die ganze Zeit daran, die Wohnung umzustellen, auszumisten, Bilder neu aufzuhängen und meine Balkonpflanzen zu coachen. Ich lese Romane und Gedichte in einer sonst selten erreichten Tiefe. Ich kommuniziere auf verschiedenen Kanälen und geniesse die Radiosendungen nochmals mehr. Eigentlich eigentlich geht es mir ganz gut dabei.  

 
Ihr schönstes Erlebnis während der Corona-Zeit?
Mein Geburtstag. Ich befürchtete: Fastenzeit + Corona = Elend pur. War aber ganz anders. Und die Geselligkeit ist ja nachholbar. 
 
Hat Corona die Kirche verändert?
Haha, Kirche und Veränderung! Aber sie ist in einem Lernprozess und es kann sein, dass die Coronazeit, bzw. die Koinzidenz von Corona, synodalen Aufbrüchen, einer entsetzlich agierenden Churer Administration und dem Widerstand dagegen, der wahrhaft durch die Decke gegangen ist, zu einem Brutkasten wird für eine Reform. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Was soll nach dem Ausnahmezustand für das kirchliche Leben bewahrt werden?
Ich beobachte eine grössere Aufmerksamkeit für das Leben der Menschen und ihre Alltagsqualität. Wäre schön, wenn das bliebe! Die Freude am Experiment würde postcoronal auch nicht schaden. Und die Frage nach dem Stellenwert der Eucharistie, überhaupt das Interesse an einer erweiterten Sakramentalität. Anderes ist wie nicht absehbar: Wird man sich je wieder berühren beim Friedensgruss? Wird man je wieder aus einem Kelch trinken? Corona wird ja nicht zum Zeitpunkt x einfach vorbei sein...

Was haben Sie persönlich aus der Corona-Crise gelernt?
Ich habe sowohl das Schöne am Rückzug (o.k., ich wohne allein und gehe niemandem auf die Nerven!) als auch die Qualität der Digitalisierung ganz neu kennen- und schätzengelernt. Und als Tüpfchen aufs i: Ich habe nach sehr langer Zeit wieder begonnen, Briefe zu schreiben. Also so von Hand auf Papier. Und dann schickt man den ab und es macht nicht gleich woanders „Ping!“. Zwei drei Tage später liegt der Brief bei jemandem im Briefkasten. Und darauf als Absender so lange zu warten - Wahnsinn!  

Hat der Lockdown neben all der bedrückenden Seiten auch etwas Gutes?
Ich will nicht an der schieren Enge von Familien und Paaren, an der Einsamkeit und an der wirtschaftlichen Brutalität vorbeischauen. Und auch nicht an den vielen schlimmen Krankheitsverläufen und Todesfällen. Aber: Doch, Corona ist auch eine tiefschürfende Erfahrung sowohl für alle Einzelnen als auch für alle unsere Systeme. Und wir wissen doch: Ohne Erfahrung gibt es kein Lernen, keinen Fortschritt, weder Geschichte noch Zukunft.
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Zeno Cavigelli. FOTO Christoph WIDER