Kirche aktuell

Interview-Serie Kirche leben in Corona-Zeiten - mit Tonja Jünger

Wir fragen kirchlich engagierte Menschen, wie sich ihr Leben und ihre Arbeit im Lockdown verändert haben. Und was nach Corona davon bleibt. Heute mit Tonja Jünger, Seelsorgerin am Pflegezentrum Riesbach und in der Pfarrei Bruder Klaus.
18. Mai 2020 Katholische Kirche im Kanton Zürich

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Was war für Sie das einschneidendste Ereignis seit dem Lockdown?

Ich darf meinen Vater nicht sehen und andere Menschen, die mir wichtig sind. Und ich muss allen Menschen ausweichen. Immer Distanz wahren. Dabei bin ich ein sehr kontaktfreudiger Mensch. Die spontanen Gespräche und Begegnungen im Quartier und in der Pfarrei sind für mich in "normalen Zeiten" ein wesentlicher Teil meiner guten Lebensqualität.

Wie gehen Sie persönlich mit der neuen Situation um?

Ich versuche mich anzupassen, will sagen: das zu tun was von mir in der jetzigen Zeit gefragt ist. Ich will nicht an Gewohntem festhalten, sondern offen sein für das, was jetzt wichtig und verlangt ist.

Ihr schönstes Erlebnis in der Corona-Zeit?

Das Gefühl von Zusammenhalt. Sowohl in unserer Familie als ganz besonders im Pflegezentrum Riesbach, wo ich als Seelsorgerin tätig bin. Alle Mitarbeitenden dort sind gefordert, mehr als «normal». Aber das schweisst auch zusammen. Es entwickelt sich ein Teamgeist: «Wir schaffen das gemeinsam, mit vereinten Kräften!»

Hat Corona die Kirche verändert?

Ja hoffentlich! Corona zeigt uns: wo zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind, da ist ER mitten unter ihnen. Unabhängig davon, ob ein geweihter Priester dabei ist, unabhängig davon, ob wir uns in einer Kirche befinden, unabhängig davon, welche liturgische Form wir wählen. - Wunderbar!

Was soll nach dem Ausnahmezustand für das kirchliche Leben bewahrt werden?

Ach, die Kirche steckt ja schon lange in einem Reform-Stau. Der Ausnahmezustand zeigt nur umso deutlicher: es muss ganz Vieles in Fluss kommen, wenn sich die (römisch-katholische) Kirche nicht selbst überflüssig machen will. Die leeren Kirchen an Ostern, der leere Petersplatz: sie sind deutliche Signale. Die Kirche muss sich bewegen, nicht länger nur ängstlich sein, sondern der Geistkraft die Türen öffnen, damit ein frischer Wind Öffnung, Mut, Visionen in unsere Kirche hinein wehen kann.

Was haben Sie persönlich aus der Corona-Krise gelernt?

Manches, was ausfiel oder nicht stattfinden konnte, habe ich nicht wirklich vermisst oder war insgeheim sogar froh, dass es nicht stattfinden konnte. Das sind Signale: Es ist nicht alles so unverzichtbar, was einmal in meine Agenda geschrieben wurde. Bewusst entscheiden: wer und was ist mir wirklich wichtig, Schwerpunkte setzen, das möchte ich üben.

Hat der Lockdown neben all der bedrückenden Seiten auch etwas Gutes?

Ja, sicher! Als Erstes: sauberere Luft, klareres Wasser (z.B. rund um Venedig), weil all dieses Hin- und Her-Jetten rund um die Welt nicht mehr funktioniert. Und viele Väter (und Mütter) daheim, die viel mehr Zeit haben als Familie. Nie habe ich so viele Familien gemeinsam unterwegs gesehen wie in den letzten Wochen. Auch unsere beiden Teenager-Töchter waren resp. sind viel mehr daheim als "normal". Das geniessen mein Mann und ich sehr.
Und ich hoffe, dass viele Menschen überlegen, was diese Krise für die Zukunft bedeuten kann: so wie bisher kann es nicht weitergehen. Unsere Erde ist zutiefst bedroht. – Jetzt merken wir: Es geht auch anders, Vieles lässt sich ändern. Es wäre schön, wenn diese Dynamik weiter wachsen kann.