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Zum Caritas Armutsforum 2021 Hat die Pandemie ein Geschlecht?

SP-Nationalrätin aus Zürich
Min Li Marti
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Ende Oktober trafen sich Expertinnen und Experten beim Armutsforum von Caritas Zürich zum Thema «Frauen in der Corona-Krise. Zwischen Systemrelevanz und Prekarität». SP-Nationalrätin Min Li Marti war als Gast aus der Politik eingeladen und fordert eine Aufwertung der sogenannten Sorgearbeit.
04. November 2021

Helen Lewis schrieb noch relativ zu Beginn der Corona-Pandemie einen vielbeachteten Artikel in «The Atlantic» zu den Auswirkungen von Corona auf die Frauen. Corona, so Lewis, sei eine Katastrophe für den Feminismus und werfe die Frauen um Jahrzehnte zurück. Denn die Pandemie habe die Abmachung vieler Paare in Frage gestellt, wonach beide erwerbstätig sein können, weil jemand anderes auf die Kinder schaut.

Was ist dran an Lewis’ These?

Die Covid 19-Pandemie traf im Vergleich zu anderen Rezessionen die Frauen wirtschaftlich stärker. Herkömmliche Wirtschaftskrisen haben Auswirkungen vor allem in männerdominierten Branchen wie Bau oder Exportwirtschaft. In einer Pandemie beziehungsweise im Lockdown sind aber stärker Branchen betroffen, in denen viele Frauen arbeiten, wie in der Gastronomie, im Detailhandel oder in der Körperpflege.

Zusätzlich war die Pandemie für viele Familien eine enorme Herausforderung: Die Grosseltern fielen als Betreuung aus, Schulen und Kitas wurden geschlossen. Das hatte Auswirkungen auf die Frauen, die immer noch mehrheitlich für die Betreuung von Kindern verantwortlich sind.

In der Schweiz war dieser Effekt allerdings weit weniger stark, wie die Ökonomin Jana Freundt am Caritas-Armutsforum ausführte. Zwar gab es in der Schweiz auch eine stärkere Betroffenheit von Frauen, aber weniger stark als in anderen Ländern. Im internationalen Vergleich steht die Schweiz sogar überdurchschnittlich gut da. Die Vermutung liegt nahe, dass dies daran liegt, dass in der Schweiz im Gegensatz zu Deutschland und den USA beispielsweise die Schulen und die Kitas nur für kurze Zeit geschlossen blieben.

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Podium beim Armutsforum mit Min Li Marti (ganz rechts). Bild: Caritas Zürich

Wesentlicher war wohl eher die Frage der Schicht, als die des Geschlechts, auch wenn Armut auch eine geschlechtsspezifische Komponente aufweist. Das vielbesprochene Homeoffice war längst nicht für alle Realität. Menschen mit tiefem Einkommen und prekären Arbeitsbedingungen, darunter auch viele Frauen, wurden von der Krise viel mehr getroffen. Das meint auch die Ökonomin Isabel Martinez im Magazin «Nachbarn» der Caritas Zürich:

«Haushalte mit tiefen Einkommen haben in der Corona-Krise höhere Einkommensausfälle als finanziell besser Gestellte. Im Durchschnitt mehr als 20 Prozent gegenüber 8 Prozent bei besser Verdienenden. Sie mussten auch viel häufiger Erspartes auflösen. Viele verschuldeten sich gar.»

Die Pandemie hat also schon bestehende Ungleichheiten massiv verschärft. Wir alle haben wohl noch die Bilder im Kopf von den Schlangen, die sich vor Lebensmittelausgaben bildeten.

Die Wirkung von COVID 19 auf die Geschlechter war auch medizinisch unterschiedlich. Männer sind häufiger von schweren Verläufen betroffen. Frauen hingegen haben häufiger Long Covid. Schwierig war auch die Situation für schwangere Frauen, die als Risikogruppe eingestuft wurden, aber für die die Impfung lange nicht empfohlen wurde. Für eine abschliessende Beurteilung der Auswirkungen fehlen teilweise die Daten und die entsprechende Forschung.

Folgen der Krise

Es ist einfach, sich ein pessimistisches Szenario auszudenken. Dass soziale Ungleichheiten in der Krise grösser wurden, die ungerechte Verteilung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit noch grösser wird. Dass die Frauen noch weiter zurückgeworfen werden dadurch. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass eine tiefgreifende Krise zu einer konservativen Neuorientierung führt. Dass die Menschen müde sind von den vergifteten Diskussionen rund um Covid 19 und sich einen Rückzug ins Private wünschen.   

Man könnte sich aber auch vorstellen, dass die Pandemie einigen vor Augen geführt hat, dass soziale Netze einen Wert haben, dass der Staat die Aufgabe hat, Menschen davor zu bewahren, durch alle Maschen zu fallen. Dass die sogenannte Sorgearbeit, also die Arbeit, sich um andere Menschen zu kümmern, sie zu pflegen und zu betreuen einen besonderen Wert hat, der bis dato unterschätzt wurde. Viel wurde gesagt übers Klatschen für das Pflegepersonal und dass es als Wertschätzung nicht ausreicht. Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung scheint diese Meinung auch zu teilen, wenn man den Umfragewerten zur Pflegeinitiative glauben darf.

Vielleicht hat man tatsächlich auch das eine oder andere aus der Pandemie gelernt.

Vielleicht ist man ja nicht verdammt dazu, alle Fehler zu wiederholen. Ob sich das pessimistische oder das optimistische Szenario bewahrheiten wird, wird sich zeigen. Die Arbeit für mehr Geschlechtergerechtigkeit und mehr soziale Gerechtigkeit ist nie einfach passiert, Fortschritte müssen immer auch erkämpft werden. Politisch und Privat.

CaritasMarkt
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