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Extraordinaire  - Kunst aus der Psychiatrie

Extraordinaire  - Kunst aus der Psychiatrie
Leiterin Spital- und Klinikseelsorge
Sabine Zgraggen
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In psychiatrischen Institutionen schufen Patientinnen und Patienten mit Hingabe und grosser technischer und künstlerischer Kompetenz bemerkenswerte Kunstwerke. Eine Ausstellung rückte diese Werke erstmals ins öffentliche Interesse.
09. Juli 2019

Das künstlerische Schaffen von Patientinnen und Patienten aus psychiatrischen Institutionen ist erst wenig erforscht. Deshalb hat ein einzigartiges Projekt der Zürcher Hochschule der Künste die um 1900 in allen kantonalen Kliniken in der Schweiz entstandenen Werke erstmals erfasst. Eine Auswahl daraus war erstmals in einer Ausstellung im Kunstmuseum Thun zu sehen: „Extraordinaire! Unbekannte Werke aus psychiatrischen Einrichtungen in der Schweiz um 1900“.

Neugierig und gespannt besuchte ich diese Ausstellung – und war im Gegensatz zur Kuratorin nicht überrascht, dass die Ausstellung erstaunlich viele Interessierte anzog. Wer die Werke betrachtete, erkannte schnell, wie die Patientinnen und Patienten in den geschlossenen Institutionen ihre Kunst als Beitrag zum öffentlichen Leben verstanden. Als Erfindung oder Ausdruck ihrer Gedanken. Als Kritik an der Anstalt selber oder Bereicherung im eintönigen Alltag.

Bleistiftstriche für das Unsagbare

Wer ganz nah und direkt den zarten Bleistiftlinien nachspürte, erkannte klar, wofür es keine Sprache gibt: Da hängen zwei Hasen an zwei Bäumen. Erhängt. Sie haben Namen: «1. Micheline, 2. George, mit Zusatztitel: Ziegenbock».

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Extraordinaire - Aufgehängte Hasen. Foto: Sabine Zgraggen

Religiöser Schmuck, Scherenschnitte, erzählten mir von den vielen Stunden, die es während Monaten zu füllen galt und in denen der persönliche Glaube an einen «guten Gott» auf dem Prüfstein stand.

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Extraordinaire - Schlüssel. Foto: Sabine Zgraggen

Da hat jemand in Fleissarbeit Schlüssel gesammelt und nachgebaut. Aus Holz, aus Pappe. Einer von diesen Schlüsseln hat einen Herz-Griff.

Andere bauten an einem grossen Schiff mit Plätzen wie in einer Kirche, mit Entenkopf.

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Extraordinaire - Schiff mit Entenkopf. Foto: Sabine Zgraggen

Sehnsucht nach Freiheit

Beim Betrachten der Bilder entdeckte ich die mit weissen Streifen abgeklebten Namen – und ich fragte mich: Warum sind die Namen abgedeckt? Die ehemaligen Patienten sind doch längstens gestorben. Will man etwa noch heute die Nachkommen «schützen», damit sie nicht mit «dem psychisch kranken Grossvater» in Verbindung gebracht werden? Ist die Datenschutzlage ungeklärt? Ist das überhaupt Kunst? Oder sind die Bilder einfach Eigentum der Klinik und Teil der Krankenakte?

Menschen, die damals ihre Bilder malten, haben mit ihren Namen unterschrieben. Sie standen offensichtlich – und im doppelten Wortsinn! - zu ihrer ART. Vielleicht ist ihre Unterschrift jene letzte Selbstvergewisserung, noch da zu sein, auch wenn der Rest der Gesellschaft sie nicht sieht?

https://www.kunstmuseumthun.ch/de/ausstellungen/vorschau/extraordinaire-unbekannte-werke-aus-psychiatrischen-einrichtungen-in-der-schweiz-um-1900-2637/

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