Kirche aktuell

«Ehe für alle» (3) - die Debatte Es gibt keine Liebe zweiter Klasse

Pierre Stutz

Pierre Stutz, Theologe, spiritueller Autor, von 1985-2002 Priester des Bistums Basel, Herbert-Haag-Preisträger 2021, lebt in Osnabrück.

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Pierre Stutz ist spiritueller Autor und Theologe und seit 18 Jahren liebend mit seinem Mann unterwegs. Für ihn setzt ein JA für die «Ehe für alle» in der Schweiz auch weltweit ein not-wendendes Signal.
24. August 2021

Jeden Morgen wachse ich ins Urvertrauen hinein, dass Gottes Liebe in jeder und jedem von uns neu geboren wird. Glücklich werden wir als Liebende, wenn wir der Angst nicht die Regie im Leben überlassen, wie dies im vierten Kapitel des 1. Johannesbriefes überzeugend beschrieben wird. Unser Lebensfreund aus Nazareth hat diese Hoffnung nicht nur durch seine mutigen Worte verbreitet, sondern besonders durch sein Leben in kämpferischer Gelassenheit. Sein Blick des Mitgefühls galt vor allem den Minderheiten und den Benachteiligten. Sie erfahren durch ihn in besonderer Weise den zärtlich-göttlichen Segen. Denn die Liebe trennt nicht, sondern verbindet in der Verschiedenheit, wie dies im kraftvollen offiziellen Kampagnensong «Ja, ich will» ausgedrückt wird: 

Ich spüre immer wieder Trauer und Wut, wenn religiöse Gemeinschaften meinen, die Schöpferin/der Schöpfer allen Lebens hätte grosse Schwierigkeiten, wenn die Liebe zwischen zwei Frauen oder zwischen zwei Männern eine volle Anerkennung erfährt.

Wie soll die Ehe für alle eine Bedrohung der Ehe sein, wenn Liebende, auch im anspruchsvollen Zusammensein in einer Regenbogenfamilie, die gleichen Werte wie Verantwortung, Fürsorge und Treue leben.

Seit 18 Jahren erfahre ich die Liebe zu meinem Lebensgefährten als Geschenk des Himmels. Am 17. Januar 2013 haben wir im Standesamt in Lausanne unsere Partnerschaft eintragen lassen und wir sind sehr glücklich, dass wir am 5. Juli 2018 im Standesamt in Osnabrück (Norddeutschland) heiraten konnten.  

Durch die zerbrechliche Gesundheit meines Ehemannes schätzen wir als Verheiratete noch mehr die vielen Vereinfachungen im bürokratischen Alltag (Behörden, Krankenhaus, etc.).

Wir halten liebend miteinander schwere Zeiten aus, weil wir erahnen in gesunden und  in kranken Tagen von der Liebe Gottes getragen zu sein. Denn es gibt keine Liebe zweiter Klasse!

Die hochaktuelle Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahre 1948 zeigt auf, dass alle Menschen verschieden sind und alle Menschen die gleichen Rechte und Pflichten haben, wie ich dies im neuen Buch «Menschlichkeit JETZT!» entfalte.

Gottes Liebe erzählt bunt von der unantastbaren Würde eines jeden Menschen.

Als ökumenischer Christ kenne ich für unser Geschenk der Liebe kein anderes Wort als «Sakrament», weil wir vertrauen, dass sich auch in unserer Liebe die göttliche Liebe stärkend ereignet.

Durch die Liebe können wir die Mauern der Intoleranz überspringen und miteinander einüben, was Hans Küng im Weltethos allen Religionen als verpflichtende Erinnerung aufzeigt: «Alles nun, dass ihr wollt, das euch die Leute tun, tut es ihnen ebenso.» (Matthäus 7,12). Ein JA für die Ehe für alle in der Schweiz setzt auch weltweit ein not-wendendes Signal in alle Länder, in denen eine gleichgeschlechtliche Liebe nicht nur verfolgt, sondern sogar mit dem Tode bestraft wird. Verantwortungsvolle Liebe zieht viele solidarische Kreise!

 

Pierre Stutz, Theologe, spiritueller Autor – www.pierrestutz.ch – von 1985-2002 Priester des Bistums Basel, Herbert-Haag-Preisträger 2021, lebt in Osnabrück.

 

Weitere Beiträge aus der Serie «Ehe für alle - die Debatte»

1) Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding und Kommunikationschef Simon Spengler: «Einstehen für eine Kirche, die nicht diskriminiert»

2) Bischof Josef Bonnemain: «Ich will, dass jegliche Diskriminierung beseitigt wird und gleichzeitig eine sinnvolle Differenzierung stattfindet»

3) Theologe und Autor Pierre Stutz: «Es gibt keine Liebe zweiter Klasse»

4) Bischof Joseph Bonnemain: «Weder ein billiges Ja noch ein trotziges Nein»

5) queer-Altern-Präsidentin Barbara Bosshard: «Ja, ich will – soll für alle möglich sein»

6) Theologin und Professorin Sabine Bieberstein: «Was die Bibel zu Homosexualität (nicht) sagt»