Kirche aktuell

Gottesdienst in Effretikon Offener Brief an den Churer Bischof

Matthias Müller

Er war Journalist bei kath.ch, ist Theologe und Mitglied der katholischen Kirchgemeinde Illnau-Effretikon.

Bischof Joseph Maria Bonnemain hat nach dem Abschiedsgottesdienst von Monika Schmid eine kanonische Voruntersuchung eingeleitet. Wir publizieren den offenen Brief von Theologe Matthias Müller an den Bischof, den er auf Facebook veröffentlicht hat.
06. September 2022

Sehr geehrter Herr Bischof Joseph Maria Bonnemain. Wer Ihre «Ankündigung einer kanonischen Voruntersuchung» https://www.bistum-chur.ch/allgemein/eroeffnung-einer-kanonischen-voruntersuchung/ genau liest, erfährt, dass Sie um Massnahmen gar nicht herumkommen werden.

Denn Sie wissen offenbar bereits, dass ein – Zitat – «komplexer liturgischer Missbrauch» stattgefunden hat. Ich bin gespannt zu erfahren, was genau beim Abschiedsgottesdienst von Monika Schmid am 28. August in St. Martin zu welchem Zweck «missbraucht» worden sein soll.

Sie schreiben es zwar nicht explizit, aber die «Tragweite der Vorfälle» muss gross sein, denn es droht sogar eine Beurteilung durch das «Dikasterium für die Glaubenslehre» in Vatikan. Im Fokus steht offenbar nicht nur der Abschiedsgottesdienst sondern «Ereignisse der letzten Wochen».

Sehr geehrter Herr Bischof Joseph Maria Bonnemain. Was den Gottesdienst vom 28. August betrifft, rate ich Ihnen: Werten Sie das Video-Material, das dank der Berichterstattung von kath.ch online zugänglich ist, genau und aus verschiedenen Blickwinkeln aus. So wie es ein Video Assistant Referee VAR im Fussball tut. Und lassen Sie sich auch das nicht veröffentlichte Material von der Redaktion kath.ch aushändigen.

Ich bin überzeugt: Sie werden im besagten Gottesdienst weitere Dinge entdecken, die in einer lehrbuchmässigen römisch-katholischen Liturgie so nicht vorgesehen sind.

Zum Beispiel: Der Zelebrant, der Konzelebrant, der Diakon, die Gemeindeleiterin und die Theologin haben zu Beginn des Gottesdienstes beim Betreten des Altarraums ihre Schuhe ausgezogen. Um darauf hinzuweisen, dass sie sich auf «heiligem Boden» bewegen, wie damals Mose vor dem Dornbusch. Lesung und Evangelium gemäss Leseordnung? Fehlanzeige. Stattdessen wurden zwei selber gewählte Texte aus dem alten und neuen Testament vorgetragen. Wenigstens passten sie sehr gut zum Anlass, und in der Predigt wurde darauf Bezug genommen. Die Ministranten waren übrigens mehrheitlich weiblich. Immerhin hat der damalige Papst vor ziemlich genau 30 Jahren Mädchen erlaubt zu ministrieren. Wie grosszügig. Sie dürften somit nichts zu befürchten haben.

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Volle Kirche beim Abschiedsgottesdienst: Monika Schmid während ihrer Abschiedspredigt. Foto: Bruno Kessler

 

Sehr geehrter Herr Bischof Joseph Maria Bonnemain. Auch ich und meine Ehefrau haben am 28. August im Abschiedsgottesdienst von Monika Schmid ministriert als Zeichen der Wertschätzung und des Dankes. Zusammen mit zahlreichen anderen ehemaligen «Minis», heute gestandene Frauen und Männer, viele von ihnen Mütter und Väter.

Wir sind in St. Martin aufgewachsen, wir haben hier unsere Erstkommunion und Firmung gefeiert, geheiratet und unsere Kinder taufen lassen.

Geprägt vom Pfarreileben und den Seelsorgerinnen und Seelsorgern habe ich nach der Matura sogar Theologie studiert und Journalistik. kath.ch gehörte zu meinen ersten Arbeitgebern. Ebenso wie die Arbeitsstelle für MinistrantInnen-Pastoral. Ich weiss also, was Liturgie gestalten bedeutet. Und ich habe oft genug die rigorosen Kommentare von denen zu hören bekommen, die das blutleere Kirchenrecht zum Massstab für das nehmen, was sie als «den römisch-katholischen Glauben» bezeichnen. Nach einigen Stationen im kirchlichen Dienst als «nicht Geweihter» habe ich beruflich vor 15 Jahren resigniert und mich glücklich neu orientiert.

 

Sehr geehrter Herr Bischof Joseph Maria Bonnemain. Eigentlich könnte mir das, was rund um den Gottesdienst zum Abschied von Monika Schmid gerade abgeht, so ziemlich egal sein. Wenn aber sogar ein kürzlich vom Abt des Klosters Engelberg Gefirmter, bald 18-Jähriger, der dem Gottesdienst auch beigewohnt hat, sagt, die geäusserten Vorwürfe seien «nur zum Kot...», dann hat entweder der heilige Geist bei ihm nicht richtig gewirkt – oder aber der Ausdruck bringt es tatsächlich auf den Punkt.

Denn in dem was abgeht, wird der hässliche patriarchale und absolutistische Kern der römisch-katholischen Kirche manifest.

Nach Ihrer Ankündigung werden Sie sich in Ihrer Voruntersuchung einzig am kanonischen Recht zu orientieren haben. Sie werden dem Druck von denen nicht viel entgegenstellen können, die für sich beanspruchen, als Einzige richtig römisch-katholisch zu sein. Und auch nicht dem Druck der Liturgie-Professoren, die ganz genau zu wissen scheinen, was sich gehört und was nicht. Auch wenn ich mich gerne vom Gegenteil überraschen lassen würde, ist absehbar: Sie werden die Seelsorgerinnen und Seelsorger massregeln müssen, die Sie gestützt auf eine Video-Aufzeichnung von Amtes wegen des «liturgischen Missbrauchs» überführen werden.

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Matthias Müller war Journalist bei kath.ch, ist Theologe, Mitglied der katholischen Kirchgemeinde Illnau-Effretikon und hat am Abschiedsgottesdienst von Monika Schmid teilgenommen und ministriert.

Sehr geehrter Herr Bischof Joseph Maria Bonnemain. Wenn Sie es tun, dann massregeln Sie bitte nicht nur sie, sondern auch die mehreren Hundert Menschen, die den Gottesdienst zum Abschied von Monika Schmid am 28. August von den prall gefüllten Bank- und Stuhlreihen aus aktiv mitgestaltet haben mit ihrem Singen, Lesen, Beten oder Ministrieren. Und halten Sie sich bitte auch die unzähligen Menschen vor Augen, die in den letzten 37 Jahren vielleicht nur einmal eine Feier in St. Martin miterlebt haben – sei es eine Beerdigung, eine Hochzeit oder einen Festgottesdienst – und berührt oder sogar beeindruckt waren von der liturgischen Gestaltung.

Sehr geehrter Herr Bischof Joseph Maria Bonnemain. Ich lade Sie ein, die Ergebnisse Ihrer kanonischen Voruntersuchung zu gegebener Zeit nicht einfach auf der Website des Bistums zu publizieren, sondern uns den «liturgischen Missbrauch» persönlich in St. Martin zu erläutern. Denn die Folgen haben nicht allein die Seelsorgerinnen und Seelsorger zu tragen, sondern all jene, die zusammen mit einem Priester, einem Diakon, einer Seelsorgerin und weiteren engagierten Mitarbeitenden eine mündige und glaubwürdige Kirche am Ort gestalten wollen als Teil der allumfassenden, katholischen Kirche.

Matthias Müller, Effretikon