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Die goldene Regel…

Die goldene Regel…
Jugendseelsorge
Jugendseelsorge
Die Jugendseelsorge Zürich ist die Fachstelle für Jugendarbeit und Jugendberatung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Die Mitarbeitenden beraten Jugendliche und helfen ihnen professionell und unkompliziert. Die Jugendseelsorge unterstützt Pfarreien, Jugendarbeitende und Jugendverbände in Fragen rund um die kirchliche Jugendarbeit und sowie zum Thema Spiritualität für junge Menschen.
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24. November 2015 2 Kommentare

Terroranschläge in Frankreich… nicht schon wieder… Schlagartig lese ich in den digitalen Medien nur noch von Islamisten und IS. Gerade so, als ob diese Terroristen tatsächlich im Namen Allahs und stellvertretend für alle Muslime gehandelt hätten. Viele Medien berichten meiner Meinung nach zu wenig differenziert. Oft werden die Anschläge direkt mit dem Islam in Verbindung gebracht und Muslime in einen Topf mit den Terroristen geworfen. Es werden polemische Interviews mit dem IZRS (Islamischer Zentralrat Schweiz) und islamophoben Persönlichkeiten veröffentlicht, welche die ablehnende, fremdenfeindliche Stimmung noch fördern.

Muslimisch geprägte Perspektive

Ich persönlich habe noch nie negative Erfahrungen mit Muslimen gemacht. Im Gegenteil, als ich noch in Kriens Religionsunterricht auf der Oberstufe erteilte, besuchten auch die muslimischen Jugendlichen (freiwillig!) den katholischen Religionsunterricht. Sie waren sehr interessiert und wir suchten gemeinsame

koran islam muslim iras cotis woche der religionen

Muslimisches Mädchen liest im Koran (Foto Iras Cotix)

Nenner, welche unsere Konfessionen verbinden. Es war immer wieder spannend, wie sie aus ihrer „muslimisch geprägten Perspektive“ Probleme zu lösen versuchten. Dabei ging es nie darum zu urteilen, welche Konfession nun besser sei oder gar die einzig richtige. Ich habe unseren Austausch als eine absolute Bereicherung erfahren. In keiner Diskussion war Gewalt ein Thema, im Gegenteil ich durfte feststellen, dass wir einen grossen gemeinsamen Nenner hatten. Nämlich jeden Menschen zu lieben und jeden so zu behandeln, wie man selber behandelt werden möchte. Und zwar unabhängig vom Geschlecht, der Hautfarbe oder der Konfession! Muslime finden diese Regel im Buch 40 Hadithe An-Nawawi 13:

„Keiner von euch ist gläubig, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht.“ (Nach dem Begleitkommentar umfasst der Ausdruck „Bruder“ Muslime und Ungläubige!)

Mein Interesse war geweckt, und ich begab mich auf die Suche und siehe da, die goldene Regel finden wir nicht nur im neuen, zweiten Testament und der 40 Hadite An-Nawawi. So steht in der Mahabharata, einer Regelfassung der Hindus:

„Man soll niemals einem anderen antun, was man für das eigene Selbst als verletzend betrachtet. Dies, im Kern, ist die Regel aller Rechtschaffenheit.“

In der Dhammapada, einer Spruchsammlung des zum Buddha gewordenen Siddhartha Gautama aus dem 5. Jarhundert vor Christus, steht im zwölften Kapitel:

„Was für mich eine unliebe und unangenehme Sache ist, das ist auch für den anderen eine unliebe und unangenehme Sache. Was da für mich eine unliebe und unangenehme Sache ist, wie könnte ich das einem anderen aufladen?“

In der Thora der Juden findet man im 3. Buch Mose, 19, 34 folgendes Zitat:

Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ U nd von Rabbi Hillel stammt folgendes Zitat (Sabbat 31a): „ Was dir verhasst ist, das tue deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Thora, alles andere ist Auslegung. Geh, lerne!“

Die Goldene Regel!

In allen grossen (und auch in vielen kleineren, welche ich hier nicht zitiert habe) Konfessionen finde ich sie! Im Prinzip so einfach und doch scheitere ich so oft an meinen Vorurteilen. Dabei staunte ich immer wieder darüber, wie meine beiden Söhne auf dem Spielplatz so offen und neugierig auf andere Kinder zugingen. Es war ihnen egal, welche Hautfarbe, Nationalität oder Religion das Gegenüber hatte. Nach 30 Minuten spielen kamen sie jeweils freudestrahlend zu mir und berichteten über ihren neuen Freund. Wow… in 30 Minuten bereits einen neuen Freund – wohlbemerkt, nicht auf Facebook!

Wenn ich einer neuen Person begegne, wird sie zuerst skeptisch gescannt. Immer wieder schubladisiere ich vor dem ersten Wortwechsel, ob mir das Gegenüber sympathisch ist oder nicht. Obwohl die goldene Regel eine meiner Lebensphilosophien ist. Wo bleibt meine Neugierde, meine Offenheit diese Person kennen zu lernen? Wo bleibt mein Bewusstsein, dass ich von meinem Gegenüber so viel lernen kann? Wurde ich von den Medien beeinflusst? Ist mein fortschreitendes Alter dafür verantwortlich? Wo liegen die Gründe, nicht wie meine Kinder neugierig auf das Fremde zuzugehen? Ach, bin ich menschlich…

Besuch Moschee Dekanat Albis

Muris Begovic (2)

Imam Muris Begovic

Im September besuchte ich mit der Jugendarbeitsrunde aus dem Dekanat Albis die Moschee in Schlieren. Imam Muris Begovic nahm sich viel Zeit für uns. Er erklärte wo die Schwierigkeiten liegen, dass die Muslime in der Schweiz noch nicht als Einheit in Erscheinung treten. Welchen Einfluss die Medien haben und welche Rolle dabei der IZRS (Islamischer Zentralrat Schweiz) und die VIOZ (Verband Islamischer Organisationen Zürich) spielen. Ich durfte erfahren, wie sehr sich die Muslime bemühen, ihre Meinung über den Terrorismus in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Doch die Medien interessieren sich vor allem für den radikalen IZRS, eine kleine Minderheit von konvertierten Schweizern, welche unter den Muslimen keine offizielle Anerkennung geniessen.

Das kenne ich doch!

Wie oft habe ich mich schon darüber aufgeregt, wenn in Leserbriefen über Aussagen von kirchlichen Würdenträgern oder pädophilen Priestern gleich alle kirchlich Angestellten oder gar Katholikinnen und Katholiken en in einen Topf geschmissen wurden? Alle Priester seinen pädophil oder homosexuell, alle Katholiken seinen verstaubt, konservativ oder zurückgeblieben.

Solche Aussagen verletzten mich, und ich wünschte mir einmal mehr, dass die Schreibenden mehr differenzieren und ihre Nächsten so behandeln, wie sie gerne selber behandelt werden wollen.

Michael Zingg Jugendseelsorge
Michael Zingg, Jugendseelsorge Zürich