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Pierre Stutz geehrt Herbert Haag-Preis geht an schwulen Ex-Priester und Autor

Meinrad Furrer

Meinrad Furrer, Beauftragter für Spiritualität von Katholisch Stadt Zürich

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Der Schweizer Theologe und Autor Pierre Stutz gehört zu den diesjährigen Herbert Haag-Preisträgern. Der spirituelle Begleiter wird damit für sein Bekenntnis zur Homosexualität gewürdigt. Meinrad Furrer, Beauftragter für Spiritualität von Katholisch Stadt Zürich, sagt, warum er sich über diesen Preis besonders freut.
27. März 2020

Viele Glückstränen hätte er geweint, sagt Pierre Stutz, als er vom Preis erfahren habe. Froh und glücklich macht das auch mich. Aus den vielen Gründen für diese Freude nenne ich drei: 1. eine wichtige Stimme wird geehrt, 2. Angst wird sichtbar gemacht und 3. es zeigt sich ein Potential.

Die andere katholische Stimme

Die öffentliche Wahrnehmung der katholischen Kirche in Bezug auf ihre Haltung zu Homosexualität ist desaströs. Sie reicht von ewiggestrig bis menschenverachtend. Menschen lehnen immer entschiedener die Doppelbödigkeit dieser Institution ab, in der offensichtlich viele homosexuelle Menschen wirken und gleichzeitig eine massive Homophobie verbreitet ist.

Dieses negative Kirchenbild behindert meine Arbeit immer wieder einschneidend. Seit fünf Jahren bin ich verantwortlich für die Organisation des ökumenischen Gottesdienstes am Ende der Zürich Pride. Vorstand und OK begegneten mir lange mit distanzierter Freundlichkeit.

Es dauerte einige Jahre, bis ich das Vertrauen aufbauen konnte und die Leute in mir den spirituellen Menschen mit einer weltoffenen und verantworteten Theologie sehen konnten und nicht den Menschen, den sie hinter einem katholischen Theologen vermuteten.

Solche Beziehungsarbeit ist enorm wertvoll. Genauso wie das Hinstehen von Theolog*innen, die ihre Homosexualität selbstbewusst und verantwortet leben und so die Vielfalt der Lebensweisen auch von Katholik*innen sichtbar machen.

Angst sichtbar machen

Vor Kurzem hat sich Curdin Orlik als schwul geoutet. Der technische Leiter des Eidgenössischen Schwingerverbandes vermutete in einem Interview, der Katholik Orlik hätte mehr Mut gebraucht zu diesem Schritt als der Schwinger Orlik. Ich stimme dem nur zum Teil zu, denn Angst ist immer noch weitverbreitet. Deshalb ist der Herbert Haag-Preis an Pierre Stutz so wichtig, hinter dem die Stiftung für Freiheit in der Kirche steht.

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Eine Voraussetzung für Freiheit ist die Angstfreiheit oder zumindest die Fähigkeit, mit der Angst gut umgehen zu können. Eine lähmende Angstkultur in den Kirchen wird oft von Verantwortungsträgern geleugnet. Doch sie ist offensichtlich, nicht nur in Bezug auf die Homosexualität. Ich zitiere hier meinen Tagebucheintrag aus der Zeit, in der das Ausmass der Missbräuche ans Licht kam: «Ich sitze an meinem PC und scrolle durch meinen Facebook-Account. Etliche Posts beschäftigen sich mit der katholischen Kirche und ihrer Krise mit dem Missbrauch. Ich empfinde Wut und Scham … Mein Facebook-Chat ist ebenfalls offen und ein Freund fragt mich, warum so wenige Theologen deutlich und klar öffentlich das Unrecht benennen? Meine Antwort: weil die meisten Angst haben! Hast du auch Angst? Seine Frage sitzt! ... Ja, ich habe Angst, meine Leidenschaft als Theologe und Seelsorger nicht mehr leben zu können und damit auch in existentielle Not zu geraten.»

Die Preisverleihung an Pierre Stutz macht solche Ängste und die damit verbundenen Leidenswege sichtbar. Darum ist diese Nominierung genau richtig. Sie zeichnet den Mut aus, sich gegen Widerstände zu engagieren und sich dabei selber treu zu bleiben. Das ermutigt auch andere.

Das Potential sehen

Pierre Stutz bezeichnet die Liebe mit seinem Lebenspartner als Geschenk des Himmels, das er als Sakrament erfahre. Diese Sichtweise eröffnet neue Perspektiven.

Ich möchte dazu einen Teil meiner eigenen Geschichte erzählen. Ich wuchs in einem kleinen Dorf im bäuerlichen Luzern auf. Schon in der Primarschule hiess es, ich würde mal Priester werden. Eigentlich wählten meine Familie und die Dorfgemeinschaft mich dazu aus. Ich bin nicht Priester geworden. Aber viel später habe ich in Bezug auf diese Wahl etwas verstanden.

Ich las über Geschlechterkonzepte bei indigenen amerikanischen Kulturen. Dort gab es oft mindestens drei Geschlechter, wo es bei uns traditionell nur Männer und Frauen gibt. Das Geschlecht wurde von der Sippe bestimmt. Diese Kulturen scheinen ein Wissen gehabt zu haben, unterschiedliche Wesen und Begabungen ihrer Kinder wahrzunehmen und sie entsprechend zu fördern. Oft wurden die Menschen dieses dritten Geschlechts besonders spirituell ausgebildet und konnten diese Fähigkeiten als Schamanen und Heiler für die Sippe einbringen. In die Polarität von Mann und Frau liessen sie sich nicht einteilen.

Ich verstand: meine Familie hatte ein Potential richtig erfasst. Das Gefäss des katholischen Priesters war für mich aber zu eng.

Es ist höchste Zeit, dass die katholische Kirche die Vielfältigkeit der Charismen und Lebensformen als Geschenk und als Ausdruck der Liebe Gottes erkennt und fördert.

Zu viel Potential liegt brach. Ich bin überzeugt, dass dieses Anerkennen ein wichtiger gesellschaftlicher Beitrag wäre. Dahin müsste es gehen: homo-, bi, trans- und alle anderssexuellen Menschen mit der Vielfalt ihrer Beziehungs- und Lebensformen sind nicht länger eine bedauerliche Abweichung, die endlich zu ihrem Recht kommen muss. Vielmehr gelten sie als Menschen mit spezifischen Begabungen, die das gute Zusammenleben in unseren Gemeinschaften bereichern und stützen.

Deshalb: der diesjährige Preis für Freiheit in der Kirche macht mich als schwulen Katholiken glücklich!

Die Preisverleihung der Herbert Haag-Stiftung 2020 wird wegen der Corona-Krise auf den 7. März 2021 verschoben.

Ein ausfühlriches Interview mit Pierre Stutz findet sich unter dem Titel "Tränen zwischen Schmerz und Glück" im Pfarreiblatt der Bistumskantone Schaffhausen und Thurgau.

Bild

Pierre Stutz_Foto_Vera Rüttimann