Kirche aktuell

Kirche und Musik «Musik ist wie ein Gebet»

Musik ist eine universelle Sprache. Sie berührt tief. Sie verbindet, wird zum Gebet und Hoffnungsträger. Zwei Konzerte mit Richard Octaviano Kogima, Dirigent, musikalischer Leiter, Pianist und Musiker in der Pfarrei St. Benignus, machen die Verbindung von Musik, Spiritualität und Gemeinschaft in der Katholischen Kirche in Pfäffikon spürbar.
09. Oktober 2026 Katholische Kirche im Kanton Zürich

Im Vorfeld der beiden Konzerte waren wir mit dem gebürtigen Brasilianer Richard Kogima im Gespräch. Für ihn beginnt diese Verbindung von Musik und Religion nicht erst mit seiner Tätigkeit in der Pfarrei St. Benignus. Musik und Kirche gehören für ihn seit seiner Kindheit zusammen. Aufgewachsen in Brasilien, erlebte er die Kirche früh als einen Ort, an dem Musik eine zentrale Rolle spielt.

«Ich war in der Kirchenmusik immer sehr beheimatet»

Sein Grossvater war Pfarrer, und so war Kogima bereits früh von Kirchenmusik umgeben. Besonders eindrücklich blieb ihm ein Gottesdienst mit rund 5000 Menschen in Erinnerung. Die Musik schuf dabei etwas, das über einzelne Worte hinausging: Sie brachte Menschen zusammen und wurde zu einer gemeinsamen Erfahrung.

Musik als Sprache

Dass Kogima heute Kirchenmusik eine so wichtige Bedeutung beimisst, hat auch mit ihrer Geschichte zu tun. Ein grosser Teil der westlichen Musiktradition ist eng mit der christlichen Liturgie verbunden. Komponisten wie Johann Sebastian Bach schufen Werke für den Gottesdienst, die bis heute zum festen Bestandteil des klassischen Musikrepertoires gehören.

Doch Kirchenmusik bewahrt für Kogima nicht nur musikalisches Erbe. Sie verlangt Fähigkeiten, die in der heutigen Musikwelt zunehmend seltener geworden sind, wie beispielsweise das Improvisieren. Wer Kirchenmusik spielt, muss auf den Moment reagieren, zuhören und musikalisch antworten können. Musik sei letztlich wie eine Sprache, sagt Kogima sinngemäss: Man müsse sie nicht nur lesen, sondern auch sprechen können.

Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Kraft. Musik braucht keine gemeinsame Muttersprache. Sie kann Menschen erreichen, unabhängig davon, woher sie kommen, was sie glauben oder welche Erfahrungen sie mitbringen. Kogima drückt es so aus:

«In einer Zeit, in der immer weniger Menschen in die Gottesdienste kommen, kann ein Konzert das Bedürfnis der Suche nach etwas Tieferem stillen.»

Für Kogima sind Kirche und Konzertsaal deshalb gar nicht so weit voneinander entfernt. Beide können Orte sein, an denen Menschen zusammenkommen, um Musik zu hören und sich auf etwas einzulassen, das über den Alltag hinausweist. Klassische Musik versteht er dabei, ähnlich wie Literatur oder bildende Kunst, als eine Form der Suche nach dem Wesentlichen, nach etwas Tiefem und Bedeutungsvollem.

Auf der Suche nach etwas Grösserem

Diese Suche verbindet für Kogima Musik und Religion. Religion stelle die Frage nach etwas, das über den Menschen hinausgeht. Auch Musik könne einen solchen Raum öffnen. Wer etwa Anton Bruckner oder Gustav Mahler höre, bekomme im strikten theologischen Sinne keine Predigt über Erlösung oder Hoffnung. Und doch könne die Musik eine der Predikt ähnliche Erfahrung vermitteln, die sich kaum in Worte fassen lässt, eine Begegnung mit etwas, das grösser ist als man selbst.

Kogima geht sogar noch einen Schritt weiter. Für ihn sind «manche Stücke buchstäblich wie ein Gebet». Der Gedanke, dass Musik sogar zu einer Form des Gebets werden kann, beschreibt wohl besonders treffend, was ihn an der Verbindung von Musik und Religion fasziniert. Manche Werke erlebt Kogima ganz unmittelbar so, als würden sie einen Raum für Stille, Hoffnung und innere Sammlung öffnen.

Dabei geht es Kogima nicht um die Inszenierung eines musikalischen Ereignisses um seiner selbst willen. Klassische Musik dürfe nicht allein zum Showbusiness werden. Im Zentrum stehe vielmehr das gemeinsame Erleben: die Musik zu erschaffen, ihr zuzuhören und sie mit anderen Menschen zu teilen. Das verlangt auch vom Publikum etwas. Anders als Musik, die im Hintergrund läuft, fordert klassische Musik aktives Zuhören. Wer sich darauf einlässt, bringt einen Teil von sich selbst mit.

St. Benignus als musikalischer Ort

Dass Kogima diese Erfahrungen gerade in St. Benignus weiterentwickeln kann, ist für ihn etwas Besonderes. Während der Pandemie kam er zunächst als stellvertretender Musiker in die Pfarrei. Daraus entwickelte sich eine längerfristige Verbindung und schliesslich seine erste Kirchenmusikstelle in der Schweiz.

Was ihn in Pfäffikon hält, ist mehr als die Musik. Es ist vor allem die Gemeinschaft in St. Benignus, die der Musiker als offen, flexibel und visionär beschreibt. Hier fühle er sich zu Hause. Die Tätigkeit in der Kirche empfinde er deshalb nicht einfach als Arbeit, sondern als Teil seines Lebens.

Diese Verbundenheit zeigt sich nun auch in der musikalischen Entwicklung der Pfarrei. Mit dem neuen Flügel eröffnet sich für St. Benignus eine Möglichkeit, Musik auf einem hohen Niveau zu präsentieren. Für Kogima fühlt sich das Instrument beinahe wie ein neuer Freund an. Er möchte seine verschiedenen Klangfarben kennenlernen, mit ihm experimentieren und gemeinsam mit dem Publikum entdecken, was musikalisch möglich ist.

Dass nun auch die Sinfonietta der Zürcher Hochschule der Künste in der Pfarrei St. Benignus gastiert, ist für ihn ein besonderer Moment. Die Kirche wird damit zu einem Ort, an dem Begegnungen zwischen professioneller Musikausbildung, Konzertleben, Pfarrei und Gemeinschaft möglich werden. Eine Unterbrechung unseres Alltags, der oft von ganz anderen Tönen geprägt ist:

«Wir sind die ganze Zeit am Telefon. Wie oft kommt es heutzutage noch vor, dass man zu einem Konzert zusammenkommt und zwei Stunden lang gemeinsam Live-Musik hört?»

,fragt sich der passionierte Musiker.

Gemeinsam hören, gemeinsam erleben

Für Kogima liegt gerade im gemeinsamen Musizieren eine besondere Kraft. Wenn ein Orchester spielt, müssen viele Menschen aufeinander hören. Jede und jeder übernimmt den eigenen Part, und doch entsteht am Ende etwas Gemeinsames. Der einzelne Musiker tritt zurück, damit die Musik als Ganzes entstehen kann.

IMG_4139.JPG

Das ist für ihn auch ein Bild für Gemeinschaft. Gerade in einer Zeit, in der die Gesellschaft zunehmend polarisiert und Menschen unterschiedliche Überzeugungen, Lebensentwürfe und Glaubenshaltungen haben, bekommt das gemeinsame Erleben eine besondere Bedeutung.

In einer Kirche gemeinsam Musik zu erleben, ist deshalb mehr sein als ein reiner Konzertbesuch. Kirchenmusik ermöglicht einen Moment des Innehaltens und der gemeinsamen sinnlichen Erfahrung. Kogima nennt ein Beispiel:

«Mahlers Symphony Nr. 2, die übrigens ‚die Auferstehung‘ genannt wird, ist eines der beeindruckendsten Erlebnisse, dass ich beim Hören eines Stückes hatte und das mich zu Tränen gerührt hat.»

Vielleicht zeigt sich darin die besondere Aufgabe der Kirche, nicht nur sonntags Gottesdienst zu feiern, sondern Räume zu schaffen, in denen Menschen zusammenkommen, zuhören, suchen und sich berühren lassen können.

Musik kann dabei eine Brücke sein.

Zwei Konzerte in St. Benignus

Freitag, 16. Oktober, 19 Uhr
«A Song We Share» – Sinfonietta ZHdK zu Gast in St. Benignus
Im Anschluss an das Konzert findet ein Apéro statt.

Samstag, 21. November
Einweihungskonzert neuer Flügel mit Richard Kogima
Kogima spielt erstmals ein Konzert auf dem neuen Flügel der Pfarrei St. Benignus. Auch hier findet im Anschluss ein Apéro statt.

IMG_4118.JPG