Grosses Jubiläum 150 Jahre «Musik und Liturgie»
Damals: Die Würde der Musik
Was würden Sie einem Kirchenmusiker von 1870 heute über Ihre Arbeit sagen?
Udo Zimmermann: Ich würde in etwa so dem Kirchenmusiker antworten: Sie kennen es nicht anders; aber die Zeit hat sich entwickelt und die Liturgie hat Fortschritte gemacht. Für Sie ist die Musik in der Liturgie nur schmückende Beigabe. Aber seit der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahre 1963 ist Musik integraler Bestandteil der Liturgie - ja Musik selbst ist Liturgie. Musik begleitet eine liturgische Handlung oder sie selbst ist liturgische Handlung, wenn zum Beispiel die ganze Gemeinde das Sanctus singt. Bei Ihnen muss der Priester den Sanctus-Text sprechen, damit die Liturgie gültig ist. Heute ist die Liturgie gültig, wenn Gemeinde und Priester gemeinsam das Sanctus singen. Ich führe also nicht wie Sie die Musik im Gottesdienst auf oder musiziere nebenbei, wenn der Priester zelebriert, sondern ich bin selbst liturgischer Rollenträger und vollziehe einen liturgischen Dienst, wenn ich die Orgel spiele, den Chor leite oder als Vorsänger amtiere.
Aufbruch: Die singende Gemeinde
Welche Formen der Beteiligung sind besonders spannend?
Für mich sind alle Formen dialogischen Singens besonders spannend. Vor allem beim Antwortpsalm: die Gemeinde antwortet mit einem Kehrvers auf den gehörten Psalm. Auch musikalische Kleinformen wie z.B. abwechselnd gesungene Kyrie-Rufe, Halleluja- oder Christusrufe, Rufe zu den Fürbitten, Akklamationen zu den Interzessionen im eucharistischen Hochgebet oder Lobpreis-Akklamationen in Wort-Gottes-Feiern, das Gesungene «Amen» nach der Doxologie, Agnus-Dei-Vertonungen zur Brotbrechung. Sehr eindrücklich war für mich ein Gottesdienst in New York, bei dem die Gemeinde singend die Kommunion empfing. Wir in der Schweiz kennen diese Tradition nicht, wir haben ein anderes Verständnis, wenn wir die Kommunion empfangen. Nichtsdestotrotz finde ich auch diese Form der Beteiligung äusserst spannend und ich bleibe dran.
Spannend finde ich auch Kombinationen von musikalischen Stilen: wie kann ich z.B. Gregorianik mit einem Gemeindelied oder einem Neuen Geistlichen Lied verbinden? Wie erreiche ich ein Miteinander von Kinder-, Jugend- oder Kirchenchor zusammen mit der Gemeinde anstatt ein neben- oder nacheinander?
Heute: Grenzenlose Vielfalt
Wo sehen Sie die grössten Errungenschaften in 150 Jahren Geschichte?
Die grösste Errungenschaft seit 150 Jahren ist aus meiner Sicht die «participatio actuosa», die aktive Teilnahme aller Gläubigen. Der Chor ist Teil der Gemeinde und führt nicht «eine Messe» auf. Verschiedene musikalische Rollenträger wie z.B. Organist, Organistin, Chorleiter oder Chorleiterin, Vorsingende und Chor versehen einen liturgischen Dienst. Die Zeit der «schmückenden Beigabe» ist vorbei!
Im Laufe der Zeit haben sich bis heute verschiedene Stile etabliert: z.B. Neues Geistliches Lied, Taizé, Worship, Werke von Huub Oosterhuis, christliche Popularmusik. Bei all dieser Vielfalt dürfen wir die singende Gemeinde nicht überfordern oder ausser Acht lassen. Die aktive Teilnahme muss auch beim gemeinsamen Singen von neuen Gesängen gewährleistet sein.
In den heutigen Gottesdiensten sind viele musikalischen Formen und Stile erlaubt und auch erwünscht. Dies ist eine Errungenschaft. Leider besteht oft die Gefahr, Zuviel zu wollen oder den Gottesdienst zu einem Konzert werden zu lassen. Hier bedarf es an kirchenmusikalischem Fachpersonal, das sich in der Liturgie exzellent auskennt.

Drei Perspektiven auf einen Beruf
Als Organist:
Hier gilt es zu unterscheiden, ob Organist in der Liturgie oder im Konzert.
In der Liturgie führe ich die Gemeinde beim Singen, suche passende Stücke für die jeweilige Liturgie aus, versuche durch Improvisationen die Stimmung des Gottesdienstes musikalisch zu unterstreichen oder auszudrücken. Ich versuche den Menschen, die zusammen Gottesdienst feiern, musikalisch etwas zu sagen: zu trösten, zum Nachdenken zu bringen, Freude auszudrücken, aufzurütteln. In der Liturgie habe ich also eine dienende Funktion.
Im Konzert möchte ich den Zuhörenden den reichhaltigen Schatz der Orgelmusik aller Epochen zu Gehör bringen, habe also einen kulturellen Auftrag. Hierbei sind mir besonders die spirituellen und religiösen Aspekte des Stückes (vor allem bei Werken von J.S. Bach oder O. Messiaen, usw.) wichtig. Hierbei stehe nicht ich als Spielender im Zentrum, sondern das Werk und der Komponist, der etwas mit seinem Werk mitteilen möchte.
Des Weiteren versuche ich, durch verschiedene Registrierungen a) die Klangvielfalt der Orgel darzustellen, b) der Epoche des Werkes gerecht zu werden, c) die Orgel immer wieder neu «hören» zu lassen, d) die Gemeinde zum Singen zu animieren.
Als Liturg:
Als Kirchenmusiker versehe ich einen liturgischen Dienst und habe somit meine Rolle. Hier gilt es, meine Person zurückzunehmen und mich in den Dienst der Liturgie zu stellen. Neben vielen anderen Rollenträgern versuche ich durch die Musik zum Gelingen des Gottesdienstes beizutragen.
Als Zuhörer:
Im Konzert höre ich zu, beim Gottesdienst feiere ich mit.
Im Konzert kann ich sehr gut spüren, ob die Musik oder die Ausführenden im Zentrum stehen. Es sollte immer um die Musik gehen. Ein Laienchor kann mich ebenso tief berühren wie ein Profi-Ensemble. Mir ist wichtig, dass die Ausführenden «etwas zu sagen» haben.
Wenn ich einen Gottesdienst mitfeiere, ohne dass ich einen Dienst habe, möchte ich mich angesprochen fühlen, sei es durch die Musik, durch Vorsänger, , den Chor oder die Liturgie. Ein freundlicher Blick als Einladung zum Singen genügt.
So oder so: nach einem Konzert oder Gottesdienst möchte ich erfüllt und beseelt nach Hause gehen und etwas für den Alltag mitnehmen.
Kurz gefragt:
Kirchenmusik ist für mich: musikalische Seelsorge
Ein Tabu: zu laute (Rock)musik in der Kirche, Selbstdarstellung von Kirchenmusizierenden, Altar oder Ambo als Ablagefläche für Noten o.ä.
Ein unterschätzter Moment: Wenn kurz vor dem Gottesdienst wegen Aushilfspriester alles vorbereitete über den Kopf geschmissen wird
Ein Klangbild: «Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt»
Beschreiben Sie einen Choral in einem Bild: offene Hände. Ich weiss nicht, wer oder was Gott ist. Ich möchten glauben, doch weiss nicht wie. Ich zweifle, bin mir aber doch sicher, dass da jemand ist. Ich bin offen für alles und halte meine Hände offen und bin empfänglich. Ich bin mir sicher, dass mir jemand zuhört, wenn ich Probleme habe und dass es irgendwie nach dem Tod weitergeht.
Blick nach vorn
Dieses Interview wird in 150 Jahren gelesen. Was bleibt verständlich, was relevant?
Leider kann ich nicht in die Zukunft sehen. Ich hoffe nur, dass die Menschen auch in 150 Jahren noch singen, beten und musizieren werden zur Ehre Gottes und für die Menschen. Des Weiteren hoffe ich sehr, dass auch in 150 Jahren über Musik und Liturgie berichtet wird.

Zur Geschichte des SKMV
Im Jahre 1868 wurde der Allgemeine Cäcilienverein gegründet und am 16. Dezember 1870 als eine Organisation päpstlichen Rechts mit dem Namen «Associatio sub titulo Sanctae Caeciliae pro universis germanicae linguae terris» errichtet.
Der Verband wird jetzt in drei selbstständigen Landesverbänden in Deutschland, Österreich und der Schweiz geführt, die in der Ständigen Konferenz der allgemeinen Cäcilienverbände der Länder deutscher Sprache zusammenarbeiten.
Der SKMV wurde im Jahr 1988 als Landesverband für die deutschsprachige Schweiz gegründet. Er sorgt für die liturgiegerechte Integration der Musik gemäss der Liturgie-Konstitution des II. Vatikanischen Konzils und den nachfolgenden gesamt- und teilkirchlichen Dokumenten.
Eines der Instrumente dafür ist seit 150 Jahren die Zeitschrift «Der Chorwächter» - unter verschiedenen Namen, aber immer mit dem gleichen Zweck. Aus dem «Chorwächter» wurde «Katholische Kirchenmusik», dann «Singen und Musizieren im Gottesdienst» und schliesslich «Musik und Liturgie», ein Magazin, dass sich nach wie vor neben dem Chorwesen mit dem kirchenmusikalischen Leben und Schaffen beschäftigt - seit 2025 als Online-Plattform.
Mitte März wurde «Musik und Liturgie» in Einsiedeln mit einem grossen Jubiläumsanlass gefeiert: Mit einem Apéro Riche, diversen musikalischen Beiträgen und Würdigungen von drei hochrangigen Persönlichkeiten aus der schweizerischen Kirchenmusikszene wurden die Besuchenden in die Welt von «Musik und Liturgie» entführt.
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