Kirche aktuell

Jahresbericht 2019 Gesichter von Menschen, die für andere da sind

Der Fotograf Joseph Khakshouri (41) hat die Porträtserie dieses Jahresberichts realisiert. Khakshouri hat jüdisch-persische Wurzeln und wuchs in der Schweiz und in den USA auf. Heute lebt er mit seiner Familie in Zürich. Khakshouris Fotoarbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet und in vielen internationalen Zeitschriften und Magazinen veröffentlicht. Ein Gespräch mit dem Fotokünstler und Menschenfreund Joseph Khakshouri.
05. Juni 2020 Katholische Kirche im Kanton Zürich

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Joseph Khakshouri, was macht ein gutes Foto aus?

Ganz einfach: Ein gutes Foto weckt Emotionen beim Betrachter. Das ist das zentrale Kriterium. Löst es beim Anschauen etwas aus? Falls es das schafft, ist es ein gutes Bild.

 

Welche Emotionen möchten Sie mit den Porträts in diesem Jahresbericht auslösen?

Ich möchte den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit geben, ganz lange ins Gesicht der porträtierten Person zu schauen. Nichts soll ablenken. Durch die Konzentration aufs Gesicht und die Augen dürfen wir erkennen, dass wir viel mehr Gemeinsamkeiten miteinander haben, als wir glauben. Und trotzdem ist jeder und jede von uns einzigartig. Das fasziniert mich.

 

Auf den ersten Blick sind diese Porträts ganz simpel fotografiert. Trotzdem strahlen sie etwas Spezielles aus. Was ist das Geheimnis?

Vor allem die relativ lange Zeit, die ich mir mit den Menschen nehmen konnte, die ich fotografieren wollte. So gelang es, Vertrauen aufzubauen. Die Porträtierten offenbaren jetzt viel mehr von sich, als bei einem schnellen Schnappschuss. Es soll einfach aussehen, damit nichts ablenkt. Es geht um nichts anderes, als ums Gesicht.

 

Und war die Umsetzung dann auch so einfach?

Technisch überhaupt nicht, im Gegenteil. Ich arbeitete mir drei verschiedenen Lampen und immer dem gleichen Hintergrund. Aber alle Fotos wurden mit genau der gleichen Einstellung und Beleuchtung aufgenommen.

 

Und warum diese spezielle Farbe des Hintergrunds?

Dieses Rosa komplementiert sehr schön die Hauttöne. Es ist aber nicht besonders kontrastreich und lenkt so nochmals die Aufmerksamkeit aufs Gesicht.

 

Welches Bild haben Sie selbst von den kirchlich engagierten Menschen gewonnen, die Sie fotografiert haben?

Mein persönliches Bild von Kirche hat sich bestätigt. In ihr gibt es Menschen, die ganz für andere da sind, die ihren Mitmenschen verpflichtet sind und darin ihren Lebenssinn gefunden haben. Für mich waren das berührende Begegnungen.

 

Und das verbreitete negative Image der Kirche hat Sie nicht zögern lassen?

Ich habe gar nicht so ein negatives Bild der katholischen Kirche. Klar, sie ist eine uralte und weltweite Institution, die in ihrer Geschichte Fehler gemacht hat, aber daraus auch gelernt hat. Ich habe also eher ein positives Bild von Kirche, was unter anderem auch mit meiner Familie zu tun hat. Mein Grossvater durfte in Persien eine christliche Schule besuchen. Ohne diese von Missionaren geführte Schule wäre es ihm als Jude fast nicht möglich gewesen, eine Ausbildung zu absolvieren.

 

Was bedeuten Ihnen Ihre eigenen religiösen und kulturellen Wurzeln?

Wie für jeden Menschen sind auch für mich diese kulturellen Wurzeln, wozu auch die Religion gehört, sehr wichtig. Sie prägen uns und ich finde es wichtig zu wissen, woher man kommt. Aber persönlich bin ich nicht sehr religiös. Ich glaube zwar an eine höhere Gewalt, die ich aber nicht verstehen kann oder werde. Von einem kleinlich-strafenden Gott halte ich hingegen nicht viel.

 

Was waren die prägendsten Erlebnisse Ihrer Karriere als Fotograf?

Ich erlebte 9/11 in New York. An diesem Tag entschied ich mich, Fotojournalist zu werden. Seitdem reiste ich für Fotoaufträge rund um den Globus. Sehr prägend war für mich persönlich meine Fotoreportage in Indien. Später reiste ich direkt nach dem Tsunami nach Sri Lanka. Die internationalen Medien wollten Stories von Touristen. Ich zog es aber vor, meine Zeit bei den Fischern zu verbringen, mit ihnen das zu begreifen versuchen, was sie gerade erlebt hatten. Nur hat das in der westlichen Medienwelt niemanden interessiert. Das hat mich so erschüttert, dass ich für fünf Jahre aufhörte zu fotografieren.

 

Sie haben dann aber doch wieder damit begonnen?

Ja, irgendwann hat es mich wieder gepackt. Seitdem ist mir das Flüchtlingsthema immer wichtiger geworden, ob an der syrisch-türkischen Grenze, in den Flüchtlingslagern, im Kosovo oder auch in Como an der Grenze zur Schweiz. Mich treibt die Frage um, warum es uns nicht gelingt anzuerkennen, dass wir alle als Menschen den gleichen Wert und die gleiche Würde besitzen. Eine Antwort auf diese Frage habe ich noch nicht gefunden.

 

Das Gespräch führte Simon Spengler.

 

 

 

Hier kann der gedruckte Jahresbericht bestellt werden: synodalrat@zhkath.ch, 044 266 12 12. In digitaler Form liegt auch der ausführliche Jahresbericht Finanzen vor, der ein integraler Bestandteil des Jahresberichts ist. Hier der Link zu den beiden Publikationen.

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Der Zürcher Fotograf Joseph Khakshouri realisierte die kunstvollen Porträts dieses Jahresberichts. Foto: Geraldine Khakshouri

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Obiliq, Kosovo, Februar 2015: Meheteme Brahimi (25) findet nach ihrer Flucht mit ihren Kindern Ermonda (4) und Ermond (2) ein neues Heim vis-à-vis des Braunkohlekraftwerks. In diesen Wochen emigrierten rund zehn Prozent der Bevölkerung von Kosovo nach Westeuropa. Foto: Joseph Khakshouri

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Spital Dar Alstshfaa, Türkei, Mai 2014: Die beiden Cousins Mohammed Azara (26) und Jeja Zougib (18) kämpften als Rebellen der FSA in Syrien. Im überlasteten Spital pflegt nun der ältere den verletzten jüngeren Kämpfer. Foto: Joseph Khakshouri

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Lampedusa, Italien, April 2015: Junge Flüchtlinge spielen am Strand. Im Bild Meron Nagash (16), der mit dem Nachbarsjungen Abel Mikel (17) ohne Wissen ihrer Eltern aus Eritrea geflüchtet war: zunächst zu Fuss bis nach Äthiopien, dann drei Tage im Auto durch die Wüste Sudans. Schon nach dem ersten Tag ging ihnen das Wasser aus. Von Libyen auch überquerten sie dann in einem völlig überladenen Boot das Mittelmeer. Foto: Joseph Khakshouri