Kirche aktuell

Tagung zu «Kirche im Gesundheitswesen» Die Kranken immer ins Zentrum stellen

Leiterin Spital- und Klinikseelsorge
Sabine Zgraggen
Sabine Zgraggen
Evangelische Kirche Schweiz, katholische Bischofskonferenz und der Berufsverband der Spitalseelsorgenden spannen zusammen. Eine Fachtagung in Freiburg i.Ue. diskutierte die brennensten Themen bei der Seelsorge im Gesundheitswesen.
30. Januar 2024

Es mag selbstverständlich klingen, dass gemeinsame Interessen zu einer engen gemeinsamen Zusammenarbeit führen. Nicht nur operativ, sondern auch strategisch. Die beiden anerkannten christlichen Kirchen der Schweiz haben in der Mitte ihres biblischen Auftrages die Sorge um Kranke und Sterbende. Doch selbstverständlich ist die gemeinsame strategische Ausrichtung über das «Wie» der heutigen Krankenpastoral deshalb noch lange nicht. Kantons- und Bistumsgrenzen verhindern bisher grundsätzliche Strategien.

«Bis heute gibt es auch in der christlichen Lehre und Forschung keine gemeinsamen theologischen Universitäten, keine gemeinsame Ausbildung darüber, wie eine Krankenseelsorge im heutigen Gesundheitswesen auszusehen hat.»

Zudem sind in den Kantonen und Bistümern die Zulassungswege betreffend der Grundausbildung sehr verschieden! Von Voll-Theologinnen und Theologen bis hin zu Ehrenamtlichen, welche die Spitalseelsorge ausüben. Die muslimischen Seelsorgenden treten an vielen Orten als neue Realität hinzu und möchten auch ihre Mitglieder besuchen. So wird deutlich, dass die Diskussion der Zukunft bei der Seelsorge-Qualität liegen muss.

Schwerkranke und Sterbende heute sind in unserer Gesellschaft entweder im Spital, in einer Pflegeeinrichtung, oder in ambulanten Betreuungssystemen. Und dann gibt es auch noch die Zunahme an Betten im psychiatrischen Kontext.

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Auch Synodalrat Andreas Kopp (rechts im Bild) hat an der Tagung teilgenommen. Hier zusammen auf dem Bild mit der reformierten Kirchenrätin Eva Schwendimann (links) und Simon Peng-Keller vom Lehrstuhl für Spiritual Care an der Universität Zürich. Foto: Sabine Zgraggen

Das einstige Ideal einer Mitbetreuung über die Pfarreien, durch Pfarrerinnen und Pfarrer, oder durch pastorale Mitarbeitende die ins Heim gehen und die Spitalflure durchstreifen, stammt noch aus der Zeit der christlichen Volkskirchen. Das heisst nicht, dass nicht auch heute grosses Engagement in der Pfarreiarbeit besteht, die eigenen Mitglieder ihrer Ortskirchen zu besuchen. Doch das Gesundheitswesen und die gesamte Gesellschaft durchleben einen massiven Wandel. Vom Datenschutz über komplexe Therapien sind die heutigen Spitäler ein eigener Kosmos, in dem sich die Seelsorge längstens neu und interdisziplinär vernetzt hat. Wie die Corona-Pandemie drastisch zeigte, war es ein Segen, dass diese Professionalisierung erfolgte. Die bestens bekannte Spital- und Klinikseelsorge flog in der Pandemie nicht aus dem Gesundheitssystem heraus, sondern wurde mit spezifischen Aufgaben gar neu als Partnerin auf Augenhöhe gesehen und geschätzt.

Wenn ein Drittel der Bevölkerung in Distanz zu den christlichen Kirchen steht, stellt sich die Frage nach dem Auftrag der kirchlich finanzierten Seelsorge neu.  Worauf soll, will und kann sie ihre Kräfte und Ressourcen legen?

Sollen katholisch und reformiert finanzierte Spital- und Klinikseelsorgende nur ihre eigenen Mitglieder besuchen? Oder gilt der «Service Public»?

Denn die staatlich anerkannten Kirchen generieren auch juristische Steuermittel und aufgrund ihres eigenen Kernauftrages sind sie oder wollen sie da sein für alle bedürftigen Menschen?

Diesen Fragen stellten sich die 140 Teilnehmenden kürzlich an einer Tagung in Fribourg. Erstmalig waren Forschung und Praxis national in einem gemeinsamen Austausch. Die Kirchenspitzen, vertreten durch Rita Famos (Präsidentin EKS) und Bischof Markus Büchel (Vizepräsident SBK), entschieden sich nach der gescheiterten ökumenischen Gesundheits-Charta von 2022, an diesem wichtigen Theorie-Praxis-Transfer mit grosser Aufmerksamkeit teilzunehmen. Das Besondere waren nicht nur erste Ergebnisse theologisch-praktischer Grundlagen (Lehrstuhl für Spiritual-Care Zürich und Uni Bern, vertreten durch die Professoren Simon Peng-Keller und Isabelle Noth), sondern der aus der Praxis aufgebaute Diskurs des ökumenischen Berufsverbandes, vertreten mit Heiko Rüter und Susanne Altoè im Präsidium. Dieser neue Berufsverband hat sich – auch eine Folge des Zeitgeschehens – 2022 zusammengeschlossen und präsentierte sich – stark vertreten auch aus der Romandie – selbstbewusst als eigene Disziplin.

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Sabine Zgraggen, Dienststellenleiterin der Spital- und Klinikseelsorge hat an der Fachtagung in Fribourg teilgenommen. Foto: zvg

Als Dienststellenleiterin für die katholische Spital- und Klinikseelsorge bin ich froh um diesen längst überfälligen Austausch auf hohem theoretischen wie praktischen Niveau. Es führt kein Weg daran vorbei, sich auch national – das heisst bistums- und universitätsübergreifend – die Grundlagen heutiger Krankenpastoral neu zu erarbeiten.

Das beste Ergebnis dieser Tagung ist es von daher, dass eine nationale Koordinationsstelle nochmals neu diskutiert werden soll.

Gleichzeitig muss die Kirchenleitung die Ansprüche nach Qualitätsstandards - auch in der Seelsorge - insgesamt und im Speziellen nicht als Angriff, sondern als Chance verstehen, will sie nicht als geheimnisvolle «Black Box» zwielichtig erscheinen. Wie es Markus Büchel eindringlich allen zurief: Wir sollen – ganz synodal – die Kirchenleitungen auf dem Weg zur Erneuerung in die Pflicht nehmen. Das werden wir.