Kirche aktuell

Prävention Missbrauch Neuer Verhaltenskodex

Am 5. April haben am Bischofssitz in Chur die Verantwortlichen von Bistumsleitung und Kantonalkirchen sich auf den Verhaltenskodex zur Vorbeugung von Machtmissbrauch und Übergriffen verpflichtet. Die Präventionsfachfrau Karin Iten erklärt, um was es geht.
05. April 2022 Katholische Kirche im Kanton Zürich

«Ich beginne mit Zitaten von Betroffenen, die eines deutlich aufzeigen: Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche lässt sich nicht ohne den Blick auf spirituellen Missbrauch und auf spirituelle Macht bearbeiten.

Ich zitiere: «Im geforderten Gehorsam Gott gegenüber, übte er einen solchen Zwang auf mich aus, dass ich mich ihm fügte und weiter sexuell zur Verfügung stellte.» und «Über die Interpretationen von Bibelstellen, von Gebeten und religiösen Ereignissen war ich ihm rettungslos innerlich und äusserlich ausgeliefert. Es gab kein Entrinnen.» Oder: «Es schienen ja nicht Menschen zu sein, die mir ihre Ideen aufzwingen wollten, sondern Gott selber, dessen Willen ich erfüllten wollte. Für Widerspruch blieb so kein Raum.» Die Zitate stammen aus dem hervorragenden Buch «Erzählen als Widerstand».

Toxische Koppelung von Macht und Spiritualität

Die Koppelung von Macht und Spiritualität bzw. die einseitige Definitionsmacht in spirituellen Fragen ist toxisch. Denn Überhöhung auf der einen Seite geht immer mit Entwertung auf der anderen Seite einher. Und Entwertung verletzt ganz einfach die Würde. Mit spiritueller Überhöhung lässt sich alles legitimieren: Engführung, Vereinnahmung, Grenzverletzungen, ja sogar Leiden.

Ich lese weitere Zitate vor: «Es entstand unweigerlich der Eindruck, dass Leiden irgendwie notwendig zum geistlichen Weg dazugehören und kein Grund sind, etwas zu ändern oder in Frage zu stellen.» Und: «Ich dachte, Gott will das ganze Leben. Es gab kein Zuviel und keine Grenzen, auf der Insel des echten Christentums, der Auserwählten und Seeligen.»
Dies hat uns bewogen, den Fokus des Verhaltenskodex auf den Umgang mit Macht zu legen.

Träge Machtstrukturen

Nun: Macht zeigt sich in der katholischen Kirche in vielen Facetten: in Führungspositionen am Arbeitsplatz Kirche – oder aber in der Seelsorge und Katechese für minderjährige oder erwachsene Menschen.

Macht ist zudem in der katholischen Kirche äusserst ungleich verteilt – sie ist mit Geschlecht und Weihestatus gekoppelt - was definitiv nicht genug Qualität im Umgang mit Macht garantiert.

Und: Machtstrukturen sind in der katholischen Kirche äusserst starr – denn die Abgabe von Privilegien ist leider noch nicht selbstverständlich. Macht ist bisher im kirchlichen Kontext zu wenig reflektiert und wird viel zu oft als «Dienst am Menschen», als «Barmherzigkeit» oder eben wie bereits zitiert als «gottgegeben» kaschiert und beschönigt.

Für uns als Präventionsbeauftragte ist klar: Der Umgang mit Macht muss sich verändern, wenn die katholische Kirche ernsthafte Prävention von spirituellem und sexuellem Missbrauch betreiben will. Und zwar nicht erst morgen, sondern heute.

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Präventionsbeauftragte Karin Iten und Stefan Loppacher. Foto: Joahanna Bossart

Koppelung von Macht und Qualität/ Professionalität

Was wir deshalb im Hier und Jetzt, d.h. per sofort mit dem Verhaltenskodex wollen, ist die Koppelung von Macht mit Verantwortung, mit Transparenz, mit Reflexion und BesprechbarkeitWer Macht besitzt, muss ganz einfach Qualität und Professionalität liefern.

Macht - egal ob in einer Führungsposition oder in der Seelsorge - bedingt fachliche, personale und soziale Kompetenzen. Reife Persönlichkeiten.

Der Verhaltenskodex benennt Risiken rund um Macht sehr deutlich und formuliert konkrete Erwartungen an Machtpositionen. Wir sprechen von Risikomanagement im Umgang mit Macht. Dabei fokussieren wir uns auf den Graubereich, d.h. nicht strafbare Handlungen, aber solche die heikel sind. Im roten Bereich geht es um Übertretungen des Strafrechtes. Nur schon Verdachtsmomente im roten Bereich gehören in die Hände der staatlichen Strafverfolgungsbehörden, deshalb werden die nicht thematisiert. Im Graubereich geht es um irritierendes Fehlverhalten, das zwar nicht strafrechtlich relevant ist, aber trotzdem korrigiert werden muss. Hier muss die Kirche eben selbst Qualität definieren. Der Verhaltenskodex ist damit Teil des Risikomanagements rund um Macht.

Grundhaltungen in der Machtposition

Der Kodex thematisiert im ersten Teil Grundhaltungen in der Machtposition und zwar in der Ich-Form, da jede Person in der kirchlichen Arbeit Machträume besitzt, die sorgfältig zu reflektieren und zu gestalten sind. Ein grenzachtender Umgang mit Macht beginnt mit Selbstreflexion. Jede Person muss den Ball zu sich nehmen.Zu den Grundhaltungen gehören u.a. Bescheidenheit, Rollenklarheit, Wertschätzung oder Kritisierbarkeit.

Ich lese dazu einen Satz aus dem Verhaltenskodex vor: «Ich immunisiere mich nicht gegen Kritik z.B. durch Abwimmeln und Kleinhalten der Kritiker*innen oder Verstecken hinter einem Amt.» Das ist schon mal Haltung, ein erster Schritt – selbstverständlich braucht es im zweiten Schritt kritische Stimmen, die auf vielen Ebenen in der katholischen Amtskirche gepflegt und institutionalisiert werden. So sehen wir auch unsere Rolle als Präventionsbeauftragte - als Institutionalisierung zulässiger Kritik.

Qualitätsstandards im Umgang mit Macht

Der Verhaltenskodex formuliert darüber hinaus klare und überprüfbare Erwartungen an Machtpositionen, sogenannte «Checks» oder «Qualitätsstandards». Der Verhaltenskodex ist, wie sein Name sagt, kein Haltungspapier allein.

Mit der Konkretisierung setzen wir auf einen Kulturwandel, der vom praktischen Verhalten im Alltag ausgeht. Dieses Verhalten wird von allen Führungspersonen – Bischof inklusive - und auch Fachpersonen in der Kirche selbst eingelöst, erwartet und gegenseitig eingefordert.

Die Themen sind vielfältig: Sie reichen von Standards für spirituelle Selbstbestimmung, über die Abgrenzung von Auftrag und Privatleben bis hin zu Checks für Hilfestellungen, für Nähe oder für Kommunikation in der Machtposition. (Beispiele im Verhaltenskodex ab S. 12)

Dialog- und Machträume

Die Punkte im Verhaltenskodex sind auch deshalb konkret gefasst, damit sie im Alltag besprechbar sind. Zur Qualität im Graubereich gehören unbedingt Dialogräume, eine Kultur der Besprechbarkeit und Transparenz.

Qualität in Machtpositionen ist nicht durch Papier erreichbar, sondern nur durch neue Teamkultur, in der zeitnah und unaufgeregt korrigiert wird, wenn Einzelpersonen sich ausserhalb des Konsens bewegen.

Hannah Arendt sagt dazu schon 1970: «Über Macht verfügt jemand nur so lange, wie die Gemeinschaft diese Macht anerkennt. Zum Aktivieren der Macht von Teams ist ein Zwischenraum notwendig, der im Miteinander-Handeln und Miteinander-Sprechen zustande kommt.» Was wir mit dem Verhaltenskodex damit auch klar sagen: Die katholische Kirche hat Machträume in jedem Bistum, in jeder Kantonalkirche, in jeder Kirchgemeinde, die sorgsamer gestaltet werden können. Keine Gemeinschaft kann sich im Umgang mit Macht und im Gestalten der eigenen Machtpositionen hinter der mächtigen Weltkirche verstecken. Andernfalls passiert Verantwortugsdiffusion.

Umsetzung / Tun / Handeln

Der Verhaltenskodex fordert die Umsetzung der Standards – denn mit schönen Worten oder einer Unterschrift allein ist es nicht getan. Der Verhaltenskodex soll im kirchlichen Alltag ab morgen sichtbar sein.

Nur durch Tun, durch Handeln, durch Umsetzen – nie durch reine Absichtserklärungen – sind Menschen vor Machtmissbrauch geschützt.

Handeln bedingt auch eine machtreflektierte und professionelle Führungskultur. Deshalb richtet sich der Verhaltenskodex klar auch an Führungspersonen, dort wo sich Macht bisher kumuliert. Was die Führung vorlebt, kann an der Basis der Seelsorge wirklich ankommen. Ich freue mich deshalb sehr, dass alle Führungspersonen der sieben Kantonalkirchen und alle Bistumsregionen – insbesondere auch Bischof Joseph Maria Bonnemain – den Verhaltenskodex mittragen, unterschreiben und vor allem: Selbst umsetzen. Die wirkliche Präventionsarbeit beginnt ja erst ab der Unterschrift.

Partizipativer Prozess zum Verhaltenskodex

Der Verhaltenskodex ist zudem keine Schreibtischtat der beiden Präventionsbeauftragten (mein Präventionskollege Stefan Loppacher kann heute leider nicht dabei sein), sondern er wurde partizipativ mit der Basis aus allen Berufsfeldern entwickelt. Viele Standards werden bereits so umgesetzt, anderes ist neu gesetzt. Die Beispiele wurden an mehreren Schulungen gesammelt und in einer Arbeitsgruppe verdichtet. Der Kodex wurde danach auf Führungsebene in mehreren Runden vernehmlasst. Auch Betroffene konnten ihre Feedbacks einbringen. Zudem ist der Kodex ein Gemeinschaftswerk im dualen System der Kantonalkirchen und dem Bistum Chur. Zugegebenermassen war er beim Start als Pilot für Zürich gedacht – mit Bischof Joseph Maria ging vor einem Jahr plötzlich die Türe für das ganze Bistum Chur auf. Diese Chance wollten wir nicht verstreichen lassen. Wir etablieren den Kodex mit und für alle Bistumskantone. Das ist toll!

Auch heisse Eisen z.B. Sexualmoral

Dass der Kodex so breit getragen wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Wir umschiffen darin auch die heissen Eisen nicht - insbesondere jene der Sexualmoral. Ich lese zur Sexualmoral nochmals Zitate von Betroffenen vor: «Für mich war es Machtmissbrauch, wenn Anstellung gegen Auskunft über Geschlechtsverkehr erfolgt.» Und: «Er berührte mich überall, ausser im Intimbereich, den er peinlichst vermied (denn das sei Sünde). Dabei achtete er sehr, dass es bei mir zu keiner Befriedigung kam (denn auch das sei Sünde).»  

Die lustfeindliche Sexualmoral lässt Menschen zerbrechen, nicht nur jene, die offensichtlich missbraucht werden, sondern auch jene, die im System Kirche nicht leben dürfen, was zu ihrem Menschsein – ja gar zum Leben - gehört.

Diese menschenfeindliche Sexualmoral wird im katholischen System oft schöngeredet, weichgewaschen – andernorts wird daran mit Tunnelblick sogar festgebissen. Auch da positioniert sich das Bistum Chur und stellt eine klare Weiche hin zu Selbstbestimmung. Ich freue mich ausdrücklich, dass Bischof Joseph Maria und alle Generalvikare hier diese Weiche im Abschnitt «Wie sexuelle Selbstbestimmung achten?» mittragen und sich damit wohl exponieren.

Lernende Menschen

Prävention von Machtmissbrauch setzt auf lernende Menschen und lernende Systeme. In diesem Sinne ist der Verhaltenskodex ein Instrument, das für individuelles und kollektives Lernen in der katholischen Kirche plädiert. Wir sind überzeugt, dass die Kirche damit vielen Menschen eine tragendere und grenzachtendere spirituelle Heimat bieten kann.»

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Thomas Bergamin, Präsident der röm.-kath. Landeskirche des Kantons Graubünden, Generalvikar für die Urschweiz Peter Camenzind und Franziska Driessen-Reding, Präsidentin des Synodalrats der röm.-kath. Körperschaft des Kantons Zürich (v.l.n.r.), unterzeichnen den Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht. Foto: Hugo Hafner

 

Hinweis: Den «Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht - Prävention von spirituellem Missbrauch und sexueller Ausbeutung» finden Sie hier.

Die einzelnen Statements der Pressekonferenz können auf der Homepage des Bistums nachgelesen werden.