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Heisses Eisen Sterbehilfe: «Kirchen müssen mehr tun»

Heisses Eisen Sterbehilfe: «Kirchen müssen mehr tun»
Oliver Kraaz
Kommunikationsverantwortlicher katholischer Stadtverband Zürich. In der Innerschweiz aufgewachsen, schon früh in der Kommunikation mit allen Facetten tätig als Radio-Sportreporter, Werbekonzepter, Kolumnist, TV- und Radio-Unterhaltungsautor, Ghostwriter, PR-Texter, Blogger sowie als Projektleiter in der Unternehmenskommunikation. Wäre als Kind gerne ein so guter Fussballer wie Pele geworden. Der liebe Gott hat das Projekt allerdings auf unbestimmte Zeit verschoben.
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Die Zürcherin Margrit Schäppi wählte noch vor Erscheinen ihrer Biographie den Freitod mit «Exit». Der Journalist Matthias Ackeret half das Buch zu verlegen und setzte sich in der Folge kritisch mit dem Thema Sterbehilfe auseinander.
11. Februar 2019

Oliver Kraaz befragte Matthias Ackeret zu seinen Einwänden gegen das, was für viele heute selbstverständlich geworden ist. 

Oliver Kraaz: Matthias Ackeret, was hat Sie bei der Recherche am meisten verblüfft?

Matthias Ackeret: Wie verbreitet die Sterbehilfe in der Schweiz ist: Jährlich gibt es ungefähr 1000 Fälle von Suizidhilfe, also drei pro Tag. Und es gibt gleich fünf Sterbehilfeorganisationen. Das liegt sicher auch daran, dass die staatlichen Bestimmungen dazu erstaunlich gering sind. Es braucht keinen einwandfreien Leumund, um eine solche Organisation zu gründen. Wer will, der kann.

Werden die Organisationen wenigstens in ihrer Tätigkeit kontrolliert?
Eigentlich sollte ein Staatsanwalt jeden Fall überprüfen, da es sich bei einer Sterbebegleitung um einen aussergewöhnlichen Todesfall handelt. Doch im Kanton Zürich – dem Kanton, mit den meisten Suizidhilfen – ist dies kaum noch der Fall. Der lasche Umgang mit dem Thema beginnt aber schon früher: Rund die Hälfte der Ärzteschaft stellt laut Exit einem Sterbewilligen eine sogenannte «Sterbebescheinigung» aus. Das ist wahnsinnig viel. Frau Schäppi erhielt von ihrem Hausarzt keine. Danach ging sie einfach zu einem anderen Arzt und erhielt die notwendige Unterschrift nach gerade Mal 70 Minuten «Beratung».

In der Schweiz findet kaum eine öffentliche Diskussion um Sterbehilfe statt. Wie ist das zu erklären?
Sterbehilfe gilt in der Schweiz als Indiz für eine freiheitliche Lebenshaltung. Sterbehilfe ist eine Schweizer Spezialität, wie früher das Bankgeheimnis. Trotzdem sollte die Frage erlaubt sein: Warum verbieten die umgrenzenden Staaten die Sterbehilfe, wie wir sie praktizieren? Ich bin mir nicht sicher, ob wirklich alle Personen so freiwillig aus dem Leben scheiden, oder ob sie nicht durch das Umfeld oder sogar durch sich selber unter Druck stehen, einen einmal getroffenen Entscheid pflichtbewusst durchzuziehen. Selbst wenn sich im Laufe des Prozesses etwas verändert.

Wie meinen Sie das?
Wer an Sterbehilfe denkt, hat immer eine alte, kranke Person vor Augen. Sterbehilfe in der Schweiz aber kann jede Person beanspruchen, unabhängig ihres Alters. Dies ist für mich eine erschreckende Vorstellung und hat wenig mit der grossen Freiheit zu tun, die von den Organisationen immer angeführt wird. Wer zu einer Sterbehilfeorganisation geht, könnte auch die Dargebotenen Hand oder eine soziale, lebensbejahende Organisation aufsuchen. Sein Schicksal wäre vielleicht ein anderes.

Warum geniessen Organisationen wie Exit offenbar so viel Goodwill in der Bevölkerung?
Exit macht sehr gutes Marketing. Auch viele Prominente geben kund, Mitglied von Exit zu sein. Der Ex-Präsident von Exit, Werner Kriesi, war ein protestantische Pfarrer und propagiert seit Jahren das Recht auf einen selbstgewählten Tod. Das finde ich äusserst fragwürdig: Ein Pfarrer, von dem man eigentlich eine lebensbejahende Haltung erwarten würde, der sich permanent für dieses Thema einsetzt und damit auch Menschen in ihrem Denken und Handeln beeinflusst.

Also müssten die Kirchen nach Ihrer Meinung hier vielmehr Verantwortung übernehmen – auch die katholische?
Ja. Leben und Tod sind ja ihre Kernthemen. Es ist positiv, dass die katholischen Würdenträger die bestehende Praxis immer wieder kritisieren. Nur wird dies von den Befürwortern sogleich als Argument für eine besonders «antiquierte» Lebensauffassung missbraucht. Das ist das grosse Problem: Die Religion ist für Sterbeideologen ein Totschlag-Argument.

Was würden Sie der Kirche raten?
Der verstorbene Pfarrer Sieber, den ich sehr gut kannte, war ein entschiedener Gegner der Sterbehilfe. Er versuchte, seine «Kunden» immer von den Vorzügen und dem Sinn des Lebens zu überzeugen, ohne in religiöse Floskeln zu verfallen. Ich glaube, beim Thema Sterbehilfe schaut man zu viel weg und überlässt die Deutungshoheit den einzelnen Organisationen und Exponenten. Die Landeskirche könnte da klar noch mehr machen.

Konkret?
Warum nicht einen Beratungsdienst für Menschen anbieten, die zwar Sterbehilfe befürworten und sich doch nicht ganz sicher sind, ob dies der richtige Entscheid ist? Es ist doch so: Wer in das Gravitationsfeld einer Sterbehilfeorganisation geraten ist, braucht Mut, um sich wieder daraus zu lösen. Wie bei einer Sekte. Ein geerdeter Glaube wäre gerade bei solch absoluten Fragen ein wichtiges Korrektiv.

 

«Die Glücksucherin» – warum Margrith Schäppi einen Lebensratgeber schrieb und sich trotzdem den Freitod wählte.

Matthias Ackeret
Matthias Ackeret

Der Journalist Matthias Ackeret ist Chefredaktor und Verleger des Medienportals persönlich.com. Wöchentlich führt er auf Tele Blocher Interviews mit SVP-alt-Bundesrat Christoph Blocher.

 

Oliver Kraaz ist Kommunikationsbeauftragter von Katholisch Stadt Zürich.

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