Kirche aktuell

Ein Landei auf der Suche nach Stille in Zürich

Meinrad Furrer

Meinrad Furrer, Beauftragter für Spiritualität von Katholisch Stadt Zürich

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Eine von den Kirchen mitgetragene Veranstaltungsreihe lädt zur Erkundungsreise ein nach Orten der Stille in der lärmigen Stadt. Zur Orientierung hilft eine neue App. Der Zürcher Theologe Meinrad Furrer arbeitet im Vorstand von STILLES Z¨ÜRICH mit und beschreibt seinen Zugang zum Thema.
18. Juni 2019

Die Sterne singen hören

Ich bin vor einem halben Jahrhundert in einem Weiler im ländlichen Luzern aufgewachsen. Ich erinnere mich gut an das Geräusch der runden Wählscheibe des Wandtelefons, wenn eine Nummer Zahl für Zahl gewählt wurde. Das Telefon klingelte allerdings selten. Vor allem nachts war es einfach ruhig. Man hörte Rauschen, wenn der Wind blies, man hörte Tiere, wenn sie denn nicht schliefen. Und vor allem hörte ich als Kind die Sterne singen. Zumindest hörte sich das, was ich hörte, wie der Gesang der Sterne an. Diese Ruhe ist tief in mir. Auch ein Gesang, der aus meinem Inneren hochsteigt.

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Unangenehmes Schweigen

Ich kannte allerdings auch Stille ohne Klang. Es gab die unangenehme Stille, die mit der ländlichen Kultur von damals zusammenhing. Man sprach schwierige Dinge nicht an. Eine Glocke des Schweigens legte sich bei Spannungen über den Alltag. Sie drohte die Lebensmelodie zu ersticken.

 

Lautes urbanes Leben

Beides lebt tief in mir - allerdings inzwischen in einem völlig anderen Kontext. Im urbanen Leben wird es nie mehr ruhig. Das alte Wandtelefon ist ersetzt mit einem Smartphone, das mir ständig irgendwelche Signale sendet und Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es gibt immer irgendwelches Licht. Die Sterne sehe ich nur schwach, geschweige denn, dass ich etwas von ihrem Klang erahne. Die Stadt bietet mir ständig Zerstreuung an. Ich muss mich mit inneren Impulsen, auch den schwierigen, nicht beschäftigen, wenn ich nicht will. Ich reagiere in der Stadt nicht mehr mit einer Glocke des Schweigens auf Spannungen. Ich lasse mich durch vielfältigste Eindrücke und Angebote zur Zerstreuung verführen.

 

Urbanes Leben ist schön

Nun aber genug der Schelte! Ich liebe das urbane Leben. Mir entspricht es sehr, dass ich viele Möglichkeiten habe. Ich liebe es angeregt zu werden durch verschiedenste Menschen und Situationen. Ich nehme die Stadt als einen Experimentierraum wahr, in dem Zusammenleben und individuelle Persönlichkeit erprobt werden können. Ich möchte nicht zurück zu der Stille und dem Schweigen meiner Jugend. Und doch suche ich etwas davon, das in mir schlummert und entdeckt werden will.

 

Stille ist heilsam

Urbanes Leben und Stille scheinen sich zu widersprechen. Doch mitten in der geschäftigen Stadt kann ich Stille pflegen. Es ist nicht nötig, dass ich dazu die Stadt fliehe. Die französische «Mystikerin der Strasse» Madeleine Delbrêl hat uns dazu ein verständliches Bild geschenkt. Sie spricht angesichts von Zeitmangel und dem Fehlen von stillen Räumen von Tiefenbohrungen im Alltag. Es gilt Leerräume zu entdecken und auch zu schaffen, in denen wir unsere Aufmerksamkeit intensiv in die Tiefe richten. Unser Engagement für eine lebenswerte Welt braucht das Pendant der Tiefe und des zwecklosen Ruhens. Für mich ist dabei der Atem wichtig geworden. Im bewussten Atmem können sich langsam die lauten äusseren und inneren Geräusche beruhigen. Ich nutze dieses bewusste Atmen im Alltag: vor einem wichtigen Treffen, beim Warten aufs Tram, als kleiner Unterbruch, wenn ich von einem Termin zu anderen eile.

 

STILLES ZÜRICH

Das ist mir wichtig geworden. Denn ich nehme wahr, dass diese stillen Momente sehr viel bewirken: sie helfen mir Unstimmigkeiten wahrnehmen, über die ich sonst hinweg gehen würde; sie erweitern meine Wahrnehmung; sie geben mir Energie; sie helfen mir unter dem Lärmpegel des Alltags immer wieder meine Lebensmelodie zu hören.

Deshalb engagiere ich mich im Vorstand von STILLES ZÜRICH. Eine solche Aktionswoche öffnet die Augen für Wirklichkeiten unter der Oberfläche. Und dies in vielfältiger Weise und an überraschenden Orten.

 

3:33. Weiler

Ich freue mich auch, dass «Kirche urban» mit einem Projekt vertreten ist. Wir haben mit «3:33. Weiler» eine App entwickelt, die an 33 Orten in der Stadt zum Verweilen einlädt. Und zum bewussten Atmen, Hören, Nachspüren, Nachdenken und vielem mehr. Treffpunkt für das Kennenlernen der App ist am 25. Juni um 17.30 an der Schipfe.

 

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