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Tabu psychische Erkrankung

Tabu psychische Erkrankung
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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10. Juli 2015

Mit wem möchten Sie eher ein Gespräch führen? Mit einer Person, die nach einem Spitalaufenthalt mit Nierensteinkoliken wieder zu Hause ist oder mit einer aus der psychiatrischen Klinik entlassenen Person, die noch immer einen belasteten und niedergeschlagenen Eindruck macht?

Im Gegensatz zum psychisch Kranken wurde der Spitalaufenthalt offen mitgeteilt. Beim psychisch kranken Menschen sprachen die Angehörigen mit vorgehaltener Hand und rangen mit den Worten und ihrer Unbeholfenheit.

Noch immer werden psychische Krankheiten tabuisiert. In letzter Zeit ist es gesellschaftsfähig geworden, sich wegen eines Burn-Outs behandeln zu lassen und sich diese Erschöpfungsdepressionen einzugestehen.

Ich stelle mir die Frage, ob es überhaupt Krankheiten ausschliesslich körperlicher Natur gibt. Psyche und Körper harmonieren miteinander und reagieren nicht unabhängig voneinander. Die Zeiten sind zum Glück eher überwunden, dass bei psychischen Erkrankungen noch diabolische Einflüsse geltend gemacht oder als Bestrafung Gottes verstanden werden. Kirchliche Teufelsaustreibungen lassen zwar immer noch exotisch grüssen….

Bei Jesus waren psychische Erkrankungen (oft aus Nichtwissen dämonisch interpretiert) selbstverständlich. Ohne Scheu und Tabus ging er auf diese Menschen zu, stellte sie in den Mittelpunkt und suchte, was sie brauchten. Dadurch wurde Heilung möglich.

Ich wünsche uns mutiges Begegnen mit psychisch Kranken Menschen und keine Angst vor eigenen psychischen Verletzungen.

Eugen Koller_FOTO_Christoph Wider

Eugen Koller_FOTO_Christoph Wider

Eugen Koller ist als Psychiatrieseelsorger im Sanatorium Kilchberg und der Gefängnisseelsorge im Sicherheitsstützpunkt Biberbrugg SZ tätig sowie verantwortlcher Zentralredaktor des Pfarreiblatts Uri Schwyz

Dieser Beitrag erschien in der Neuen Luzerner Zeitung vom 07.07.2015